Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 48 (15.6.1893)
- Date
- 1893-06-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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90t Anliegen des Lebens erfaßte, er suchte alle Hindernisse zu beseitigen, die sich ihrer Aneignung entgegen stellen, es wäre Tinte auf verlöschtem Papier, die nicht eindringt und die nur schwer leserlich ist. Da kommt es denn soweit, wie es bei uns leider gekommen ist, daß die Thora vielfach nicht einmal mehr bei den Rabbinern, also selbst nicht bei denjenigen ist, für die man sie ausschließlich reserviren zu sollen geglaubt hat. Auch ihre Ausbildung folgt dem Zug der Zeit, der erst die Aneignung der profanen, weltlichen Bildung verlangt, die Absolvirung von Gymnasien und Universitäten für obligatorisch erklärt und hinterher nachholen und einbringen will, was in den schönsten Jahren der Jugend ganz hintangesetzt oder doch nur sehr nebensächlich betrieben wurde. Was ist die Folge davon? Eine Schrift auf verlöschtem Papier! Früchte dieser Art Ausbildung legen Zeugniß für die bewährte Wahrheit ab, welche die Rabbinen alten Schlags in die Worte kleideten: min 'nan innVa nun -iv'ön new n\n Nin inupia min noii>ni p#hibö röo pxrri'i l’ona pyhaj pi p*nisD vdd pen» pro vdi: pjfcaa min nan p« .pnupia Dj'tyn nnsen xh •ynnyja dk -idin ^nv „Rabbi Schimeon ben Eleasar sagte: Wer Thora in der Jugend lernt, dem gehen die Worte der Thora in (Fleisch und) Blut über und entströmen klar dem Munde. Wer die Thora im Alter lernt, dem gehen die Worte der Thora nicht in Fleisch und Blut über und entströmen nicht klar dem Munde. So sagt auch das Sprichwort: In deiner Jugend hast du sie nicht begehrt, wie wirst du sie in deinem Alter erlangen." (Aboth Di Rabbi Nathan Cap. 24.) nyatp wo* idin «in nn now 'nni' p pyott? »an ^>a najn vem m^nnD nt^> To!?n nr reu Dian .m^nno nrrvV ’d ni pinn irr „Rabbi Simeon ben Jochai lehrte: Die Schrift sagt: „Das gesättigte Verlangen schätzt den feinsten Honig gering", das ist derjenige, der nicht von vornherein gelernt hat, „aber der Hungernden Verlangen schmeckt alles Bittere süß", das ist der, welcher vornhinein gelernt hat." (Sifre Ekeb Cap. 34.) innin njpff rnn nitw ’Jonj na 'an nvn «in n:n jwVnr poi -piya ntPND nv^i n"nn vmyjD .]n nVyn D»an« nV’K iva nnin „Rabbi Schemuel bar Rachmeni sagte: Glücklich der Mensch, der seine Thora in der Jugend sich angeeignet hat, denn das ist der Sinn des Wortes: „Freue dich des Weibes deiner Jugend", was eine Bezeichnung für die Thora ist, die eine Gazelle an Liebreiz und Erzeugerin der Anmuth genannt wird. (Midrasch Mischte z. St.) Verweilen wir nun noch einen Augenblick bei dem eigenthümlichen Bilde, das hier die Lehre mit Tinte vergleicht. So wesentlich die Tinte als das Mittel erscheint, daS die Schriftzüge dem Auge wahrnehmbar macht, so unwesentlich und nebensächlich erscheint sie doch im Vergleich zu dem Inhalte dessen, was sie veranschaulicht. Wer frägt bet einer nach Form und Inhalt vollendeten schriftlichen Darstellung nach der Tinte? Oder wen entschuldigt eine schöne Tinte für eine mangelhafte schriftliche Arbeit? Nicht die Tinte, der Schreiber ist derjenige, der den Ausschlag gibt. So sagt uns das Bild der Tinte hier: Nicht die Methode, nicht die Schablone des Unterrichts, der Art und Weise der Lehre, keine Regeln der Pädagogik, sondern die Persönlichkeit des Lehrers und seine Individualität sind das Entscheidende beim Unterricht. Die Lehre gleicht der Tinte, der Lehrer aber dem Schreiber. So gewiß man mit schlechter Tinte einen schönen und mit schöner Tinte einen unschönen Brief schreiben kann, so gewiß können die besten pädagogischen Regeln von einem ungeschickten Lehrer gehandhabt, keine Erfolge erzielen, so gewiß kann ein von Gott begnadeter Lehrer ohne alle äußere Behelfe und Methoden günstig auf sein Schüler einwirken. — Es kann nicht wohl anders sein. Wenn das Wort Gottes und Daoa m on» DnnöVi, alle Välcr zu Lehrern macht, ohne ihnen das Studium der Pädagogik vorzuschretben, so muß der Beruf des Lehrers auch ohne diedes Beiwerk erfüllt werden können. Stützen und Behelfe mag es sein, wie die Tinte das äußere Mittel ist, um den Gedanken festzuhalten und sinnlich wahrnehmbar zu machen; aber mehr nicht. Das ist eine Wahrheit, die das hier gebrauchte Gleichniß, nebenbei uns vermittelt. Aber der Kernpunkt dessen, was unser Spruch lehrt, ist die Thatsache: Die Erziehung und Unterweisung unserer Kinder in den Satzungen der Thora kann nicht früh genug beginnen, was hier versäumt wurde, läßt sich nur schwer und unvollkommen nachholen. Zeitungsnachrichten und Correspoudenzen. Deutschland. Gießen, 9. Juni. Herrn Dr. Böckel ist ein kleines Malheur passirt. In Klein-Gemünden, wo er eine Wahlrede für seinen Genossen Ztmmermann hielt, war ein Nationalliberaler und Freund der Kandidatur des Prof. Backhaus so neugierig, Herrn Böckel zu fragen, ob es wahr sei, daß er von je hundert Mark, die für Waarenbezüge seines Mitteldeutschen Brauernvereins den Großhändlern» Fabrikanten rc. gezahlt würden, zwei Mark erhalte? Herr Dr. Böckel war entrüstet; „Das ist eine infame Lüge!" — Der neugierige Frager zieht hierauf einen Brief aus der Tasche, unterzeichnet vom