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Der Israelit · 1893-06-15 · Heft 48 (15.6.1893) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 48 (15.6.1893)
Date
1893-06-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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908 Vorsitzenden des Mitteldeutschen Bauernvereins, und verliest ihn. Der Inhalt ist kurz folgender: Der Adressat, ein Großlieferant, wird aufgefordert, in seinen Rechnungen für die Ortsgruppen zu dem Preise seiner Maaren 2 pCt. aufzuschlagen, diese also mehr zu erheben und den Betrag der Centralftelle einzusenden. Der unentwegte Kämpe für deutsche Wahrheit, Freiheit und Recht glaubt, daß der Brief gefälscht ist. Sofort erhebt sich ein Großhändler, irren wir nicht, der Adressat des Briefes, und erklärt, er sei bereit, zeugeneidlich vor Gericht zu erhärten, daß er 2 pCt. Aufschlag auf den Preis seiner Lieferungen für den Verein habe machen und diese dem Vorstande des Mitteldeutschen Bauernvereins zuwenden müssen. Das Si fecisti, nega war nun freilich Herrn Böckel unmöglich geworden, aber als echt „deutscher" Mann mit gewandten, ja sehr gewandten Manieren, wußte er sich in diesem kleinen Unfälle zu helfen: Die Gelder flössen in die Parteikasse. Bet einem Umsatz von mindestens 800,000 Mk. — womit man sich rühmt — macht das ein hübsches Pöstchen für die Partei des Herrn Böckel. Außer dieser indirekten Steuer haben die mit dem Böckel'schen Wohlfahrtseinrichtungen Beglückten statutenmäßig bekanntlich auch eine direkte in Höhe von einer Mark pro Kopf der „judenreinen" Bevölkerung zu zahlen. Wie beglückt, Gründer ... wenn auch nur von Bauernvereinen zu sein! Aus Weftprerrhen. In einer Wählerversammlung zu Neuteich hat sich der „Danz. Ztg." zufolge der bekannte Führer der westpreußtschen Agrarier, Herr v. Puttkammer-Plauth als entschiedener Gegner der Antisemiten bekannt. Er sagte in seiner Wahlrede, daß ihm die Hetzereien gegen jüdische Mitbürger, die die Gefahr in sich schließen, daß Ausschreitungen gegen Personen und Eigenthum Vorkommen könnten, in der Seele zuwider seien. Widerliche Personen, die sich die Noth ihrer Mitmenschen zu Nutze machten, finden sich sowohl unter Christen wie unter Juden. Diese Uebelstände müßten nicht durch Gesetze gegen die Juden, sondern durch allgemeine Gesetzgebung bekämpft werden. tz. Ratibor. Am letzten Mittwoch langten hier 98 russische Auswanderer an, um in Nordamerika eine neue Heimath zu suchen. Sie lagen seit etwa einem Jahre in Krakau, bis endlich vom dortigen Central-Comits Bestimmung über sie getroffen wurde und sie theilweise auf Kosten des Herrn Baron Hirsch nach Nordamerika weiterbefördert werden sollten. Sie befassen Schiffskarten und das erforderliche Reisegeld — 400 Mark pro Person. Da indeh nach einer erst am 24. Mai dieses Jahres erneuten Ministerialverfügung noch ein Auslandspaß von den russischen Auswanderern verlangt wird, so wurde der Trupp, da er ohne Pässe war, hier festgehalten und die Männer vorläufig in Polizeigewahrsam, Frauen und Kinder in einem großen Saale untergebracht. Das hiesige HtlfscomitL sorgte zunächst für rituelle Verpflegung und setzte sich mit den Behörden in Verbindung. Da die internen Organe machtlos waren, entsandte das Comitö einen Delegirten an den Regierungspräsidenten, der jedoch erklärte, gegen die stricte Verfügung des Ministers nicht handeln zu können und an den Minister selbst verwies. Herr Rabbiner Dr. Blumenthal erstattete darauf einen dringenden telegraphischen Bericht an den geschäftsführenden Ausschuß des deutschen Centralcomitss, dessen Schriftführer, Herr Rechtsanwalt Breslauer, sich sofort tn's Ministerium begab und die Genehmigung des Herrn Ministers erwirkte. Der Herr Minister gab an die Regierung in Oppeln telegraphisch die Ordre, diese 98 Auswanderer ausnahmsweise durch deutsches Gebiet passiren zu lassen, und der Regierungspräsident sandte eine entsprechende Verfügung an die hiesige Polizeiverwaltung. Da aber die Auswanderer inzwischen polizeilich nach Oderberg zurückbefördert worden waren, konnten sie erst am nächsten Tage ihre erneute Reise durch deutsches Gebiet ungehindert antreten. Heute bestiegen die heimathlosen Unglücklichen ihr Schiff in Rotterdam, um in einer ungewissen Ferne eine neue Zukunft sich zu gründen. Wir nehmen von diesem Zwischenfalle nur deßhalb Notiz, um die östlichen Comttss, zumal das Krakauer, zu warnen, p a ß l o s e Auswanderer an die preußische Grenze zu schicken, da, wie bereits bemerkt, der letzte Trupp nur ganz ausnahmsweise befördert wurde und künftige Auswanderer schon an der Grenze ohne Weiteres zurückgewiesen werden dürften. Die Arbeit des deutschen Centralcomitss ist unter den gegenwärtigen Verhältnffsen eine so unendlich schwierige, daß man es nicht versuchen sollte, die Ausführung der im Verein mit der Regierung getroffenen Maßnahmen der deutschen Comttss durch unbefugte Sendungen zu erschweren. Metz, 7. Juni. Als Wahlkuriosum verdient vermerkt zu werden, daß sich der deutsch-soziale Kandidat Liebermann von Sonnenberg in einem zu Gunsten seiner Kandidatur verbreiteten Wahlaufruf als einen Gegner der Ausnahmegesetze hinstellen läßt. Nur die Wahl des Antisemiten, so wird hier behauptet, könne das Reichsland von den auf ihm lastenden Ausnahmegesetzen befreien; denn solange in den meisten Wahlkreisen noch französisch gesinnte Abgeordnete gewählt würden, sei an eine Beseitigung des Ausnahmezustandes nicht zu denken! Eine Wahl Ltebermann's als Mittel gegen Ausnahmegesetze fürwahr eine köstliche Idee!

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