Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 49 (19.6.1893)
- Date
- 1893-06-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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932 war stille und nachdenklich geworden und konnte nun stundenlang, vor sich hin ins Leere starrend auf einem Fleck sitzen. Dem Gesinde war dieser Wechsel schon ausgefallen, aber niemand hatte es gewagt, mit der Herrin, die ebenso beliebt, wie der Herr gehaßt war, darüber zu sprechen. Es war Samstag. Hof und Scheune waren sauber gefegt und der alte Hahn suchte vergebens nach Körnern für die jungen Küchlein, die um ihn herumliefen. Die Müllerin stand neben dem Brunnen und streute gedankenlos Körner aus, welche von einer Taubenschaar begierig aufgepickt wurden. Da trat der Müller zu ihr heran und legte seinen Arm zärtlich um ihren Leib. Sie schrack zusammen und verfärbte sich, doch sprach sie kein Wort, sondern duldete schweigend die Liebkosung des Gatten. „Habe ich Dich erschreckt?" fragte er, da er die Blässe ihres Gesichtes sah; „das wollte ich nicht." „Du kamst so unverhofft", entgegnete sie, „und da fuhr ich zusammen. Was willst Du?" „Ich habe zu morgen Gäste eingeladen", versetzte der Müller; „der Vorstand unseres teutschen Bauernvereins will morgen seine Monatssitzung bei uns abhalten und da habe ich die Herren zu Tische geladen. Es ist Dir doch recht?" „Warum soll es mir nicht recht sein", entgegnete sie sanft; „ich freue mich, daß Du auch wieder einmal am Sonntag zu Hause bist, und da nehme ich Deine Freunde auch als Dreingabe. Wie viele Herren werden kommen?" „Der Vorstand besteht aus sieben Personen und ich denke, daß alle kommen." „Dann will ich sofort zum Metzger schicken und den Braten bestellen; für den Wein sorgst Du wohl." „Das wird leicht für mich sein. Ich gehe in den Keller und sehe nach. —" „Den Gang kannst Du Dir sparen. Ich war heute Morgen im Keller. Es ist kein Tropfen mehr da!" „Aber, wie ist das möglich? Ritter aus R. hat doch vor vierzehn Tagen erst fünfzig Flaschen geliefert?" „Wieso es möglich ist, weiß ich nicht; ich weiß nur, daß kein Wein mehr da ist." „Und Du hast ihn nicht verbraucht?" „Ich? Nein; ich trinke keinen Wein." „So ist ein Dieb im Hause; ich werde ihn erwischen." „Damit haben wir übermorgen keinen Wein." „So schicke zum Wirth und lasse zwanzig Flaschen holen;-doch halt, das geht nicht; der Wirth bezieht seinen Wein von dem Juden — das wäre noch schöner, wenn die Herren bei mir koscheren Wein trinken müßten! Es wird am besten sein, ich schicke den Johann mit dem Fuhrwerk nach der Stadt, oder ich telegraphire. . * . Das letztere hätte Zweck — das erstere nicht." Das sah der Müller denn auch ein und er selbst ging zur Post, um die Depesche aufzugeben. _(Fortsetzung folgt.)_ Wochen - Kalender. Freitag, 23. Juni, 9. Thamus. Sabbat-Anfang in Mainz 8 Uhr — Min. (M. E. Z.) Samstag, 24. Juni, 10. Thamus. '"1 '1 'D ,npn Sabbat-Ausgang in Mainz 9 Uhr 45 Min. (Ll. E. Z.) Bemerkung. Seit der Einführung der M. E. Z. in Deutschland ist 12 Uhr 30 Min. an den meisten Orten nicht mehr der Beginn des für viele religiöse Vorschriften gültigen Nachmittags, daher z. B. das nrUB Gebet und das Gebet des ]öp “9DD Dl* auf einen andern Zeitpunkt festzustellen und das Fasten während eines halben Tages je nach der Lage des Orts früher oder später zu beenden ist. In Mainz z. B., wo die Uhr um 27 Min. vorgerückt wurde, darf man erst um 12 Uhr 57 Min. niUP beten. Der .Israelit" erscheint wöchentlich zweimal, MoutagS und Donnerstag-, jede-mal in mindestens zwei Bogen. Breis des Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für'- Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzflihrig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Buchhandel J* brfirßr» bet E. $. Strinacker. Leipzig. Doßplah 16. — Inserate 25 Pfennig die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut Cours. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fl. österr., für's Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco einzusenden. Eine Rücksendung von an die Redactiou eingefandten Mannscripte« findet nicht fintt, «an bittet deshalb fich von allen Einsendnugen eine Kopie zurückznbehalte«. Inhalt (Hanptblatt): Leitender Artikel: Unser Christenhaß. — Wahlen und Stichwahlen von Antisemiten. — Zeitungsnachrichten und Eorrespondenzen: Deutschland: Aus Württemberg. Vegesack. Leipzig. — Rußland: Warschau. — England: London. — Vermischtes. — Feuilleton: Die drei Kronen. Von H. Berger (Fortsetzung). Inhalt der Beilage: Leitender Artikel: Sprüche der Väter. — Zeitungsnachrichten und Eorrespondenzen: Deutschland : Lendershausen. VerantworÜiche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition beS „JSraelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag d>r Joh. Wirth'schen Hofvuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu eine Beilage sowie die dritte Lieferung der Erzählung „Zur rechten Zeit" von Dr. M. Lehmann