Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 49 (19.6.1893)
- Date
- 1893-06-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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*ff?«y*y«g»V,?ff :.Ä^7^>W^>^WW^WWFA;WIMHNWWMDMWWM 928 viele Geheimniß ist. Der Religionsunterricht, welcher der Jugend ertheilt wird, reicht — gesetzt auch, er würde allen billigen Anforderungen entsprechen und nicht vielmehr an schweren Schäden leiden, wovon ein anderesmal — für die religiöse Erziehung und Bildung bei Weitem nicht aus. Mit dem Abgänge aus der Religionsschule verwischen sich im Leben gar bald die Eindrücke, die das Kind in derselben gewonnen." Der Verfasser dieses obengenannten Artikels hat leider mit diesen seinen Behauptungen sicher recht und jeder, der noch Interesse für unsere heil. Religion hat, wird mit Bedauern diesen Jndifferentismus in allem Religiösen sein Zerstörungswerk verrichten sehen. Schauen wir uns aber auch einmal nach den Ursachen dieser „Gleichgiltigkeit und Jnteressenlosigkeit" gegen alles Religiöse um, so finden wir manches, was in obigen Worten angegedeutet, aber vom Berfaffer nicht genauer ausgeführt worden ist. Bor allem sind es ja die Rabbinen, die dazu berufen sind, für die religiöse Bildung, für die Erhaltung des religiösen Sinnes zu sorgen, sie haben das Judenthum nach jeder Richtung zu vertreten, sie haben für dasselbe zu arbeiten. „Die Predigt reicht nicht allein aus." Bor allem ist es selbstverständlich nothwendig, daß der Jugend die Grundsätze unserer erhabenen Religion unauslöschlich ins Herz gegraben werden, daß sie begeistert werden, für den Glaubeu ihrer Väter. Um das Judenthum zu lieben, muß man es auch kennen. Dieses Ziel der religiösen Heranbildung unserer Jugend sollte den Herrn Rabbinen ebensowohl am Herzen liegen als die Predigt, die ja leider, besonders bet uns in Würrttemberg in den größeren Städten, von sehr Wenigen gehört wird. Hier sollte der Rabbiner den Religionslehrer in seiner Thätigkeit unterstützen, in den Familien darauf hinwirken, daß von seiten der Eltern auch auf einen regelmäßigen Besuch der Religionsstunde gesehen wird. Wie bedauerlich ist es aber, wenn der Rabbiner in einer Stadt, wo er gerade diejenigen Klassen zu unterrichten hat, in denen sonst der Religionsunterricht vorzüglich gepflegt werden muß (die oberen Klassen der Mädchen- und Gelehrtenschulen,) den Unterricht in eit;?r solchen Weise ertheilt, daß das, was die Kinder bereits bet dem Reltgtonslehrer in den unteren Klassen gelernt haben, nicht nur gänzlich vergessen, sondern gegen alles Religiöse ebenso gleichgiltig werden, wie gleichgiltig auch der Religionsunterricht ertheilt wird. Selbstverständlich wirkt dieses auch auf die Thätigkeit des Religionslehrers zurück, soviel dieser sich auch Mühe geben mag, So liegen thatsächltch die Verhältnisse in unserer alten Reichsstadt Ulm. Ich kenne Kinder, die seit einem Vierteljahre den Religionsunterricht besuchen und besser und fließender lesen, als solche, die bereits im dreizehnten und vierzehnten Lebensjahre stehen. Wie traurig ist es, wenn solche Kinder nicht einmal das Sch'ma lesen, überhaupt kaum eine Linie fertig lesen können, und so das wenigste von dem, was sie in früheren Jahren beim Religionslehrer gelernt, noch wissen, oder gar alles wieder vergessen haben. Helfen da philosophische Erörterungen über einzelne religiöse Punkte, die die Kinder nicht verstehen? Oder sollten die Kinder da Interesse an einem Unterrichte haben, wenn der Lehrer selbst nicht weiß, welchen Stoff er das letzte Mal behandelt hat und so planlos heute dies, ein andermal jenes gelehrt wird. Da hilft selbst fortwährende Repetition nichts, wie sie hier geübt wird. Die Klagen der Eltern über die Unregelmäßigkeit und Fruchtlosigkeit des Unterrichts hilft hier nichts, da selbst das Kirchenvorsteheramt dieser Sache machtlos gegenübersteht. Es wird seit zwei Jahren eine Schulprüfung verlangt, aber nie abgehalten. Hier wäre es also „zeitgemäß" in dieser (wie in mancher andern) Beziehung eine Aenderung herbeizuführen, daß unseren Herren Rabbinern diese Aufgabe ein wenig von maßgebender Seite aus ans Herz gelegt wird, und daß sie jedenfalls auch da, wo sie auch Religionsunterricht ertheilen, der Wirksamkeit des Religionslehrers kein Hemmschuh werden, sondern diesen in seiner Thätigkeit unterstützen. —6. Begesack, 13. Juni. Der Rechtsanwalt Leopold Heinr. Müller, Antisemit, Bremen, veranstaltete hier eine Wähler-Versammlung im „Tivoli". Derselbe wurde von der zahlreich besuchten Versammlung durch Pfeifen, Johlen und Zischen begrüßt und kaum hatte derselbe seine Rede begonnen, als er durch Zwischenrufe wie: „Lügner, raus mit dem Antisemiten" von der ganzen Versammlung unterbrochen wurde, so daß ein großer Tumult entstand und der Vertreter des Commissärs sich genöthigt sah, die Versammlung aufzulösen, was mit größtem Jubel begrüßt wurde. Der „aufgelöste" Antisemit schob die Schuld auf den Bureauführer des Antisemiten, der es nicht verstanden habe, die Versammlung zu leiten, da Letzterer noch minderjährig und auch noch nicht wahlberechtigt ist. R. Leipzig (Die Antisemiten unter sich.) Herr Theodor Fritsch, der große Held des Radaus, macht wieder einmal Herrn Hofprediger a. D. Stöcker die Palme des Antisemitismus streitig. Herr Fritsch, dessen „deutsch-soziale Blätter" wegen ihrer oppositionellen Tendenz vom Parteitag zu Hannover die Eigenschaft des Parteiorgans und somit auch die Berechtigung ihres Titels abgespro-