Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 48 (15.6.1893)
- Date
- 1893-06-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXIV. Jahrgang. Beilage ju M 48 des „Israelit". Leitender Artikel. Tragische Momente. Eine kurze Betrachtung zu ffn Von ' S. Andorn-Crefeld. Nichts auf der Welt muß sich eine so schnöde Behandlung gefallen lassen, wie der Idealismus, und doch verdankt die Menschheit jeden großen Schritt ans der Bahn zur Vervollkommnung der Begeisterung, der Opferwilltgkeit für große Ziele. So Mancher ist nahe daran, den Glauben an die Ideale, an die Menschheit zu verlieren — und verliert ihn wirklich — die echte Begeisterung für das Ewige und Wahre, das Gerechte und Edle, das Gute und Schöne ist unverwüstlich — denn sie ist eine Gottesgabe. Und nun verstehen wir erst so recht, warum Moscheh so nachdrücklich ein 'n “Dy, ein Knecht Gottes genannt wird: Nicht bloß deßhalb, weil er alle Gebote Gottes so getreulich aussührte, sondern weil er einer Begeisterung, einer Liebe für seine Aufgabe fähig war, wie sie kein anderes Menschenkind vor oder nach ihm je besessen. Andere haben wohl auch in einem Falle, in einer Richtung eine große Opferfähtgkeit an den Tag gelegt; Moses har sie in allen Dingen bewiesen: sin psj ’rva ^>33. Er war wohl vertraut mit dem ganzen Gebäude höchster, göttlicher Tugenden; er war unerschütterlich in ihrer Uebung. Nur wer, wie er, das Göttliche so klar erkannt, ed' 'n warn, kann ganz von Gelbsucht los sich ringen, kann ganz in seiner Bestimmung aufgehen: in dem Wirken für Andere. Der Jüngling Moses ließ sich nicht vom Glanze des Königshofcs blenden, sein Herz zog ihn zu den Brüdern. Der feurige Wunsch, den Unterdrückten Recht zu verschaffen, ließ ihn eine unbesonnene That begehen. Bon seinen Schützlingen erntete er Undank. Vom Könige drohte ihm der Tod. Da mußte er Heimath und Stellung lassen. Doch der übelbelohnte, verrathene, gehetzte Flüchtling besinnt sich keinen Augenblick, als es gilt, die Schwäche gegen rohe Mißhandlung zu schützen. Und die Ideale, die der Jüngling gehegt, hat er sich als Mann in voller Stärke erhalten. Er verläßt seine Familie, läßt den trauten Freund, die Ruhe, den Frieden, um sein Volk zu befreien. Sein Zaudern wurde nicht durch Rücksichten auf sein Wohl und der seiner Angehörigen hervorgerufen: nur der Zweifel, ob er der Aufgabe gewachsen sein wird, ob seine Anstrengungen den Bedrängten zum Heile gereichen können, läßt ihn zögern. Doch als Moses sein Amt des Befreiers übernommen, da ist er nur noch für seine Sendung vorhanden. Nicht die Verzögerung der Befreiung, nicht die Vorwürfe des Volkes, nicht die Drohungen des Königs können ihm sein reines Streben verleiden. Und was hat er von dem ungeberdigen Volke in der Wüste alles erdulden müssen. Welche Vorwürfe, welche Anklagen wurden gegen ihn geschleudert. Wohl hat er ausgerufen: „Die Last ist zu groß, ich vermag sie nicht zu tragen." Und doch hat er sie weitergetragen, hat er den Undank und die Ungezogenheit des Volkes erduldet, hat für es gebetet und gerungen. Alle Dinge, die Andere zur Verzweiflung gebracht, ihnen jedes Fünkchen von Liebe geraubt, Moses hat sie über sich ergehen lasten — er war sich seines reinen Strebens bewußt — das hatte ihn bis dahin über alle Unbilden hinweggetragen. Doch auch diesem Manne blieb der Augenblick nicht erspart, in dem sein Glaube an die Menschheit in's Wanken gerieth, in dem tiefster Schmerz*) und eine bis an Haß grenzende Entrüstung sein Herz erfüllten. Das geschah, als ein Korach und seine Genossen die Reinheit seiner Gesinnung antasteten, als sie Ehrgeiz iNtwnn yno und Gewinnsucht tisbo dhd “ins nen sV als die Triebfedern seines Handelns bezeichneten — (die Demagogen alter und neuer Zeit gleichen sich ja.) Nur wer in seinem reinen Wollen, in seiner selbstlosen Liebe eine unerwartet schwere Verkennung erfahren, der kann den Schmerz ermessen, der das Herz des großen Mannes durchzuckte. Wenn die Aufopferung, die selbstlose Hingebung so schnöde gelohnt wird, wenn ein Mann von der Größe und Erhabenheit eines Moses sich gegen niederen Verdacht wehren muß, wenn ein Mann, dessen ganzes Leben den Idealen geweiht und von ihnen getragen war, in seinem Vertrauen schwankt, das ist ein tragischer Moment von unermeßbarer Tiefe. Und diese Momente, sie bleiben keinem erspart — sie kommen heran für den Einzelnen, wie für die Gesammthekt. Wohl blutet das Herz, schwankt das Vertrauen. Doch wenn wir, gleich dem großen Volksmanne, unsere Ideale trotzdem nicht verlieren, wenn wir ihnen nach aller Enttäuschung, aller Verkennung rüstig weiter nachstreben, dann sind auch wir 'n ’*Qy, Leute, die in der Uebung des Guten nicht erlahmten; dann werden wir vielleicht nicht selbst eine bessere Zeit mehr erleben, aber nsnn pnnv sie wird aus der Ferne zu uns herüberglänzen und künftigen Geschlechtern dauernd strahlen. *) Auch Raschi erläutert die Stelle: “ISO nttfO? “fH: “IS07 "iy nyoyj (Num. 16, iß).