Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 50 (22.6.1893)
- Date
- 1893-06-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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947 mit der Magd den noch immer Ohnmächtigen in's Haus zu tragen versuchen. Mit Spott und Lachen verhöhnte man ihre diesbezügliche Versuche. Da trat der Hirt in den Kreis der Umstehenden. Als er die Situation übersah, stieß er einen Fluch aus und rief: „Das sieht Euch ähnlich, elende Bande. Was Euch nicht brennt, blast Ihr nicht." Und mit kräftigen Armen den Ohnmächtigen aufhebend, sprach er: „Kommen Sie. Fräulein Rahel, vollenden Sie Ihr barmherziges Werk im Hause." Er trug den Taglöhner in das Haus Benjamins; Rahel und das Mädchen folgten ihm, während ein höhnisches Gejohle der unthätigen Zuschauer erschallte. Kaum war der Hirt mit seiner Bürde im Hause Benjamins verschwunden, da erschien der Müller wieder. Als ob er von Nichts wisse, so erkundigte er sich nach dem Vorgefallenen. „Und ihr habt es erlaubt", fragte er, nachdem er das Geschehene vernommen hatte, „daß man einen deutschen Christen in das Haus eines Juden trug? Seid Ihr Deutsche? Seit Ihr Christen? Wisset Ihr nicht, welche Gefahren ihm da drohen? Wisset Ihr nicht, daß der Talmud es den Juden zur Pflicht macht, den Christen zu schaden, wo sie nur können! Ihr wißt nicht, in welcher Gefahr Ihr den Unglücklichen gebracht habt. —" „Ei, wir wollten ihn ja auch nicht hineintragen helfen", ließ sich jetzt eine Stimme vernehmen, „aber der Hirt. —" „Ja, der Hirt", stimmte ein anderer zu, „der Hirt hat's ja gethan!" „Unerhört", rief der Müller, „so müßt Ihr ihn wieder holen und wenn man ihn nicht gutwillig herausgibt — so braucht Gewalt. Werft die Fenster ein, sprengt das Thor und zeigt, wie gering Ihr die aufgedrungene Hilfe des Juden achtet." Die Hetzereien des Müllers fielen auf günstigen Boden. Die paar besonnenen Stimmen, die sich warnend erhoben, wurden überschrieen und die Versammelten, deren Anzahl sich jeden Augenblick vermehrte, nahmen eine drohende Haltung gegen das Haus des Juden ein. Schon flogen Steine, von Bubenhand geschleudert, gegen die Fenster und gegen das Hofthor; ein wildes Geschrei erhob sich und während man Anstalten machte, sich mit Gewalt den Eingang in das Haus des Juden zu erzwingen, machte sich der Müller aus dem Staube, um im Falle Ungesetzlichkeiten begangen würden, seine Hände in Unschuld waschen zu können. Als Benjamin die Ansammlung der Leute vor seinem Hause sah und das wilde Geschrei der halbwüchsigen Burschen hörte, machte er seiner Tochter Vorwürfe. „Siehst Du", sprach er, „das kommt von Deiner Gutmühigkeit; hättest Du den Lump liegen lassen, wo er lag, so hätten wir jetzt nicht das ganze Dorf auf dem Halse." „Vater, er ist ein Mensch, wenn er auch ein Lump ist, und jeder Mensch hat Anspruch auf unfern Beistand. —" „Du siehst ja, wohin Deine Barmherzigkeit führt; man wird unser Haus stürmen." „So schlimm wird es nicht werden. Komme, bleibe Du bei dem Verwundeten; ich will die Leute fragen, was sie wollen." Benjamin wollte es zuerst nicht zugeben, aber Rahel bat so lange und so innig und als der Hirt versprach, sie zu schützen, erlaubte er es. Rahel ging, von dem Hirten begleitet, in den Hof. Große Pflastersteine, welche die Dorfjugend hereingeschleudert hatte, lagen zerstreut umher und schwere Schläge dröhnten von außen gegen das große Hofthor. „Laß mich zuerst hinaustreten", bat der Hirt; „ich kann eher einen Schlag vertragen." Roch ehe Rahel antworten konnte, war draußen plötzlich alles ruhig und man hörte die Stimme des Bürgermeisters: „Ei, um Gotteswillen, Leute, wollt Ihr Euch unglücklich machen? Was habt Ihr gethan? Ihr kommt ja alle in's Zuchthaus!" Wie eine Schaar feiger Wölfe zerstob bei diesen Worten die Menge. Rur einige ältere Leute, die vorher schon das Schlimmste verhütet hatten, blieben und an diese wandte sich der Bürgermeister um Auskunft. Sie erzählten, was geschehen war und der Bürgermeister sagte: „Ich glaube, sie haben sich da eine böse Suppe eingebrockt, an der das ganze Dorf zu essen hat." „Sie sind aufgehetzt worden, Herr Bürgermeister", begann jetzt ein alter Mann; „der Müller hat so lange geredet bis sie angefangen haben mit Steinen zu werfen, dann hat er sich gedrückt." „Ja, der Müller ist an allem Schuld", sagte jetzt auch ein anderer; „doch da ist ja der Hirte, fragt den, der weiß alles/" Der Hirte stand mit Rahel in dem Thorbogen und blickte freudig erstaunt auf den Bürgermeister, der jetzt Rahel begrüßend, näher trat. „Es thut mir leid, Rahel", begann er, „daß Deine Güte so bös gelohnt wurde. Wie geht es dem Verwundeten?" „Er sieht bös aus", sagte das junge Mädchen, „und ich wollte, der Arzt käme." Der Bürgermeister trat näher und sah die Steine und?die zerbrochenen. Fenster. Sein Antlitz verfinsterte sichend ^murmelte die.Worte.: „Wart,