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Der Israelit · 1893-06-15 · Heft 48 (15.6.1893) · page 23

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 48 (15.6.1893)
Date
1893-06-15
Page
– (sequence 23)
Language
German
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I. Sociale und politische Zustände in Palästina. L)ie Aufgabe der bisherigen Ausführungen war die, nachzuweisen, dass eine Ansiedelung Palästinas durch Juden im Interesse dieser selbst durchaus gelegen ist, dass Palästina Voraussetzungen bietet, welche in ihrer Gesammtheit bei keinem anderen Lande zutretfen. Wir hätten aber die Frage, zu deren Lösung diese Zeilen beitragen sollen, unterschätzt, würden wir bei diesem Nachweise es bewenden lassen. Es genügt nicht darzulegen, „was“ geschehen muss, es ist ebenso wichtig, das „Wie“ zu erörtern, Mittel und Wege ausfindig zu machen und anzugeben, welche es ermöglichen, zu dem als erstrebenswerth erkannten Ziele auch zu gelangen. Fragen wir daher jetzt: Wie kann die Ansiedelung Palästinas durch russische Juden am rationellsten betrieben werden? Die Auswanderung nach Palästina, zu welcher unter den Juden im Osten Europas von jeher aus religiösen Gründen eine grosse Neigung vorhanden war, und zu der sie jetzt sich auch aus politischen Gründen getrieben sehen, begegnet merkwürdigerweise schon seit einem Decennium bei unseren Stammesgenossen westlich der russischen Grenze nur sehr geringen Sympathien, ja — sagen wir es offen — einem hartnäckigen Widerstande. Die Erklärungsgründe für diese so auffällige Erscheinung haben wir im Voraufgegangenen bereits gestreift, dort nämlich, wo wir davon sprachen, wie in Russland mit der Kenntniss der hebräischen Sprache und des jüdischen Schriftthums auch die Liebe zu dem Lande Israels tief eingewurzelt und weit verbreitet ist. Der Jude in Polen und in Rumänien, überhaupt der osteuropäische Jude lebt viele hundert Meilen von Palästina entfernt, aber ein geistiges Band hält ihn in stetem engen Zusammenhänge mit diesem Lande seiner Väter. Seine Gedanken, seine Wünsche, seine Phantasie, sie alle finden ihren Mittelpunkt in dem Berge Zion und in der Tempelburg. Anders verhält es sich, wie wir anzudeuten nicht minder früher schon Gelegenheit gefunden, mit den Israeliten im Westen Europas. Die Kenntniss der Sprache und Litteratur unseres Volkes ist dort beschränkt auf Berufskreise, denen Amt und Stellung eine Beschäftigung mit ihnen nahe legen. Sonst besteht in dieser Hinsicht ein Laienstand, der die Sprache seiner Väter nicht mehr kennt, und dem darum auch die Werthschätzung für das verloren gegangen ist, was für Jene den Hauptinhalt ihres geistigen Lebens ausmacht. Der westeuropäische Jude versteht nicht mehr hebräisch und denkt nicht mehr jüdisch. Er sieht in Palästina nur ein Land der Verödung und der Verwüstung, durchzogen von Horden räuberischer Beduinen, bedrückt von türkischer Missherrschaft, er sieht — um es mit einem Worte zu sagen — das heutige, sein östlicher Glaubensgenosse sieht das frühere Palästina. Und noch eins. Im Westen hat sich unverkennbar in religiösen Anschauungen eine freisinnige Richtung Bahn gebrochen, welche das jüdische Ritualgesetz nur mehr als eine culturhistorische Reminiscenz zu schätzen vermag. Von diesem Gesichtspunkte aus erscheint der Berg Zion dem Juden nicht heiliger, nicht ehrwürdiger, als etwa die Akropolis von Athen, beide sind ihm Stätten, an denen dereinst eine hohe Cultur geblüht hat, sie sind ihm aber beide auch nichts weiter. In dem Cultus, den der orthodoxe Jude mit den Stätten der Erinnerung im heiligen Lande treibt, sieht der aufgeklärte Jude des Westens nichts weiter, als eine Rückkehr zu Zeiten kindlich naiven Glaubens, dessen er längst nicht mehr fähig ist. Der Wiederaufbau des Tempels, der sehnsüchtigste Wunsch des orthodoxen Juden ist ihm ein Rückschritt zu längst überholten Zuständen, und die Folge davon ist eben die, dass ihm nicht nur jede Sympathie für das heilige Land fehlt, sondern dass er sogar volle Antipathie gegen Alles empfindet, was mit Palästina zusammenhängt. Mit solchen Gefühlen lässt sich nicht rechten, gegen sie lässt sich nicht ankämpfen mit Gründen der Vernunft. Der Slave hasst den Germanen, und ein braver Deutscher mag keinen Franzmann leiden. Der Antisemit hasst den Juden, warum soll der freisinnige Jude seinerseits nun nicht auch ein Object seines Hasses haben? Seine Abneigung richtet sich gegen Palästina. Er spricht von einer Misswirthschaft, welche die Türkenherrschaft dort hervorgerufen. Gewiss, wir wollen das Vorhandensein solcher Uebelstände nicht bestreiten, aber wie steht es denn mit Chile, mit Argentinien und anderen südamerikanischen „Culturstaaten“, die sonst als Zielpunkte der Kolonisation in’s Auge gefasst werden? Im fiebrigen vergisst man, dass nachweislich die inneren Zustände der Türkei sich stetig bessern, und dass namentlich die Verhältnisse in Palästina sich ganz enorm gehoben haben, seit man dort mit Kolonisationsversuchen begonnen hat. Dabei lassen wir ganz ausser Betracht, dass das grosse Czarenreich, dessen Zugehörigkeit zum civilisirten Europa man ja kaum bestreiten wird, dass diese europäische Grossmacht an Beamtenwillkür, an Bedrückung der Unterthanen, an Uebelständen aller Art wahrlich der Türkei weit überlegen ist. Und wer das räuberische Beamtenthum Russlands kennen zu lernen Gelegenheit hatte, wie die russischen Juden, der braucht sich wahrlieh vor einer Beduinenhorde nicht zu fürchten, selbst wenn ihm — was wir übrigens durchaus

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