Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 49 (19.6.1893)
- Date
- 1893-06-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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«so > Vermischtes *3- Hannover. In die neue Erziehungsanstalt Ahlem bei Hannover sind Anfang dieses Monats die ersten Zöglinge eingezogen. Das außergewöhnlich trockene Wetter dieses Frühjahrwar für die völlige Austrocknung deS Gebäudes sehr günstig; dahingegen haben die jungen Anpflanzungen gelitten, obgleich durch sorgfältige Pflege die Mehrzahl der Bäume, namentlich die werthvolleren, bis jetzt erhalten sind. Bis jetzt befinden sich 11 Zöglinge in der Anstalt, während weitere 8 angemeldet sind und in nächster Zeit eintreffen. Bon den Zöglingen stammt einer auS Posen, einer aus Schlesien, einer vom Rhein, einer aus Frankfurt a. M, einer aus Hannover und 6 aus Leipzig; von den weiter angemeldeten und in den nächsten Tagen eintreffenden Zöglingen sind 4 auS der Provinz Hannover und 4 aus Memel. Da die Anstalt für 60 Knaben eingerichtet ist, so bleibt allerdings noch Raum für 40 Zöglinge. Die gesammten Unterhaltungskosten für die 6 Leipziger Knaben trägt Herr Alphons Jacobson auS Leipzig, ein Mann, der durch seinen Wohlthätigkeitssinn und durch sein Berständniß für die richtigen Mittel, die Lage unserer armen Glaubensgenoffen dauernd und wirksam zu bessern, von Juden und Christen geehrt und geliebt ist. Außrr dem rühmlichst bekannten Herrn Commerzienrath Jakab Israel, der gleichfalls neben einem unermüdlichen Fleiß und einer wahrhaft rührenden Bescheidenheit jederzeit ein offenes Herz und eine offene Hand für seine Mitmenschen hat, haben trotz mehrfacher Aufforderung weder die Berliner Gemeinde, noch die Waisenhauscommission, noch die anderen dortigen reichen Glaubensgenossen bis jetzt die Anstalt durch Geldmittel oder durch Zuweisung von Zöglingen unterstützt, obgleich die Erziehungskosten in dieser Anstalt sich billiger stellen, als die Gemeinde bislang für die von ihr untergebrachten Kinder zahlt. Allerdings sind eine ganze Anzahl Gesuche aus Berlin eingelaufen, Zöglinge von dort völlig kostenfrei aufzunehmen. Daß die, nicht wie die älteren Institute mit reichen Mitteln auSgestattete junge Anstalt solche Gesuche unberücksichtigt lassen mußte, wird Niemanden in Erstaunen setzen, der sich nur annähernd ein Bild von den Kosten des Baues und der Einrichtung einer so großartig angelegten Anstalt machen kann. Von Frankfurt a. M., einer Stadt, wo unsre Glaubensgenossen mindestens ebensoviel in Anspruch genommen werden, wie in Berlin, ist die Zusage ertheilt, für IO Zöglinge zu zahlen, wovon bis jetzt allerdings erst einer in der Anstalt ist. Feuilleton. -£• Die drei Kronen. Von H. Berger. (Alle Rechte Vorbehalten.) (Fortsetzung.) Eine kleine Weile herrschte Stille im Zimmer. Die schwarzwälder Uhr, die an der Wand hing, tickte laut und hob nach kurzer Weile zum Schlagen aus. Rauh und heiser surrten die Schläge durchs Zimmer, als ob die Uhr sich ebenfalls ärgere über die Schlechtigkeit der Menschen. Als der letzte Schlag verklungen war, wollte Rahel hinausgehen; doch Benjamin hielt sie zurück und sprach: „Welcher junger Mann aus Berlin läßt Dich grüßen? Woher kennst Du den Herrn?" Nun war der Augenblick, vor dem Rahel schon so lange gezittert hatte, gekommen; er war früher gekommen, als sie gedacht und erwartet und nun mußte sie als ehrliche Toch'.er dem Vater die Wahrheit sagen. Sie wußte, daß sie mit der Wahrheit den Frieden stören würde und trotzdem griff sie zu keiner Nothlüge. Die Vertrauten der Kinder sind in Israel stets die Eltern, und da Rahels Mutter schon zu den Ahnen eingegangen war, mußte sie nun dem Vater das Geheimniß ihres Herzens am vertrauen. Es fiel ihr freilich schwer vor dem ernsten Antlitz des Vaters den Schleier von ihrer Liebe zu ziehen und dem alten Manne einen Einblick in ihr liebendes, hoffnungsreiches Herz zu gestatten, aber es mutzte sein. Sie überwand die mädchenhafte Scheu; sie verhehlte dem Vater nicht das Geringste und erwartete nun gesenkten Blicks ihr Urtheil. Benjamin sprach lange Zeit kein Wort. Seine Augen gingen von seiner Tochter nach der Wand, an welcher über dem Sopha das Bild seiner verstorbenen Frau hing und von da zurück zu seiner Tochter. Es schien fast, als frage er das Bild um Rath in dieser wichtigen Angelegenheit und sei ärgerlich darüber, daß ihm das rechte Wort fehle. Es schien, als ob das Bild an der Wand nicht seine Partei, sondern die seiner Tochter ergreife, denn nun wurden seine Züge weich und in seinen Augen glänzten wie Perlen zwei Thränen. Doch nur einen Augenblick ließ er sich gehen. Nun fuhr er mit dem Aermel über die Augen — und fort war alle Weichheit; eine feste Entschlossenheit lag auf seinem Antlitz, da er sich nun an Rahel wandte. „Du hast Unrecht gethan, meine Tochter", begann er mit sanftem Vorwurf, „daß Du Dein Geheimniß so lange für Dich behalten und so wenig Vertrauen zu mir, Deinem alten Vater gehabt hast. Du weißt, daß ich nur Dein Bestes will, und daß meine einzige Sorge nur die ist, Dein Glück begründen zu können, bevor ich zu meinen Vätern eingehen muß. Du weißt auch, daß das Glück nicht in jenem Rausche der Leidenschaft ruht, wie ihn die Liebe mit sich bringt. Ich weiß, was Du mir entgegnen willst", fuhr er fort, als Rahel sprechen wollte, „und ich bitte Dich, ehe Du sprichst, mich ruhig anzuhören." Rahel seufzte tief und Benjamin fuhr fort: „Du liebst den jungen Mann mit der ganzen Kraft Deines Herzens und der Leidenschaft einer ersten Liebe, und ich setze voraus, daß es bet ihm ebenso ist. Er ist, so setze ich voraus, ein braver, guter, tüchtiger Mensch, ein Charakter, dem man mit gutem Gewissen das Glück seines Kindes anvertrauen kann, dessen Talente, Fähigkeiten und