Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 51 (26.6.1893)
- Date
- 1893-06-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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966 von Freude zu Freude, bis ihn die Flamme ergreift, die er wie die Motte umkreist und er mit verbrannten Flügeln als Opfer seiner wollüstigen Begierde zu Boden fällt. Und wenn er so ein Opfer seiner Besitz- und Genußsucht, den Vorwurf seines Gottes nicht fürchtet, sein Beifall ihm gleichgiltig ist, er dafür aber bei allem niederen Sinn noch nach dem Beifall und der Ehre von Menschen geizt, wird diese ungezügelte Leidenschaft nicht allein genügen, um ihm das Dasein zu vergällen und ihn zu überzeugen, daß er auf diesem Wege das Glück seines Lebens nicht finden wird? Sollte es wirklich denkbar sein, daß das bevorzugteste Gottesgeschöpf auf Gottes Erde die Mörder seines Lebensglücks in sich tragen und ihnen aussichtslos verfallen sein soll? Es kann kein vernünftiger Mensch im Ernste der Täuschung das Wort reden wollen, die sich beredet, den Leidenschaften, die Gott in unser Herz gepflanzt, nachzugehen, können nicht sündhaft sein, weil es Gott selber ist, der sie mit Reizen ausgestattet hat. Dann könnte auch der Genuß von Giftpflanzen nicht den Tod zur Folge haben, weil sie Gott ihr Dasein verdanken. So gewiß aber die Giftpflanze ohne weiteres genossen tödtlich wird, richtig verwendet, aber z. B. bet Heilmitteln Leben und Gesundheit bringen kann, so gewiß bringt die ungezügelte Leidenschaft den Tod, ihre Beherrschung und Gewährung dagegen innerhalb der von Gott selber gezogenen Schranken, ist die Bedingung, die unerläßliche Voraussetzung jedes wahren Lebensglücks. Keine von Gott in die menschliche Brust gesenkte Neigung ist an und für sich böse. Sie wird es erst, wenn wir sie das Maß überschreiten lassen, welches Gottes Gesetz vorgezeichnet hat. Das Streben nach Besitz ist gewiß nicht nur nichts verwerfliches, sondern sogar etwas verdienstliches, wenn es mit Maß und Ziel geschieht. Es führt zum leiblichen und geistigen Untergang, wenn es in Neid und Mißgunst ausartet. Die Freuden des Lebens zu genießen ist nicht nur gestattet, sondern sie sich zu versagen ist sündhaft. Einen Sünder nennt ein Ausspruch der Weisen, den Nasir, der sich die Enthaltsamkeit vom Weingenuß auferlegt hat und lehren, daß sich jeder einst vor Gott für jeden reinen Genuß zu verantworten habe, den er hätte genießen können und ihn selbstquälerisch sich versagt hat. Aberdas ungezügelte, maßlose Begehren nach selbst an und für sich erlaubten Genüssen entnervt und tödtet denjenigen, der sich ihnen hingibt und und reißt ihn aus der Welt. Ein hohes Gut ist unsere Ehre und Gleichgiltigkeit gegen die gute Meinung anderer ist das sichere Anzeichen irgend eines sittlichen Defekts. Es ist uns geboten rein dazustehen nicht nur vor Gott, sondern auch in den Augen unserer Umgebung. Diese Achtsamkeit auf unsere Ehre ist ein mächtiger Sporn für die Uebung aller Tugenden. Aber die Ehrsucht, die alles daran seltzt diese gute Meinung zu erringen, führt zur Verblendung, zieht auf die abschüssige Bahn des Verbrechens und führt ihr Opfer ins Verderben. Wohl ist es Gott, der die Leidenschaft mit ihren Reizen ausgeflattet hat, aber nicht damit sie uns beherrsche, sondern damit wir sie beherrschen. Hier liegt der ganze sittliche Adel des Menschen, der sich im Namen Gottes und seines Sittengesetzes entschließt den Kampf aufzunehmen gegen den verlockenden Reiz der Sinnlichkeit. Dieser Kampf, aus dem der Mensch siegreich hervorgeht, hebt den Sieger über alle ihn umgebenden Kreaturen, die aus Instinkt und Naturtrieb das Gesetz ihres Lebens gezwungen inne halten. Hier liegt die sittliche Freiheit des Menschen gewährleistet, die jeden Augenblick für jeden Schritt den Menschen vor die Wahl stellt, ob er dem Gebote seines Herrn und Meisters, oder dem blinden Trieb folgen wolle, der ihn hinab zur Scholle zieht. Ohne diesen Reiz und ohne den Kampf, den er unserem besseren Selbst bereitet, hätte unsere Tugend keinen Werth und gäbe es für unsere Fehltritte keine Verantwortung. Es gibt keinen stichhaltigeren Beweis für die Göttlichkeit des Menschen als die Leidenschaft, die ihm Gott beigegeben hat. Durch sie lernen wir die Zeit nach dem Tode und das einstige Wiedererwachen als die Stunde der Rechenschaft und Vergeltung begreifen. Ja wir ahnen selbst die Lösung des höchsten, düstersten Räthsels unseres Lebens, wir lernen den Tod begreifen, der sonst wie ein schriller Mißton in die Harmonie unseres ganzen Daseins hineinklingt. Ist diese Welt mit ihren Freuden und Genüssen erstes und letztes Ziel alles Lebens und Strebens, dann ist der bloße Gedanke an den Tod, an die Stunde, in der alles aufhören wird, geeignet, uns um so unglücklicher zu machen, je glücklicher wir sind. Von der süßen Gewohnheit des Daseins zu scheiden, ohne Aussicht auf ein neues Sein, die tausende von Fäden, die uns mit dieser Welt und unserer Umgebung verbinden, plötzlich gerissen zu sehen, ohne Aussicht auf die Möglichkeit ihrer Wiederanknüpfung, das ist ein unerträglicher, unmöglicher Gedanke. Unser Hoffen, unser Fürchten, unser Jubel, unser Zittern, die Kämpfe, die wir mit Einsatz unserer ganzen Kraft gekämpft, die Siege, die wir davon getragen, die Erleuchtung unseres Geistes, die Veredlung unseres Gemüthes, alle diese herrlichen Trophäen, die wir errungen, das alles kann nicht mit einer sechs Fuß tiefen Grube enden, in welchen man den Menschen, nein, die Hülle des Menschen versenkt.