Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 51 (26.6.1893)
- Date
- 1893-06-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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968 Im verflossenen Jahre standen 18 Katechumen in Unterricht, 9 davon wurden getauft. Die geistliche Versorgung der Proselyten biete im ganzen das Bild einer geordneten Gemeindepflege, doch verwahrt sich der Berichterstatter entschieden dagegen, daß es ihm um die Begründung einer judenchristlichen Gemeinde zu thun sei. Die Arbeit in Jassy berechtige zu großen Hoffnungen. Die Alliance israelite sei auf Letzteres besonders aufmerksam gemacht. Breslau, 14. Juni, lieber antisemitische Rohheiten wird den „Mttth. a. d. Verein zur Abwehr des Antisemitismus" aus Leipzig unter dem 1. Juni geschrieben: Seit einiger Zeit haben anständig gekleidete Antisemiten aus Gera, wenn sie wissen, daß die jüdischen Handelsleute von den benachbarten thüringischen Jahrmärkten nach Leipzig zurückfahren, es sich zur Gewohnheit gemacht, zwei oder drei Stationen in die Wagen 4. Klasse einzusteigen und die jüdischen Passagiere in der gröblichsten Weise zu belästigen und zum Theil auch zu Thätlichkeiten, hauptsächlich gegen wehrlose Frauen überzugehen. Heute kamen aber die Herrenan die richtige Adresse. Als wir von Neustadt a. Orla vom Jahrmarkt nach Leipzig fuhren, stiegen in Weida drei solcher Radau- Helden in unseren Wagen und begannen sofort mit den gemeinsten Schimpfwörtern gegen die jüdischen Passagiere und schlugen drei Frauen ohne Grund mit der Faust ins Gesicht. Darüber waren selbst die christlichen Reisenden empört und die Burschen wurden von Christen derart gezüchtigt, daß ihnen die Lust an solchen Abenteuern für längere Zeit vergangen sein dürfte. In Gera wurden chre Namen polizeilich festgestcllt; die Sache wird vor Gericht noch ein Nachspiel haben. Hamburg, 14. Juni. Sämmtlichen Hamburger Rhedereien, Schiffsmaklern, Auswanderer- Expedienten und Logiswirthen ist heute eine Verfügung des Senats zugegangen, wonach der Senat zur Verhinderung der Einschleppung der Cholera beschloß, den trotz ausdrücklichen Verbotes immer noch fortdauernden Zuzug russischer Auswanderer nach Hamburg vom 16. Juni ab polizeilich zu verbieten. Allen nach dem 15. Juni mit der Eisenbahn, zu Fuß oder auf dem Wasserweg der hamburgischen Grenze sich nähernden russischen Auswanderern soll das Betreten des hamburgischen Staatsgebietes durch polizeiliche Organe verwehrt werden auch wenn sie mit Fahrkarten und ausreichenden Geldmitteln versehen sind. Reisende aus Rußland mit Kajütfahrkarten nach Amerika werden von der Zurückweisung nicht betroffen. Bayreuth, 14. Juni. Auf eine traurige Weise wurde heute Mittag hier eine israelitische Hochzeit gestört. Vier Hochzeitsgäste unternahmen in einem Zweispänner einen Ausflug nach dem Wag-! nertheater. Auf dem Rückwege riß an einer stark abschüssigen Stelle die Bremsvorrichtung, die Pferde fielen und der Kutscher stürzte kopfüber vom Bock. Er brach beide Beine und erlitt auch schwere innerliche Verletzungen, während zwei Insassen schwer, die übrigen leicht verletzt wurden. Der Kutscher, ein äußerst nüchterner Mann, wurde sterbend in das Krankenhaus gebracht, während die vier Insassen in das Hotel „Reichsadler", dem Hochzettslokal, transporttrt wurden. Aus Baden. Es zeigt sich in neuerer Zeit allgemein das Bestreben, Denkmäler der Vergangenheit, welche für Verbreitung der Kenntnisse früherer Kulturzustände uns geschichtlich wichtiger Begebenheiten von Werth sein können, behufs zweckentsprechender Benuvung zu sammeln, mindestens aber für deren Erhaltung zu sorgen. Bei den is r a e l. Gemeinden unseres Landes ist jedoch bis jetzt noch wenig in dieser Richtung geschehen; ihre alten Urkunden vermodern vielfach im Staube, die vorhandenen werthvollen Inschriften fallen der Zerstörung anheim und die Geschichtsforschung dürfte, wenn nicht in Bälde bessere Vorkehrungen getroffen werden, über kurz oder lang den vollständigen Veilust dieser Zeugnisse der Vorzeit zu bedauern haben. Der Großherzogliche Oberrath der Israeliten fordert daher die Synagogenräthe des Landes auf, zunächst dahin zu wirken, daß ein Ueberblick über das vorhandene alte Geschichtsmaterial gewonnen wird, um auf diesem Wege zur Erforschung der Geschichte der israel. Gemeinden des Großherzogthums Beiträge zu liefern. Erlau. In Ihrem gesch. Blatte sah ich unlängst eine Annonce vom H. Sonnenschein in Auffee, Steiermark, der seine Restauration bezüglich nntiO mit meiner Referenz empfahl. Ich ersuche Sie höffichst, zu berichtigen, daß ich keine Referenzen ertheilen kann, weil ich überhaupt über nni£Q prinzipiell nie Zeugniß gebe. Ich war wohl in obbenannten Curorte und habe von dem unw des H. Sonnenschein unter meiner Aufsicht schlachten lasten, aber von etwas Anderem keinen Gebrauch gemacht. Treu meinem Prinzipe, ertheile ich auch über den Dnw feine Referenzen. S. Schreiber, Oberrabbiner. Rußland. St. Petersburg, 1. Juni. Ein kaiserlicher Ukas hat einer Ackerbau-Gesellschaft das Recht zum Export landwirthschafllicher Erzeugnisse Rußlands ertheilt. Derselbe enthält indeß die Bedingung, daß kein Israelit oder Ausländer Actien des Unternehmens zeichnen oder besitzen darf. Holland. Amsterdam, 21. Juni. Der Justizminister traf angesichts der Furcht vor ansteckenden Krankheiten und der zunehmenden Zahl der russischen Einwanderer die Anordnung, nur Auswanderer über die holländische Grenze passiren zu lassen, welche mit Ueberfahrtsbillets nach Amerika von einer holländisch amerikanischen Dampfschifffahrts- Gesellschaft versehen und im Besitze hinreichender Mittel sind, um ihren Unterhalt während des kurzen Aufenthaltes in Holland bestreiten zu können. Es wurde dem Minister gemeldet, daß in den nächsten Wochen noch 50,000 Auswanderer an der holländischen Grenze eintreffen.