Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 48 (15.6.1893)
- Date
- 1893-06-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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906 zu erhalten. Der Ahn des jüdischen Volkes wurde vom Vater der Menschheit lediglich deßhalb als Stammvater des Gotlesvolkes würdig befunden, weil er seinen Kindern und seinem Hause nach ihm einprägte, was nach Gottes Wort Gerechtigkeit und Recht ist. (I. B. M., C. 18, V. 19.) Daß die Worte, die Gott uns befohlen, nicht nur uns verbleiben, daß wir sie unseren Kindern einschärfen sollen, das ist die dringende Mahnung, mit der Israels großer Führer von seiner Heerde scheidet. (V. B. M., Cap. 6, V. 7.) Die Festigkeit, welche alle an den Besitz des Gottesworts sich heftende Feindschaft und Rachsucht überwindet, hat Gott auf den Hauch von Kindern und Säuglingen gegründet. (Psalm 8, V. 3.) Daß unsere Kinder im frühesten, unmündigen Alter, wenn sie nur zu lallen anfangen, das allen Eindrücken so zugängliche Kindesgemüth zu allererst der Thora entgegenbrtngen, war die angelegentliche Sorge der Erziehungsweisheit unserer Altvorderen. nwnpi mm noiV im« ‘■d'6 jnvn pp apjr r6np nsrniD ntpo ub ms min n\-i »kd mm .pvm piofi «m »kd yoff nmp „Sobald ein Kind zu sprechen versteht, lehrt es sein Vater Thora und das Lesen des yDt? und zwar die Sätze: Die Thora, die uns Moscheh gebot, ist das zu vererbende Gut der Gemeinde JakobS" und „Höre Israel, Gott unser Gott ist einzig." (Talmud Sukkah fol. 42 a.) Das was dem Kinde unverlierbar treu als Jüngling, als Mann, als Greis, das ganze Leben hindurch verbleiben soll, das muß ihm in früher Jugend betgebracht werden, wo der Grund des Herzens noch rein und von nichts anderem erfüllt ist. — Das ist heute anders geworden, seitdem man unsere Kinder statt sie mit dem Geist der Thora zu durchdringen, mit „israelitischer Religion" abfindet. Die Thora ist nicht das erste, einzige, absolute, wofür unsre Kinder geboren und erzogen werden. Sie werden für das Leben, für den geschäftlichen Beruf unterrichtet. Das Kind erlernt zunächst die Landessprache sprechen, lesen und schreiben, lernt alles mögliche Nöthtge und Unnöthige und füllt damit die leeren Furchen seines Geistes. Erst in zweiter, dritter und noch viel späterer Reihe folgt dann die Unterweisung in der Thora, falls man ihm nicht einen destillirten Extract derselben bietet, wie er in den „Katechismen der mosaischen Religion" präparirt wird. Dann ist aber das Herz des Kindes kein weißes Blatt mehr. Dann haben bereits die Schriftzeichen des Lebens ihre Züge unverwüstlich auf dem Herzensgrund eingegraben und die Thora geht leer aus. Als Acher die Geistessaat vernichten wollte, die er einst als Elischa ben Abujah selber gestreut hatte, trat er in die Lehrstätten und scheuchte die Lernenden mit seinen Reden vom Gottesworte fort. KMD1K ,»Ktt yn «nimm ,Km yiay pan» i^k .-ID .D»»n im mnuDiN ms jm nmuow ,-») jm „Was wollt ihr hier? sprach er zu den Lehrbefliffenen. Du bist von Profession Maurer, du bist Zimmermann, du bist Maler, du bist Schneider, was vergeudet ihr euere Zeit mit der Thora?" (Talmud Jeruschalmi Ehagiga Perek II.) So sprechen noch heute diejenigen, welche nicht die Thora, nicht den Willen Gottes, sondern das Leben und seine Anforderungen als erstes und letz tes Ziel der Erziehung htnstellen. Sie meinen allen Ernstes, die Thora, die Propheten, die Pjalmen, die Geschichte unseres Volkes, das Gesetz unseres Lebens, wie es im Talmud niedergelegt ist. das Alles sei nur für diejenigen bestimmt, die einmal Rabbiner werden sollen. Und doch hat die Thora uns Moscheh geboten, sie ist das zu vererbende Gut nicht der Rabbiner, nicht der Prediger und nicht der Lehrer, sondern der Gemeinde Jakobs. Wir halten daher unseren Kindern ihr theuerftes, heiliges Erbe vor, wenn wir ihnen die Thora vorenthalten, wenn sie nicht das erste ist, das wir sie lehren, wenn sie nicht das letzte ist, zu dem sich alles andere Wissen und Können wie Mittel zum Zweck verhält. Auch hier bewahrheitet sich der Väterspruch: ^3 Pin rn v^y pnu mm bw udd p-nen „Werdas Joch der Thora abwirft, dem legt man das Joch des sozialen Lebens auf." Frägt man über den Werth der Thora gleichgiltig und geringschätzig urtheilende Eltern, warum sie ihre Kinder nicht in der Thora unterweisen lassen, so weisen sie auf die Fülle desjenigen hin, was heutzutage ein Kind alles zu lernen hat, und wie sich unmöglich die erforderliche Zeit und Muße dafür finden lasse. Dabei klagt aber alle Welt, auch die außerjüdische, wegen Ueberbürdung der Schuljugend. Jeder Tag zieht neue Fächer und Disciplinen in den Unterrichtsplan der Kinder, allen möchte man gerecht werden, und entspricht ihnen auf Kosten der Gesundheit und Jugend unserer Kinder. Aber für die Thora findet sich keine Zeit. Sie, die wie nichts anderes geeignet ist, das Gemüth zu beleben und den Geist zu schärfen, sie läßt man unbeachtet im Winkel liegen und glaubt ohne sie die Erziehung und geistige Erstarkung unserer Jugend erreichen zu können. Und da wächst eine Jugend heran, keuchend unter dem pw im ^ny, unter dem Joch, das die Ansprüche des sozialen Lebens unseren Kleinen auferlegt. Sie werden vollgepropft mit einem Ballast von Wissen, das sie nicht bewältigen können, sie werden früh reif, früh alt, früh blasirt und greisenhaft. Und wenn dann wirklich einen die Sehnsucht nach der Kenntniß der höchsten