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Der Israelit · 1893-06-15 · Heft 48 (15.6.1893) · page 26

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 48 (15.6.1893)
Date
1893-06-15
Page
– (sequence 26)
Language
German
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922 Aus Deutschtands großen Hagen. ' Eine Erinnerung von S. Steinberg. Unser allverehrter Compagnie-Chef, Hauptmann v. B..... ein strammer, aber peinlich gerechter Offizier, liebt es bei passender Gelegenheit seiner vieljahrigen Erfahrung folgenden Ausdruck zu geben: „Die Juden sind entweder sehr schlechte oder sehr gute Soldaten. Ein Durchschnitts-Mittelmäßigkeit gibt es bei ihnen nicht." Zum letzten Male vernahm ich diesen, zunächst befremdenden Ausspruch während der Mobilisirung unseres Regiments zum Kriege 1870/71. In dieser Zeit der hehren Begeisterung, wo jedes ehrliche Soldatenherz in heiliger Vaterlandsliebe mächtig gegen die Rippen pochte, ein inniges, gemeinsames Empfinden, jeden auch den leisesten Unterschied mit elementarer Gewalt verbannte, da unterbrach plötzlich eine schrille Diffonanz die seelische Harmonie in unserer Compagnie. Ein jüdischer Kamerad, der Einjährig-freiwillige L... war erkrankt. Nach eingehender Untersuchung abseiten des Stabsarztes, wurde der Kranke für Felddienst untauglich erklärt, und dem Ersatzbataillon überwiesen. Die Mannschaft bedauerte das traurige Mißgeschick ves vom Kampfe mit dem Erbfeinde ausgeschlossenen Kameraden. Der erwähnte unliebsam berührte Mitzton ging von dem exaltirten Unteroffizier B.... aus, der sich zu der allgemein verletzenden Behauptung hinreißen ließ. „Der Jude sei nur feige und wolle sich drücken." Wie schmerzlich diese Kränkung die verhältnißmäßig große Anzahl der jüdischen Glaubensgenossen unserer Compagnie und ganz besonders den Schreiber dieser Zeilen berührte, bedarf wohl keiner weiteren Erklärung. War er doch ebenfalls, bei der letzten Revision für felddienstlich untauglich erklärt und erhielt erst auf seine flehentlichsten Bitten vom Bataillonskommandeur Major v. G. die beseligende Erlaubniß „aus eigene Verantwortung" mit ins Feld ziehen zu dürfen. Bei Gelegenheit einer privaten Unterhaltung mit unserem Hauptmann nahm ich Veranlassung das unstatthafte Benehmen des Unteroffiziers zu melden. Augenscheinlich hatte der graddenkende Chef den Schwerpunkt jener beleidigenden Aeußerung erkannt, dennoch blieb er in seiner väterlich-wohlwollenden Weise bemüht, mich von der Harmlosigkeit zu überzeugen und meinte belehrend „Na ja", das ist doch nur so eine gewöhnliche Redensart. In meiner Compagnie meint es Niemand so böse. Ihr seid nur gleich so empfindlich." Noch in voller Entrüstung über die Beleidigung, die mir heiße Thränen aus den Augen preßte, gab ich entschlossen zur Antwort: „Mag sein,Herr Hauptmann. Aber wir ziehen nicht als Juden, sondern als preußische Soldaten ins Feld, die ihre volle Schuldigkeit erfüllen werden." „Gewiß, mein Sohn, daran zweifle ich nicht", entgegnete lebhaft zustimmend der verständnißinnige Mann, „das ist ja von jeher meine Lehre gewesen. Die Confessionen lassen wir zu Hause. — Aber auch keine kleinliche Empfindelei. Wenn sich alle „Schuster" und „Schneider" bei mir beschweren wollten, weil man die linkischen Leute in der Compagnie so bezeichnet, dann hätte ich viel zu thun." „Die scherzhafte Herabsetzung des bürgerlichen Berufs, kann nicht so tief betrüben, wie die beabsichtigte des eigenen Glaubens. Hätte der Unteroffizier den freiwilligen L. ohne Confessionsbezeichnung der Feigheit beschuldigt, Niemand würde sich gekränkt fühlen". Nach dieser rückhaltslosen Darstellung wurde ich vom Chef mit gewohnter Freundlichkeit entlassen und glaubte damit der peinliche