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Der Israelit · 1893-06-15 · Heft 48 (15.6.1893) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 48 (15.6.1893)
Date
1893-06-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
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900; Oesterr.-Ungar. Monarchie. Preßburg. Die hiesige Judengemeinde verfügt bekanntlich über zahlreiche wohlthätige Institutionen, welche von dem innigen Zusammenhalt und dem humanen Sinn unserer Glaubensgenoffen Zeugniß ablegen. Die Preßburger Cultusgemeinde darf nach dieser Richtung geradezu als ein Muster hingestellt werden. Allein trotzdem machte sich in der Reihe unserer Wohlthätigkeitsanstalten eine Lücke bemerkbar, welche umso schwerer empfunden wurde, je weiter die Verarmung der hiesigen israelitischen Bevölkerung und die Auswanderung der wohlhabenderen Judenfamilten fortschreitet. Viele unserer Glaubensgenoffen fristen ihr Dasein nur kümmerlich durch harte und mühevolle Arbeit. So lange sie arbeitsfähig, erwerben sie zur Roth das Aeußerste. Die Lage dieser Armen wird aber eine geradezu furchtbare, sobald ihre Kräfte versagen und zu physischen Arbeitsleistungen untauglich werden. Sie sind dann einem elenden Leben preisgegeben und viele von ihnen sterben in Ermangelung kräftiger Nahrung eines frühen Todes. Auf Grund dieser Erfahrungen hat sich schon seit Langem die Nothwendigkeit der Errichtung eines Versorgungshauses für arme Greise und Greisinnen geltend gemacht. Der neugewählte Vorstand, unter welchem auch das Mädchenwaisenhaus und die Volksküche in's Leben gerufen wurde, hat sich nun vor Kurzem dieser Frage mit großer Energie angenommen und den Beschluß gefaßt, von der hiesigen Stadtgemeinde ein Haus, in welchem sich früher das Asyl für arme verlassene Kinder befand, zu dem gedachten Zwecke käuflich zu erwerben. Allein unsere Cultusgemeinde verfügt nur über geringe Baarmittel, und als die Stadtgemeinde vor wenigen Tagen den Cultusvorstand zum Erläge des Kaufsschillings und zur Uebernahme des Hauses aufforderte, war man einen Augenblick in peinlichster Verlegenheit. Da bewährte sich nun neuerdings der altererbte Wohlthätigkeikssinn. Unser ehrwürdiger erster Vorsteher, Herr Joel Wolf, gab die Erklärung ab, daß er den Kaufschilltng sammt Gebühren aus eignen Mitteln bezahlen und das Haus zu dem Zwecke des Versorgungshauses adaptiren lassen wolle. Dasselbe wird als Joel Wölfische Stiftung in das bleibende Eigenthum der Gemeinde übertragen. Munkaez. Das orthodoxe Judenthum hat durch den Tod des berühmten Oberrabbiners Spiro in Munkacz einen großen Verlust erlitten. Der Verstorbene ragte durch außergewöhnlich große Talmudgelehrsamkeit und wahre, unerschütterliche Frömmigkeit hervor. Sein Wort war im Rathe der uw« Ungarns ausschlaggebend und sein guter Ruf drang weit über die Grenze des Landes hinaus. Mit ihm sank eine Säule der strenggläubigen Judenheit ins Grab. Die Nachricht von seinem Ableben wird die orthödoxen Juden mit tiefer Trauer erfüllen. Spiro war eine imponirende, gewinnende Persönlichkeit, sein hohes Wissen und seine Friedensliebe erwarben ihm die größte Sympathie seiner Gemeinde. Viele Wittwen, Waisen und arme Familien verlieren in ihm ihren freigebigen Wohlthäter; er stand bei Juden und Christen in hohem Ansehen. rnaan England. London. Ende Mai ist dahier der seit zwei Jahren von Paris nach unserer Stadt übergestedelte jüdische Gelehrte I. I. M. Rabbinowiez gestorben. Derselbe hatte sich in der jüdischen Gelehrtenwelt durch seine Schriften über den Talmud einen berühmten Namen erworben. Seine bekanntesten Werke sind: „Die bürgerlichen Gesetze des Talmud" (1873 und 1880), „Die Strafgesetze des Talmud" (18.3), „Die Medictn des Talmud" (1880), „Die talmudischen Grundsätze über die Schechitah" (1877). Rabbinowicz, ein geborener Ruffe, lebte in Paris von 1860—1890. Rumänien. Bukarest, 10. Juni. Die Regierung wies in Folge der Beschwerde zahlreicher israelitischer Reservisten die Präfekten an, daß das den Fremdenaufenthalt in Landgemeinden beschränkende Gesetz auf solche Ntchtstaatsbürger, die der rumänischen Militärpflicht genügt haben, keine Anwendung findet. Rußland. Rußland. Die neueste Nummer von „Darkest Russia" (vom 1. Juni) enthält wieder eine ganze Reihe von Mittheilungen über neue Ausweisungen und neue Beschränkungen der Juden in Rußland. Bis zum 1. November d. I. müssen 25,000 Juden das Gouvernement Livland und noch mehr Kurland verlassen, im Ganzen vielleicht 60,000 Personen, darunter 8000 allein in Riga, von denen die meisten sehr arm sind. Alle die Ausgewiesenen werden in den schon ohnehin überfüllten Städten des sog. Juden-Rayons den dortigen Juden die Lebenshaltung noch mehr erschweren. Der heftigste Schlag trifft aber die Juden in den Dörfern der polnischen Provinzen, wo sie bisher ungestört leben durften. Aus dem einzigen Dorfe Suchodniewa sind 250 Familien und im Distrikt von Ruda-Guzowska an der Warschauer Bahn 480 Familien ausgewiesen worden. Alle trieben dort Handel und besitzen Eigenthum, welches sie binnen kurzer Zeit verkaufen müssen. An zwei Plätzen von Blizin (?) sind von 170 jüdischen Familien 158 ausgewiesen worden. Von letzteren sind 76 schon lange im Gebiete wohnhaft. Es befinden sich unter denselben: 10 Schneider, 5 Schuster, 4 Tischler, 2 Fleischer, 10 Kutscher

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