Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 48 (15.6.1893)
- Date
- 1893-06-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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910 ■■£2*-*&> -■•. •->-;~r~? und 10 Bäcker. Vierzehn Familienväter haben in der Armee gedient. In anderen Dörfern ist das Verhältniß ein ähnliches. — Die Synagoge in Moskau, die 800,000 Mark gekostet hat, ist seit dem 1. Januar d. I. geschlossen.*) Nur Juden erster Gilde befinden sich noch in der Stadt. Viele Häuser sind in Folge der Ausweisungen von Juden entwerthet und die Eigenthümer haben eine Neueinschätzung derselben verlangt. Der Stadtrath hat sich bereits mit dieser Angelegenheit beschäftigt. Das genannte Blatt theilt auch Einiges aus einem Berichte mit. den „einer der hervorragendsten früheren russischen Minister" über die Folgen der Judenausweisungen erstattet hat. Derselbe führt aus, daß die jüdischen Händler mit kleinem Vortheil von zahlreichen Geschäften zufrieden seien, während der russische nur etwas unternehme, wenn er großen Nutzen erwarte. Daher werde der Bauer durch die Entfernung der jüdischen Händler geschädigt. Außerdem seien viele kleine Gewerbzweige, welche den Russen nicht Passen, lediglich von Juden betrieben worden. In Wolhynien, wo die Juden vertrieben seien, nähmen die orthodoxen Russen von den Bauern für Gelddarlehen 120 pCt. jährlich. Durch die Ausweisungen habe der Credit Rußlands, insbesondere seit 1889, gelitten und dieser Zustand werde noch schlimmer werden, wenn immer mehr jüdische Finanzleute in Europa sich ihrer mißhandelten Stammesgenossen in Rußland annähmen. Eine politische Gefahr aber bedeute es, wenn 5 Millionen zur Verzweiflung gebrachter Menschen in dem sog. Juden-Rayon zusammengedrängt würden, denn diese würden sich im Falle eines Krieges dem Feinde zuwenden. Es wäre besser, dieselben durch Milde zu Freunden, statt sie durch Grausamkeit zu Feinden zu machen. Soweit der Bericht des „früheren Ministers". Sollten hier vielleicht Gedanken des ehemaligen Finanzministers Wyschnegradskt zum Ausdruck gebracht worden sein? -£• Vermischtes 4 Rüfselöheim a. M., t0. Juni. In einer heute dahier stattgehabten Antisemitenversammlung wurde dem antisemitischen Neichstagscandidaten Hugo Welcker aus Ulm von den zahlreich erschienenen Sozialdemokraten durch Zwischenrufe zu Gunsten der Juden, Pfeifen und Zischen derart heimgelenchtet, daß dieser nach einer halben Stunde seinen Vortrag schließen mußte. *) Eine Photographie dieses Prachtbaus verdanken wir der Liebenswürdigkeit des Herausgebers von „Darkest Russia", der uns auch gestattet hat, dieselbe im „Israelit" zu reproduziren. Der Abdruck erfolgt in einer der nächsten Nummern T’N. Red. Feuilleton. Die drei Kronen. Von H. Berger. (Alle Rechte Vorbehalten.) (Fortsetzung.) XI. Die Zeit geht ruhig ihren Gang und achtet nicht des Thuns und Treibens der Menschen. Mögen sich die Herren der Erde zerfleischen und vernichten, mögen blutige Kriege, furchtbare Seuchen, schreckliche Unglücksfälle die Erdenbewohner dezimiren, mögen Revolutionen die Reiche, Naturereignisse die Erde zerstören — unentwegt schreitet die Zeit vorwärts, in ihrem Inhalte die Geschichte bergend, die Lehrerin der Menschheit. Und die Geschichte der Welt, die Geschichte der Reiche, der Staaten, die Geschichte der Völker und Nationen setzt sich zusammen aus der Geschichte des Individuums, so daß sich wechselseitig die Bestrebungen der Nationen, Reiche und Staaten mit denen der einzelnen Individuen decken. Und wenn wir hier die Geschichte des alten Benjamin Caro niederschreiben, so ist das ein Stück Zeitgeschichte, welches wohl Anspruch auf Beachtung machen darf. Benjamin hatte schwer zu kämpfen. Neid, Bosheit, Lüge, Gewinnsucht und wie die schönen Leidenschaften eines ungebildeten, nicht sehr wohlhabenden Bauernstandes alle heißen mögen, verbitterten ihm das Leben und machten ihn gallig selbst seiner Tochter Rahel gegenüber. Auf deren Bitten hin hatte er das Geschäft ganz aufgegeben und wenn ein Bauer jetzt eines Darlehens bedurfte, so mußte er mit noch zwei solventen Bürgen nach der Stadt, um auf dem Bureau des teutschen Vereins gegen gute Worte, solvente Bürgschaft und übliche Zinsen das Darlehen in Empfang zu nehmen. Es war nicht Jedermanns Sache, die Nachbarn, guten Freunde und Verwandte in die eigenen Vermögensverhältnisse blicken zu lassen und da Benjamin sich entschieden weigerte, selbst für notorisch wohlhabende Bauern den Bankier zu spielen, wurde er auch nun von denen gehaßt, die ihn früher in Schutz genommen. Rahel war sein guter Geist. Ihren besänftigenden Worten gelang es, den oftmals aufwallenden Zorn und Unmuth des Vaters zu besänftigen; auf ihren Rath blieb er zu Hause, widmete seine Zeit den Hausgeschäften und überließ seinen Söhnen die Geschäfte, die über Land führen mußten. Benjamin und Rahel saßen gerade beim Frühstück, als der Postbote zwei Briefe brachte. Der eine war an Benjamin, der andere an Rahel gerichtet. Als Rahel die Handschrift erkannte, erröthete sie und wollte den Brief einstecken, um ihn