Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1893-06-29 · Heft 52 (29.6.1893) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 52 (29.6.1893)
Date
1893-06-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2446951-2448315-2448365--36631-2484667
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

995 Rahel begleitete die Freundin fast bis zur Mühle. Sie hatten sich so viel zu erzählen und als Louise sich endlich von Rahel verabschiedete, hatte sie ihr Herz erleichtert und frischen Muth gefaßt. Mit ihrer früheren Elastizität schritt sie über den Hof, woselbst der Verwalter scheltend bei einem Knechte stand. Er hielt es, trotzdem er die Müllerin sah, unter seiner Würde ihr guten Tag zu bieten und als Louise ihn darob verwundert anschaute, kehrte er ihr brummend den Rücken und ging weg. Der jungen Frau stieg die Röthe des Zornes in's Antlitz und ärgerlich fragte sie den Knecht, einen alten Mann, der schon Jahre lang auf der Mühle diente und auf den ihr Vater stets große Stücke gehalten; „Nun Christian, was ist los!" „Ach, Frau Bastian, alles ist los, seit der Herr Verwalter da ist. Nichts kann man da recht machen; es gibt keinen Sonntag und keinen Werktag mehr und das beste wird sein, ich gehe Weihnachten." „Schwätzt kein dummes Zeug. Thut Eure Arbeit und wenn Ihr was zu klagen habt, so wisset Ihr ja, wer in der Mühle der Herr ist und an wen ihr Euch zu wenden habt." „Meint Ihr; nun so seid Ihr blind. Der Herr in der Mühle geht dort." Ec zeigte ingrimmig auf den Verwalter. „Habt Ihr bei meinem Manne schon Klage geführt?" „Ja." „Und was hat er Euch erwiedert?" „Ich solle ihn mit solchen Dingen verschonen, dazu sei der Herr Verwalter da." „Ich will mit meinem Manne sprechen." „Thun Sie es;" bat der alte Knecht treuherzig; „aber thun Sie es bald, denn es ist hohe Zeit." Verstimmt ging Louise in das Haus. Stand es so in ihrer Wirthschaft, daß ein Fremder darin nach Belieben schaltete und waltete, so hatte der Knecht recht und sie mußte ein ernstes Wort mit ihrem Manne reden. Auch Rahel sollte bei ihrer Nachhausekunft unangenehm überrascht werden. Nachdem sie sich von Louise getrennt hatte-, hatte sie freudigen Muthes den Nachhauseweg angetreten. Unterwegs hatte sich ihr ein kleines Mädchen zugesellt, dem vor kurzer Zeit die Mutter gestorben war, und welches an Rahel hing, als ob sie die Mutter wäre. Mit dem Kinde an der Hand betrat sie das väterliche Haus und war nicht wenig erstaunt, zwei sich streitende Stimmen zu vernehmen. „Ihr habt sechs Prozent Zinsen zu zahlen versprochen, dieses in Eurem Schuldschein unterschrieben und muthet mir nun zu, mit drei Prozent zufrieden zu sein. Das ist nicht recht von Euch; ich verdiene an Euch gar nichts." „Wer Euch das glaubt, Jude! Habt Ihr nicht die Zinsen im Voraus abgezogen? Zahle ich dieselben nicht im Voraus? Wartet bis zu Ende des Jahres und ich will sehen, ob ich Euch dann sechs Prozent zahlen kann." „Ich kann nicht warten; Ihr müßt zahlen, wie wir es verabredet haben, im anderen Falle erhebe ich Klage und Ihr habt noch Unkosten dazu." „Ei, klagt nur; wenn Ihr klagt, erhaltet Ihr gar nichts, denn alles, was früher mein war. habe ich seit drei Jahren für eine Schuld meinem Schwager verschrieben. Schicket Gerichtsvollzieher so viel Ihr wollt, sie werden nichts Pfandbares bei mir finden." „So habt Ihr mich belogen und betrogen! Ich werde dem Staatsanwalt Anzeige machen." „Bleibt lieber von dem Staatsanwalte; der ist auf Wucherer nicht gut zu sprechen." „Wucherer! ich ein Wucherer! ha, ha, ha, das ist aber doch zum Lachen." „O, ja, das weiß ich; Ihr Juden lacht und freut Euch über die Noth und das Elend der Christen." „Das wird immer besser. Hätte ich Euch mein schönes Geld geliehen, wenn mir Eure Noth nicht nahe gegangen wäre?" „O ja, Ihr wisset schon, warum Ihr Euer schönes Geld verliehen habt. Wucher treibt Ihr, Jude, aber an mir seid Ihr an den Unrechten gekommen. Wollt Ihr mit drei Prozent zufrieden sein, so sind hier die Zinsen; wenn Ihr mich verklagt, erhaltet Ihr gar nichts." „Ich werde mein Recht vor dem Richter suchen", versetzte Benjamin, „aber für die Folge werde ich vorsichtiger sein." Da trat der Bauer nahe zu Benjamin hin und sagte: „Du wirst Dich hüten, Jude, mich zu verklagen, oder es könnte Dir ergehen, wie es Deinem Volk in Corfu ergangen ist. Laß Dir rathen! Vergebens ist Deine saubere Tochter nicht überall und lockt die Christenkinder an sich. Ihr braucht wohl bald — Christenblut." Die letzten Worte hatte Rahel gehört. Todtenbleich trat sie zu ihrem Vater und fragte: „Um Gotteswilleu, Vater, was geht hier vor?" „Was hier vorgeht? Eine Niederträchtigkeit, eine Gemeinheit, die ihres Gleichen nicht kennt, soll geschehen." „Und kannst Du diese Gemeinheit nicht hindern? Die Zetten sind derart, daß man um des Friedens halber schon ein Opfer bringen muß."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.