Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1893-06-29 · Heft 52 (29.6.1893) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 52 (29.6.1893)
Date
1893-06-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2448315-2448365--36630-2484666
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

994 Und indem Sie diese Gebote übertreten, verachten Sie die ganze Religion. Das haben Sie, Herr Wald, bewiesen, indem Sie das alte Testament, das auch von den frommen Christen als ein göttliches Werk angesehen wird, entstellt und nach Ihrem Geschmacke ausgelegt. Auch Ihr Patriotismus, mit dem Sie sich brüsten, ist nicht von weit her. Das hat Ahlwardt im Reichstage bewiesen, und auch Pickenbach, indem er zu der Aeußerung sich Hinreißen ließ: „Selbst Minister zittern vor uns." Ein solcher Mann verdient wahrlich nicht im Reichstage zu sitzen. Zum Schluß erinnere ich Sie an die Worte eines der edelsten Fürsten, des in Gott ruhenden Kaisers Friedrich des Dritten, der die antisemitische Bewegung als eine „Schmach unseres Jahrhunderts" bezeichnet^ Kantor S. Goldmann. Oester.-Ungar. Monarchie. Budapest. In dem benachbarten Gödöllö nehmen mehrere orthodoxe Familien der Hauptstadt Sommeraufenthalt, und da die dortige Gemeinde eine neologe ist, beziehen dieselben — trotzdem ihnen dies nur schwerüberwindliche Schwierigkeiten und bedeutende Mehrausgaben bereitet — ihren Fleischbedarf all ' der hiesigen orth. Fleischbank und lassen Geflügel von einem Pester orth. Schochet schlachten. Dies geschah so schon seit einer Reihe von Jahren, ohne daß dagegen von irgendwelcher Seite Einspruch erhoben worden wäre. Run wollte es aber der neologe Vorstand nicht mehr ruhig mit ansehen, daß auch strenggläubige Juden die reine erquickende Luft Gödöllö's ungestört genießen. Er erwirkte von der Polizei bezüglich des Fleischbedarfs ein dahinzielendes Verbot. Das nennen die Neologen Toleranz. > Vermischtes. < Frankfurt a. M. Einer der würdigsten und edelsten Mitglieder unserer Gemeinde, Herr Adolf Dann y"j hat gestern Dienstag Abend nach längerem Leiden das Zeitliche gesegnet. Derselbe, ein Mitbegründer der hiesigen israel. Religionsgesellschast verwendete den größten Theil seines Lebens und seiner Kraft der Bethätigung von n"Jiy"n, ein leuchtendes Beispiel für das gesammte Judenthum. rv'nsjn Dillich, 22. Juni. Am vorigen Dienstag starb Frau Hannchen Katz, Gattin des Herrn Joseph Katz, im Alter von 79 Jahren. 56 Jahre lebte sie in glücklicher Ehe mit ihrem Gatten; vor 6 Jahren feierten beide im Kreise ihrer Kinder und zahlreicher Enkel das Fest der goldenen Hochzeit. Das Leben und Wirken der frommen Verstorbenen war dem Judenthum gewidmet, insbesondere hat sie viel Wohlthatigkeit geübt, Kranke und Trauernde besucht und getröstet, Arme unterstützt in der Nähe wie in der Ferne. In der kleinen nur aus 8 jüd. Familien bestehenden Gemeinde Dillich gründete sie sogar einen Frauenverein, deren Vorstand sie bis zu ihrem Tode war, der schon viel Gutes gewirkt hat. Wer die theure Verstorbene näher gekannt, wird den Schmerz der Hinterbliebenen zu schätzen wissen. H. K. Feuilleton. > Die drei Kronen. < Bon H. Berger. (Alle Rechte Vorbehalten.) (Fortsetzung.) Auch Louise fiel die Theilnahmlosigkeit der Dorfbewohner auf und betrübt ging sie ihren Weg. Ja, ja, die Zeiten hatten sich geändert. Auch das Dorf und seine Bewohner hatten ein anderes Aussehen. „Et, guten Tag, Louise! Daß ich Dich auch wieder einmal sehe!" tönte es plötzlich an ihr Ohr, und als sie aufsah, stand Rahel vor ihr. Erfreut und überrascht streckte Louise ihr die Hand entgegen, doch Rahel sah dieselbe nicht, oder sie wollte sie nicht sehen. Erröthend zog Louise darum die Hand zurück und sprach: „Es ist ja Deine Schuld; wenn Du mich gerne hättest sehen wollen, so weißt Du ja, wo ich wohne. Du wußtest ja doch früher den Weg zur Mühle zu finden." „Ja, Louise, früher und jetzt, das ist ein großer Unterschied. Früher war mein Vater, war ich gerne gesehen in der Mühle, und heute —" „Heute seid ihr mir ebenso lieb wie früher." „Dank Dir, Louise für dieses Wort; das gibt mir den Glauben an die Menschheit wieder! Du kannst Dir nicht denken, wie hart an diesem Glauben in der letzten Zeit gerüttelt worden ist." „Ich weiß, weiß, was Du sagen willst. Aber Du leidest nicht allein durch den Haß, den man jetzt gegen Euch predigt; ich leide auch, leide mehr als Du. Euch schmiedet der Haß nur noch näher zusammen, noch enger als seither schließet ihr euch einander an, während er uns trennt, die heiligsten Bande zerreißt. O Rahel, wie manche Thräne hat mir dieser Antisemitismus schon ausgepreßt, wie viele schlaflose Nächte mir schon bereitet. Mein größtes Gut, meinen Mann hat er mir geraubt und kalte Entfremdung zwischen uns gelegt. —" Thränen perlten über die bleichen Wangen der jungen Frau, als sie bet der Freundin so um ein verlorenes Glück klagte und Rahels gutes Herz empfand Mitleid mit der Unglücklichen. Sie hatte Recht. Der Antisemtismus ist ein Band mehr, welches die Verstoßenen Jeschuruns zusammenhält; und es gibt kein festeres Band, als gemeinsames Leid, gemeinsam erduldetes Unrecht. Sie wollen Israel ausrotten, aber sie festigen, einigen und stärken es nur mit ihrem unbegründeten Haß, ihrer grundlosen Verfolgung.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.