Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 48 (15.6.1893)
- Date
- 1893-06-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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allein in ihrem Zimmer zu lesen. Es war ein Brief von Max Curkel, der erste, den er außer den verabredeten Schreiben an sie richtete. Benjamin öffnete seinen Brief und war mit der Lectüre desselben beschäftigt, als ein armer Mann an die Thüre pochte und um etwas zu effen bat. Rahel geleitete ihn in das Zimmer, ließ ihn am Tische Platz nehmen und holte Speise und Trank. Benjamin ließ sich nicht stören; erst als er den Brief gelesen hatte, blickte er auf und den Gast fixtrend, sprach er: „Scholaum alechem! Woher kommt Ihr?" Der Gast, der mit vollen Backen kaute, mußte erst einige Augenblicke warten, ehe er erwiedern konnte: „Ich komme weit her, aus Posen und Preußen." „Und warum treibt Ihr dieses wenig ehrenvolle Geschäft?" „Warum? Weil ich ausgewiesen bin, Hab und Gut, Hetmath und Geschäft verloren habe." „Was für ein Geschäft betriebet Ihr?" „Ich bin Schuhmachermeister und in meiner Werkstatt arbeiteten noch vor neun Monaten sechs Gesellen. Alles ist hin! Meine Frau ist mit den Kindern bet guten Leuten in R . . . und ich suche das Geld zusammenzubringen, um mit meiner Familie nach Canada auswandern zu können." „Konntet Ihr in R . . . keine Existenz finden?" „R . . .? O, seid mir stille von R . . . Wie kann ein Jehudi hoffen, in dieser Stadt seine Parnosoh*) zu finden? Dort ist alles voller Antisemitismus. „Und doch soll nirgends so viel für das Judenthum und zur Bekämpfung des Antisemitismus geschehen, als gerade dort." „Das ist's ja eben; wo so viele Juden wohnen, wohin täglich aus allen Weltgegenden so viele Israeliten zusammenströmen, da sind andere Aufgaben zu lösen, als die Bekämpfung des Antisemitismus. Ich habe von unserm Lehrer einmal erzählen hören, es habe vor alten Zeiten eine Schlange gegeben mit vielen Köpfen, die vielen Schaden anrichtete und nicht zu tobten war, weil, sobald man einen Kopf abhackte, zehn neue an dessen Stelle wuchsen. Eine solche Schlange ist der Antisemitismus. Der Kampf gegen ihn ist nutzlos, sobald man nicht ein Mittel findet, das Nachwachsen der Köpfe zu verhüten." „Und wie wollet Ihr das verhüten?" „Ja, mein Herr, wenn ich das wüßte, könnte ich ein zweiter Moscheh für Israel werden. Doch apropos, heißet Ihr nicht Caro und habt eine Tochter Rahel?" '^Auskommen. „So heiße ich und meine Tochter Rahel habt Ihr gesehen." „So soll ich derselben viele Grüße von einem jungen Mann aus Berlin bestellen." „Das muß ein Jrrthum von Euch sein; meine Tochter kennt keinen jungen Mann dort." „Ich irre mich nicht. Habe ich doch aus seinem eigenen Munde den Namen Caro und Rahel gehört und ich habe geglaubt, es sei der Choson*) Eurer Tochter." „Und doch irrt Ihr Euch! Nicht wahr, Rahel," wandte er sich zu der eintretenden Tochter, „Du kennst keinen Menschen in Berlin. Der Mann behauptet, von einem jungen Mann Grüße für Dich aufgetragen bekommen zu haben und er meint sogar, der junge Mann sei Dein Choson." Rahel erröthete über und über; sie dachte, der arme Mann wolle sich interessant machen und ahnungslos sprach sie: „Wer kann es wissen, Vater. Heutzutage war Jeder schon in Berlin. Wißt Ihr denn auch, wie der junge Mann, der mich grüßen läßt, heißt?" fragte sie lächelnd. „Gewiß, schönes Fräulein; Hab' ich doch seinen Namen ausgeschrieben." Und er zog ein abgegriffenes Notizbuch aus der Tasche, blätterte darin und sprach: „Hier steht der Name, Fräulein Rahel, der Name des schönen jungen Mannes", und er buchstabirte die Worte Max Curiel. Rahel wurde ganz bleich, was dem sie scharf beobachtenden Vater nicht entging. Sie drehte ihren Kopf zur Seite und entgegnete: „Ah, das ist ja der junge Ruffe, der in Onkels Haus eine Zeit lang lebte. Wie geht es ihm?" „Wie es ihm geht? Sehr gut." Dem alten Benjamin blieb nicht Zeit, lange die Worte des Bettlers anzuhören. Ein anderer Mann trat ein und nahm seine Zeit in Anspruch und als der letztere Besucher sich entfernt hatte, da dachte er nicht mehr an den Bettler. Aufgeregt ging er in dem Zimmer auf und ab und aus seinem Munde kamen die Worte: „So ein Lump, so ein Schofel! Ach, möchten sie ihn nur einspinnen!" Als Rahel wieder in's Zimmer kam und die Aufregung des Vaters sah, mahnte sie das böse Gewissen und nicht wie sonst fragte sie den Vater, was ihm fehle. Benjamin's Entrüstung war grenzenlos! Er sah seine Tochter zuerst gar nicht und blickte, an die Scheiben trommelnd, zum Fenster hinaus. Plötzlich wandte er sich um und sagte: *) Bräutigam.