Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 49 (19.6.1893)
- Date
- 1893-06-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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931 sonstige geistigen Vorzüge über den Besitz eines Vermögens, welches dem Deinigen entspricht, hinwegsehen lassen. Kenntnisse sind heutzutage Reichthum; sie sind mehr als Reichthum, denn sie sind nicht zu verlieren, während Geld und Gut den Wechselverhältnissen des Geschickes unterworfen sind. Ich nehme an, er besäße alle die Eigenschaften, die ich von einem Manne verlange, wenn ich ihm die Zukunft meines Kindes anvertrauen soll — ich müßte ihm Deine Hand doch verweigern. Blicke mich nicht so traurig an, meine Tochter, ich habe meine guten Gründe, Deinem Wunsche entgegen zu sein." „Und warum, lieber Vater, soll Dein Kind nicht seinem Herzen folgen und das Weib des Mannes werden dürfen, dem es in Liebe entgegen schlägt? Ich will auf Alles verzichten, alle Bequemlichkeiten des Lebens entbehren, will selbst arbeiten und schaffen, unfern Herd zu begründen. Hast Du nicht auch mit der seligen Mutter von vorn angefangen und der liebe Gott hat Eure Arbeit gesegnet?" „Ja, meine Tochter, auch ich und Deine Mutter hatten unsere Roth im Kampfe mit dem L ben, aber bei uns lag die Sache doch anders. Wenn ich auch kein Geld mein eigen nennen konnte, so besaß ich doch eine Heimath, ein Vaterland, des Aermsten allgemeinstes Gut. Er, dem Deine Liebe gilt, er hat keine Heimath, kein Land der Erde ist fein Vaterland und fremd muß er einherziehen in der Fremde, muß jeden Augenblick des Befehls gewärtig sein, der ihn weiter treibt; an das unsichere Los eines Heimathlosen wolltest Du Dein Schicksal ketten?" Rahel blickte ihren Vater starr an. Der Grund, mit welchem er seine Weigerung, ihrem Herzen folgen zu dürfen, begründete, wog schwer und sie hätte nicht eine Tochter ihres Vaters, eine Tochter ihres Volkes sein müffen, um auf so schwerwiegende Gründe nicht zu hören. Der Vater hatte Recht. Er durfte, wollte er seine väterliche Pflicht nicht aus's Gröbste vernachlässigen, nicht anders handeln und Rahel war vernünftig genug, dieses einzusehen und dem Vater ob seiner ernsten Bedenken nicht zu zürnen. So wett hatte sie nicht gedacht; sie hatte geglaubt, wenn der Geliebte sich eine Stellung, eine Existenz errungen hätte, er sein Heim überall gründen dürfe. — Daß der Fluch der Vaterlandslosigkeit so schwer drücke, davon hatte sie keine Ahnung. Benjamin wartete lange vergeblich auf eine Antwort von seiner Tochter. Er sah, wie ihre Brust sich hob und senkte, wie der Kampf zwischen Vernunft und Leidenschaft in ihrem Innern sich entspann und er verließ das Zimmer. Er wußte, daß bei diesem Kampfe niemand helfen konnte und er hatte das Vertrauen zu Rahel, daß sie den rechten Weg allein finden und der Stimme der Vernunft Gehör geben werde. Sie that ihm Leid. Warum mußte auch sie, die Mutterlose solche Kämpfe des Herzens durchmachen! Warum hatte er diese Kämpfe nicht von seinem Kinde fern halten können? Nun verstand er anch, weßhalb Rahel jeder Heirathsgelegenheit aus dem Wege ging, nun begriff er erst, weßhalb sie ihn nicht verlassen wollte. Betrübt schüttelte er sein graues Haupt; zum ersten Male hatte er Sorge um Rahel, zum ersten Male mußte er ihr gegenüber, wenn sie nicht vernünftig war, hart sein. So war der Kummer eingezogen in die Mühle und in das Haus des Juden; so hatte die Sorge sich gezeigt und der Unfriede zwischen Vater und Tochter; und die Grundursache all dieser Unannehmlichkeiten war doch nur der Antisemitismus. XII. Schon einige Male war der Müller in Geldverlegenheit gewesen, aber immer hatten gute Freunde ihm aus der Klemme geholfen. Freilich waren diese Freunde nicht so uneigennützig wie er es dachte, daß wahre Freunde sein mußten, denn er mußte für jedes Darlehen, dessen er bedurfte, hohe Zinsen zahlen und stets Accepte als Deckung geben. Bis jetzt war es ihm fast immer gelungen, rechtzeitig seinen Verbindlichkeiten nachzukommen; einmal hatte er einen Wechsel prolongiren lassen müffen und das hatte ihn so viel an „Gebühren" gekostet, daß er es niemals wieder dazu kommen laffen wollte. Seine Frau wußte von diesen Manipulationen nichts, sonst hätte sie nicht so vertrauensvoll in die Zukunft geblickt. Der neue Verwalter war ein tüchtiger Mann, der sein Fach, wie auch seinen Vortheil wohl verstand, und trotzdem die Felder und der Vtehstand des Müllers nichts zu wünschen übrig ließen, vermehrte sich sein Einkommen nicht, sondern blieb hinter dem der früheren Jahre, um ein Beträchtliches zurück. Woran das lag, konnte er sich nicht erklären und da er sich scheute, mit seiner Frau darüber zu sprechen, blieb die Sache beim Alten. Er war die wenigste Zeit zu Hause; Agitationsrctsen, Parteiversammlungen und derartige Geschäfte nahmen fast seine ganze Zeit in Anspruch und kosteten ihn viel Geld. Wenn seine Frau ihn darüber zu Rede stellte, daß er so selten zu Hause sei, hieß es, er treibe die Müllerei kaufmännisch und müsse für das Geschäft reisen. Die Müllerin war scheinbar damit zufrieden. Sie hatte mit ihrem Haushalte vollauf zu thun und konnte sich um die Geschäfte, die ihren Mann so oft hinausriefen, nicht kümmern. Auch hatte sich ihr Wesen in der letzten Zeit verändert. Sie, die sonst munter und vergnügt war,