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Der Israelit · 1893-06-22 · Heft 50 (22.6.1893) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 50 (22.6.1893)
Date
1893-06-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
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946 hetzerische Anklagen gegen die französischen Protestanten erhoben werden. In Lyon, schreibt er, spielen die Protestanten eine Hauptrolle. Sie stehen an der Spitze zahlreicher Bankhäuser oder Seidenfabriken und suchen die Katholiken zu ruiniren. Sie betrachten sich als die Nachkommen der alten Hugenotten und wollen für die Verfolgungen ihrer Vorfahren, für St. Barthelsmy sich rächen. Es wäre doch ein herrliches Buch, ruft der Einsender aus, „über den Protestantismus im 19. Jahrhundert"; Drumont möge daher diesem Thema seine Feder widmen, nachdem er die Juden im 19. Jahrhundert geschildert hat, und alle frommen Katholiken werden ihm dafür sehr dankbar sein. Das darf man in Frankreich in unserer Zeit schreiben, dahin hat die antisemitische Frechheit es gebracht. Nach den Juden die Protestanten, nach dem jüdischen Capitalismus der nichtjüdische, die Feudal- Artstokratie, die Fideicommisse. Der Antisemitismus kennt keinen Halt, seine Corruptheit keine Grenzen, seine Bosheit, Schlechtigkeit und Gemeinheit keine Schranken. Asien. Jaffa. Baron Edmund von Rothschild aus Paris hat Anfangs Mai die von ihm gegründete Colonie „Sichron Jacob" mit einem Besuch überrascht und dieselbe eingehend inspicirt. Bei dieser Gelegenheit hielt er folgende Ansprache an die Colonisten: „Der hohen Gnade des Sultans dankt Ihr es, daß Ihr jetzt auf dem geheiligten Boden wohnt. Wie jubelt mein Herz, wenn ich den Karmel mit Weinbergen bedeckt sehe, die von Juden bearbeitet und gepflegt werden. Ihr wißt, daß unsere Vorfahren nur darum aus dem heiligen Lande vertrieben wurden, weil sie die Gebote Gottes übertreien und auf die Worte der Propheten nicht gehört haben. Hütet Euch daher, den Pfad unserer Lehre zu verlassen. Achtet auf ihre Vorschriften und zeiget der Welt, daß der Jude, der auf seine Tradition hält, auch ein tüchtiger Arbeiter und ein nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft ist. Seid in Treue dem Sultan ergeben, dem allein Ihr Alles zu verdanken habet, und Ihr und Eure Nachkommen werdet Euch in diesem Lande des Segens Gottes zu erfreuen haben." Der Baron fragte einige Colonisten, ob sie Französisch verständen, und sagte, als sie mit „Nein" antworteten: „Daß Ihr nicht Französisch versteht, ist nicht weiter schlimm, aber ich halte es für ein großes Uebel, wenn Ihr Euch des Jargons bedient. Der Jargon ist keine Sprache; befleißigt Euch, in der Sprache unserer Väter, Hebräisch, zu reden. Ich will hoffen, daß Ihr mich bei meinem nächsten Besuch in der Sprache unserer Väter begrüßen werdet." Die Frauen beehrte er mit nachstehenden Worten: „Den Händen der Mütter ist die Erziehung der Kinder anvertraut. Erfüllet Eure Mission und haltet die Kinder zum Schulbesuche an, damit sie in der Sprache der Väter die Thora erlernen, welche nicht nur religiöse Satzungen, sondern auch Sittlichkeit und Tugend lehrt. Nicht nur Eure Armuth hat mich veranlaßt, Euch unter meinen Schutz zu nehmen, sondern Eure Liebe zum heiligen Lande und Euer Wunsch, im Geiste des Judenthums hier zu leben. Verrichtet Euer täglich Gebet, wie meine Gottselige Mutter die dreimal täglich gebetet hat; leget selbst Hand an die häuslichen Arbeiten und helfet Euren Männern auf dem Felde! Wisset, daß die Augen aller Welt auf die Colonien in Palästina gerichtet sind. Zeiget daher der Welt, daß die Juden tüchtige Ackerbauer und zugleich fromme Juden sein können." Feuilleton. > Die drei Kronen. Von H. Berger. (Alle Rechte Vorbehalten.) (Fortsetzung.) Unterwegs begegnete dem Müller der Taglöhner Klaus, der betrunken daherschwankte. Er wollte dem Trunkenbold aus dem Wege gehen; doch mit der, den Betrunkenen eigenen Zähigkeit heftete sich dieser, als er den Müller erblickt hatte, an dessen Fersen und schrie aus Leibeskräften: „He, heda! Müller! Bastian! — Wart' doch!" Der Müller that, als ob er nicht höre. Da fing der Betrunkene an zu laufen und taumelte rechts und links die Straße entlang, fortwährend schreiend und rufend. Fast hatte er den Müller erreicht; da sprang aus einem Hause ein Hund an ihm empor, so daß er stürzte und so lange er war auf die Straße fiel. Er fiel auf einen Stein und sofort floß das Blut aus einer klaffenden Stirnwunde auf die Straße. Der Müller kümmerte sich nicht um den Betrunkenen, sondern ging ruhig seines Weges weiter; er mochte froh sein, auf diese Weise des unangenehmen Gesellschafters enthoben zu sein. Anders dachte Rahel, die von dem Hofthore aus den Fall des Taglöhners gefehen hatte. Rasch eilte sie zu ihm hin, um ihm beim Aufstehen behilflich zu sein. Sie erschrack, als sie ihn so unbeweglich liegen sah. Sollte er todt sein? Aus seiner Stirne floß Blut und seine Augen waren geschlossen. Rasch eilte sie ins Haus zurück und kam mit der Magd, die frisches Wasser im Eimer trug, wieder. Mit zarter Hand wusch sie die Wunde aus und versuchte, das noch immer stark fließende Blut zu stillen. Nun kamen auch andere Leute und sahen zu, wie sich die Jüdin um den Trunkenbold bemühte. Sie bat die Umstehenden, den Unglücklichen doch aufzuheben und in das väterliche Haus zu tragen, aber Niemand schickte sich an, ihrer Aufforderung Folge zu leisten. Im Gegentheil; ihr keusches Ohr mußte rohe Witze vernehmen, die ihr das Blut in's Gesicht trieben und sie tief empörten. Flammenden Blicks verwies sie den Unthätigen ihre Rohheit und wollte schon selbst Hand anlegen und im Vereine

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