Vorfall sei erledigt. Wie groß war aber unsere Ueberraschung, als der Hauptmann nach *) Nachdruck verboten. Beendigung des Appells zum Kreise rechts und links schwenken ließ und dann folgende Ansprache hielt. „Leute! Der Unteroffizier B .... hat sich leider zu einer Aeußerung hinreißen lassen, die die Bekenner des mosaischen Glaubens unangenehm berühren mutz. Ein solches Benehmen ist preußischer Soldaten nicht würdig. Wer pflichtgetreu den Ehrenrock Seiner Majestät trägt, der hat Anspruch auf unsere gleiche Werthschätzung, einerlei ob er Jude oder Christ ist. Niemand kann sich die Wiege aussuchen, in welcher er geboren ist und wie schon unser großer König sagte, kann in Preußen, Jeder nach seiner eigenen Fatzon selig werden. Ihr wißt, daß ich niemals kirchliche Unterschiede gelten lasse. Ein tüchtiger, braver Kerl und damit basta. Wir sind Soldaten und maschiren alle in Gottes Namen gegen den Feind, schlagen ihn, wo wir ihn treffen, das ist unsere Religion." Wie erquickend diese Worte unser Herz berührte, das sprach deutlich genug aus den hellstrahlenden Blicken der Zuhörer und noch heute, und nach fast dreiundzwanzigjähriger Zwischenzeit taucht dieser beseligende Augenblick mit ungeschwächter Kraft aus der Erinnerung empor. Es ist mir wie in jenen unvergeßlichen Minuten, wo ich alle meine Selbstbeherrschung aufbieten mußte, um nicht aus dem Glieds zu stürzen und dem vorurtheilsfreien Compagnie-Chef dankend die Hand zu drücken. Die hochsinnige Denkungsart des Hauptmanns übte auf alle Compagnieangehörigen einen tiefen, nachhaltigen Eindruck ans, unsere jüdischen Kameraden aber, hat sie zu der höchsten Hingabe, welche Menschen fähig sind, begeistert. Ungeahnt rasch zeitigte die Aussaat, im ernsten gemeinsamen Feldleben, die reichsten Früchte. Es war, als ob die durchschnittlich körperlich schwächer veranlagten jüd.Soldatensich gelobt hätten, ihre Dankbarkeit durch die That zu beweisen. Ein doppeltes Pflichtgefühl stählte ihre Nerven bis zur äußersten Anstrengung und befähigte sie alle Kriegsstrapazen Schulter an Schulter mit ihren christlichen Kameraden ebenbürtig zu überwinden. Wie immer so siegte auch hier der belebende Geist über die physische Schwäche. Wohl haben wir auf Eilmärschen, sei es in der erstickenden Gluth des Sommers, sei es zur kalten erstarrenden Winterszeit, jüdische Kameraden verloren, aber sie haben sich, wie es pflichtgetreuen Soldaten geziemt, bis zum letzten Athemzuge mitgeschleppt. Ein schwaches Zeichen unserer innigsten Dankbarkeit erhielt unser Hauptmann schon in der ersten Nacht, vor dem Feinde. Unsere Compagnie war während der Dunkelheit auf Feldwache gezogen und lag klopfenden Herzens in den Schützengräben vor Metz. Nach erwartungsvollen Augenblicken überschüttete uns der Feind mit einem Kugelregen, der Jeden zwang sich so tief wie möglich nieder zu legen. Um die Bedeutung des Angriffs zu ermessen war eine Patrouille ins Vorterrän erforderlich. Die erste Aufforderung des Hauptmanns zur freiwilligen Patrouille blieb erfolglos. Als aber die vibrirende Stimme des Alten zum zweitenmale ertönte, da hätte ich um keinen Preis der Welt, in sicherer Deckung bleiben können. Mag eS anmaßend erscheinen, aber wahr bleibt es dennoch, wie electrisirt war ich empor gesprungen und rief freudebewegt: „Hier Herr Hauptmann." „Wer ist das?" klang es unwirsch zurück. Kaum hatte ich vorschriftsmäßig meinen Namen genannt als mir im freudigen Tonfall die scherzhafte Entgegung wurde: „Na ja, also das habe ich auch von Ihnen nicht anders erwartet." Wer denkt bei solcher Auszeichnung noch an Gefahr? — Nachdem ich diese erste Aufgabe zur vollen Zufriedenheit des Kommandeurs erfüllt

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