Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 48 (15.6.1893)
- Date
- 1893-06-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXIY. Jahrgang. M 48. Der Israelit. St» Aentrat-Hrgan für das orthodore AudenLhum. Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Donnerstag, den LS. Juni S6SS (1893). Leitender Artikel. Sprüche der Wüter. Viertes Buch. LXXV. Mainz, 14. Juni. nvn «in nöb ib' noi^n -iöik rviax p y&bt* naina non «in nv^> pi notann by naina .pro tj by Elis cha beu Abujah sagte: „Wer etn Kind lehrt, wem gleichtbies? Tinte geschrieben auf neuem Papier. Wer aber einen Greis lehrt, wem gleicht dies? Tinte geschrieben auf verlöschtem Papier." Selbst die goldene Lebensregel, welche den Gegenstand unseres vorhergehenden Spruches bildete, nämlich sich über den Fall des Feindes nicht zu freuen, hat ihre Ausnahme. Allerdings nur eine einzige, aber sie gilt für unseren schlimmsten Feind, denjenigen nämlich, den jeder in seinem eigenen Innern birgt, es gilt der Leidenschaft, der Sinnlichkeit und der Neigung zum Bösen, die jeder mit sich herumträgt. Sie ist mit unserer irdischen Natur seit dem Eintritt in die Zeitlichkeit verknüpft, sie ist der Feind, der uns nie verläßt, der an der Pforte des Herzens auf den unbedachten Moment lauert, in dem er uns zum Falle bringen kann, den daher zu überwinden die Aufgabe aller Erziehung und Belehrung, die Aufgabe des ganzen Lebens bildet. Wer diesen Feind zu Fall gebracht, mag sich dessen freuen. Auf ihn bezieht die Weisheit der Weisen die Worte König Salomos: „Wenn deinen Feind hungert, gib ihm Brod zu essen." Mit dem Brod der Thora mahnen sie der Begierde entgegenzutreten, die uns zu vernichten droht, daß wir den Kampf nicht früh genug aufnehmen können, wenn wir uns des Steges erfreuen wollen, das ist der Sinn des Spruches von Eltscha den Abujah. Niemand war wie Elischa ben Abujah geeignet die Wahrheit dieses Ausspruchs durch sein eigenes Leben zu bekunden. Er ist der einzige unter den nach Tausenden zählenden großen Weisen Israels, welcher der jüdischen Wahrheit untreu, ein Abtrünniger, ein „Anderer" wurde, wie es der Name Ach er bezeichnet, die ihm die Genossen nach seinem Abfall beilegten. Unter den Ursachen, welche die Ueberlieferung für diese außergewöhnliche Erscheinung anführt, finden sich auch die frühen Jugendetndrücke, dir ans Acher im väterlichen Haufe im-unmündigen Kindesalter einwirkten. Dort verkehrten neben den Großen Jerusalems auch die Großen Roms. Bei Achers Einführung in das abrahamitische Bündniß ertönten neben Psalmliedern, die leichten, griechischen Gesänge, welche den Reigen und Tanz begleiteten. Acher nahm schon früh griechische Bildung und Verbildung, griechische Sitten und Unsitten an. Es war nicht wie sonst ausschließlich die Gottesschrift, die auf dem reinen Herzensgründe sich einprägte, und die Folge war sein beispielloser Abfall, vor den ihn eminente Gelehrsamkeit und sein außergewöhnlicher Scharfsinn nicht zu schützen vermochten. Als Acher noch Eltscha ben Abujah war, als er noch den Zwiespalt zwischen Lehre und Leben tief im Busen trug, mochte sein Scharfsinn wie kein anderer die Quelle dieses Zwiespalts erkannt und diese Erkenntniß in den Spruch gekleidet haben: „Wer ein Kind lehrt, gleicht Tinte, geschrieben auf neuem Papier, wer aber einen Greis lehrt, gleicht Tinte, geschrieben auf verlöschtem Papier." Die Ewigkeit des Judenthums ist auf diese Wahrheit gegründet. Daß unsere Zeit so reich an Epigonen Achers ist, rührt in erster Reihe von der Verkennung gerade dieser Wahrheit her. Nicht umsonst leiten die Aussprüche des Gotteswillens mit dem Wörtchen mit der Aufforderung ein, sie weiter zu sagen und sie so für alle Zeit lebendig