Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 49 (19.6.1893)
- Date
- 1893-06-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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929 chen wurde, schlägt nun seinerseits ironisch für die deutsch-soziale Partei Stöcker'scher Richtung den Namen „theologisch.sozial" oder „alttestamentarisch - sozial", letzteres eine besonders klangvolle Bezeichnung, vor. Er verwahrt sich gegen den Vorwurf der Unchriftltchkeit und gibt denselben nach Art zankender Jungen, dem Gegner zurück, so bekenne er sich trotz dem Parteitag immer noch zum Antisemitismus «aus pür3.86) der von der Judentaufe nichts wissen will, eine Konsequenz, wegen der er das Lob aller aufrichtigen Vaterlandsfreunde verdient. Er vertheidtgt „den allliebenden, himmlischen Vater des christl. Religionsstifters gegen den jüdischen National- und Rachegott und gegen die theologischen Taufgelüste des Herrn Stöcker. Gleichfalls verdienstvolle Unternehmungen. Der muthige Kämpe spricht nicht ohne Wehmuth von der Unduldsamkeit und Lieblosigkeit der theologischen Richtung, Tugenden, in welchen er doch selber immer das Beste leistete, und nun wird ihm auch dieser Ehrenpreis von seinen eigenen Gesinnungsgenossen, die doch weder Juden noch Judenknechte sind, streitig gemacht. — Ach, man macht bittere Erfahrungen im Leben! Rußland. Warschau. Was die innern Provinzen Rußlands an den in den letzten Jahren vertriebenen Juden wirthschaftlich eingebüßt haben, ersieht man am besten aus den bezüglichen Corresspondenzen des „Graschdanin" und der „Novoje Wremja", die doch gewiß unverdächtige Zeugen in Sachen der leidigen „Judenfrage" im Zarenreiche sind. So schreibt der Warschauer Corresspondent der „Rowoje Wremja" vom 3. v. M.: „Die aus dem Innern des Reiches eingewanderten Juden haben im Laufe der letzten zwei Jahre (1891 und 1892) nicht weniger als sage 100 kleine Fabriken und Werkstätten in der Stadt errichtet, welche alle in dem besten Gange sich befinden und zum größten Theil christliche Arbeiter (Polen und Deutsche) beschäftigen. Sie haben ferner so ziemlich einen ganzen kleinen Stadttheil angelegt, indem sie sofort eine Unternehmergesellschaft zum Bau von kleinen Häusern gründeten. Die Handelsvermittlung mit dem Innern des Reiches nicht nur, sondern auch mit dem ganzen südwestlichen Grenzgebiete befindet sich in ihren Händen und es ist nachgerade merkwürdig, wie sie hier Jedermann willkommen heißt, die Vertreter der wenig zahlreichen russisch orthodoxen Kaufmannsschaft, des Militärs und der Regierungsbehörden nicht ausgenommen." Seltsam in der Thal! „Die Juden aus Moskau — lesen wir wieder im „Graschdanin" vom 5. v. M. — brachten gerade die Gewerke und Gewerbe mit sich, welche hier in Warschau bislang sehr schwach entwickelt waren. Sie haben hier zuerst die Fabrikation von Spitzen und Bändern eingeführt und sie beschäftigen russische Arbeiter aus Wladimir und aus der Umgegend von Moskau, welche sie bereits dort in diesem Zweig gehörig eingeschult hatten. Der Umstand ist sehr bezeichnend, weil er klar beweist, daß die Juden in den Industrie-Distrikten von Wladimir und Moskau bereits eine geachtete Stellung einnehmen und eine Kategorie von Arbeitgebern bildeten, welche die Ortsbevölkerung jetzt nur ungern vermissen muß!" Die „Petersb. Wjedom." bemerken hierzu: „Auf Grund zuverlässiger Informationen können wir noch hinzusügen, daß die eingewanderten Juden in Warschau alle ihre früheren Geschäftsbeziehungen mit den Orten im Innern des Reiches, aus welchen sie vertrieben wurden, beibehalten haben. Vielen derselben ist sogar die formelle Vertretung der größten russischen Firmen in Wladimir und Moskau übertragen worden. Ebenso vermitteln sie die Lieferung von polnischen Fabrikaten, welche in den russischen Jndustriebezirken Absatz finden können. Der Maaren- und Handelsverkehr zwischen dem Innern des Reiches und dem Weichselgebiet war noch nie zuvor ein so lebhafter wie in den letzten Jahren. Kurz, die aus Moskau und Wladimir ausgetriebenen Juden haben inzwischen den unwiderleglichen Beweis geliefert, daß sie einen ebenso nützlichen wie unentbehrlichen Faktor der großrussischen Industrie bilden!!" Ein Commentar dürfte hier überflüssig sein. England. London, 11. Juni. Die in England exiftirenden gelehrten Gesellschaften haben soeben einen Zuwachs erhalten. Eine neue historische Gesellschaft zur Erforschung der Geschichte der Juden in England ist gebildet worden. Der als Schriftsteller bekannte Lucicn Wolf ist zum ersten Präsidenten ernannt worden. Englische Geschichtsschreiber von Ruf, wie Stubbs, Gardiner, Creighton und der auch so vielen Deutschen rühmlichst bekannte Custos an dem Britischen Museum, Richard Garnett, haben sich der neuen Gesellschaft angeschlossen. — Das Parlamentsmitglied Mr. Samuel Montagu hat den Vorschlag gemacht, daß in London in dem Ostende, dem Viertel der Armen, eine „Rothschild-Halle" nach dem Muster der „Toynbee-Halle" von den reicheren Mitgliedern des jüdischen Glaubens gegründet werden solle. In dieser Halle soll wenigstens ein Dutzend Rabbiner und Laten wohnen, deren Beruf es sein würde, den einwanderden Juden mit Rath und That zur Seite zu stehen und sie zu englisiren. Dieses Projekt ist von den Führern der jüdischen Gemeinde in London mit großem Beifall begrüßt worden.