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Der Israelit · 1893-06-29 · Heft 52 (29.6.1893) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 52 (29.6.1893)
Date
1893-06-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
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993 AeitnugSuachrlchteu «ud Correspoudeuzen. Deutschland. Soldin, 23. Juni. Die Leser Ihres geschätzten Blattes werden bereits aus der Tagespreffe wissen, daß Pickenbach in unserem Wahlkreise zu Falle gekommen ist. Es dürfte den Lesern von Interesse sein, noch etwas über den hiesigen Antisemitismus in seinen letzten „Zügen" zu hören. Nach sechsmonatlichem Kampfe, nachdem mehrere Versammlungen abgehalten wurden, verschiedene Hetzapostel gesprochen, riefen die Antisemiten am 14. d. Mts., kurz vor Thorschluß, eine Versammlung ein. In einem gewissen Wald-Berlin, der an Schmähungen und Verleumdungen alle seine Vorgänger übertraf, fanden sie einen schneidigen und bissigen Redner. Nicht minder ausfallend benahm sich sein Assistent Müller-Berlin. Diese Helden wechselten oft ihre Rollen, verspürte Wald Müdigkeit, übertrug Müller ihm den Vorsitz; während jener hetzte, sammelte sich dieser zu neuen wahnwitzigen Beschuldigungen. Genug, es war eine Hetze en gros. Alsdann erhielt Schreiber dieses das Wort. Kaum hatte er einige Worte gesprochen, als die Antisemiten ihn zum Schweigen bringen wollten. Dank den Reklamationen aus der Mitte der Versammlung verschaffte er sich wieder Gehör. Die Rede lautete wie folgt: „Meine verehrten Herren! Ich will es nicht verkennen, daß ich dem, nach allen Regeln der Redekunst und Redegewandtheit gehörten Vortrage, nicht gewachsen bin; wenn ich aber trotzdem das Worte ergreife, ist es der alte Spruch eines Weisen, der mich hierzu ermuthigt. Jener Spruch lautet: Beurtheile den Mann nicht nach seinem Aeußeren, seiner Kleidung, vielmehr nach seinem Innern, seinem Charakter. Manches schöne Gewand umhüllt einen häßlichen Charakter, wiederum birgt manches abgetragene Gewand ein edles Herz. Aehnlich so verhält es sich mit der Rede. Man achte weniger auf die äußere Ausschmückung, vielmehr auf den Kern und Inhalt einer Rede. Ich habe bereits zweimal Gelegenheit gehabt, dem Antisemitismus entgegen zu treten, und bedaure ich cs von Herzen, daß ich heute wiederum in die Lage versetzt worden bin, meine Stimme gegen ihn zu erheben. Wenn ich aber geglaubt habe, Herr Wald werde mit neuem Material, mit neuen Anschuldigungen an die Versammlung herantreten, so sehe ich mich getäuscht; auch diese Rede war ganz nach alter Schablone, immer wieder der alte aufgewärmte Kohl. (Unruhe bei den Antisemiten.) Ahlwardt hat es doch verstanden, einen Stoß Akten, wenn auch werthlose, auf den Reichstagstisch niederzulegen, seine Freunde II. und III. Ordnung verstehen absolut nichts weiter als leere Redensarten auszutischen. Die Antisemiten besitzen doch ein ziemlich großes Maaß von Dreistigkeit. Ungeachtet der großen Niederlage, die sie durch ihren himmelhoch verehrten, ja vergötterten Ahlwardt erlitten, glauben sie noch so viel Lebeskraft in sich zu verspüren, um ihre Hetze fortzusetzen, ungeachtet der Worte, die ein in unscrm Kreise hochverehrter Gutsbesitzer dem Herrn Pickenbach zugerufen: er möge unseren Wahlkreis verschonen, entfalten die Antisemiten eine fast fieberhafte Thärigkeit, und siegesgewiß sagen sie sich: Pickenbach muß und wird siegen; als wenn das Schicksal und das Gleichgewicht Deutschlands einzig und allein von der Wahl Pickenbachs abhtnge. Da müßte es doch faul stehen im Staate Deutschland, wenn das Wohl und Wehe seiner Söhne in solchen Händen ruhen sollte. Die Rede des Herrn Wald Satz für Satz zu widerlegen, halte ich für überflüssig, da ich es bereits in früheren Versammlungen gethan habe; gestatten Sie mir nur, Ihnen in kurzen Worten ein Bild über den Antisemitismus zu entrollen: Man unterscheidet drei Klaffen von Antisemiten: ehrsüchtige, Geschäfts- und Radau — Antisemiten. Zu der ersten Klaffe gehören solche, denen es bisher nicht gelingen wollte, in die Oeffentlichkeit zu treten, einen Ruf zu erlangen, eine Berühmtheit zu werden. Diese Leute betreten den Weg des Antisemitismus und ihr Name wird weit und breit bekannt, von einem Ende Deutschlands bis zum anderen. Die zweite Klasse gruppirt sich aus solchen, die in ihrem Beruf Schiffbruch gelitten; diese Leute werfen sich den Antisemiten in die Arme, und ein neuer Erwerbszweig hat für sie begonnen. Die dritte Klasse rekrutirt sich aus solchen Personen, denen es nur darum zu thun ist, Radau zu machen, gleichviel ob mit- oder ohne Grund. Diese Leute lassen sich von der Strömung mit hinwegziehen, und schreien und johlen mit der Menge in der Wette. Die Führer der Antisemiten besitzen den Vorzug vor allen Anderen: sie geizen nach Ehre, verstehen die Agitation für ihre Sonderinteresfen auszunützen und im Radaumachen nehmen sie den Löwenantheil ein. Bei alldem tragen sie stets die Frömmigkeit zur Schau: haben immer die Religion bei der Hand, führen die Worte Gottes im Munde, aber merkwürdig bleiben ihnen die frommen Worte im Munde stecken, berühren niemals das Herz. Die Religion ist es, die sowohl im alten wie im neuen Testament lehrt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Sie aber, meine Herren Antisemiten, verachten dieses Gebot und treten es mit den Füßen. Die Religion ist es ferner, die uns den Neid verbietet, Sie aber lechzen nach dem Gute den Juden.

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