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Der Israelit · 1893-06-12 · Heft 47 (12.6.1893) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 47 (12.6.1893)
Date
1893-06-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXIV. Jahrgang. Beilage zu M 47 -es „Israelit". Leitender Artikel. Einige aufkkärende Worte üöer den Halmud. Von I. Eifenmanrr (G a i l i n g e n). II. Ueber das Verhältniß des Talmud zum Ntchtjudenthume. Bevor wir zur Behandlung unseres zweiten Punktes schreiten, wollen wir erst einige Stellen des Talmud anführen, die uns über die hohe und erhabene Anschauungsweise desselben, über die Zerstreuung Israels belehren. Da heißt es einmal: Lo higlo hakodosch boruch hu esjisroel leben houmos elo k’dei sckejitosou alehem gerim, d. h. die Israeliten wurden deßhalb unter die Völker zerstreut, um diesen als Zeugen und Bekenner der Gotteslehre zu dienen und die letztere unter ihnen zu verbreiten und befestigen; oder mit anderen Worten: Israel ist berufen, der ganzen Welt das Heil zu bringen, eine Periode der allgemeinen Gotteserkenntniß und Gottesverehrung herbeizuführen, eine Zeit, in welcher nur Tugend, Sittlichkeit, Liebe und Wohlwollen auf Erden herrschen, ein Zeitalter, in welchem kein Volk mehr gegen das andere das Schwert erhebt, eine Aera des Glückes, Friedens und des Wohlstandes. Eine andere Stelle des Talmud lautet: Der Allmächtige hat den Israeliten eine Wohlthat erwiesen, daß er sie unter die Nationen zerstreute, d. h. die Zerstreuung Israels ist nicht als ein Fluch und als eine eigentliche Strafe Gottes anzusehen, sondern als ein Akt seiner höheren Gerechtigkeit und Liebe, wie es auch weiter heißt im Talmud: „In allen Handlungen der göttlichen Vorsehung, auch in denen, welche uns als ein Unglück und Mißgeschick erscheinen, bewährt sich die väterliche Liebe und Huld Gottes." Gehen wir nun auf unser Thema näher ein. Ich glaube dasselbe am besten dadurch lösen zu können, wenn ich die falschen Verdächtigungen, die gegen den Talmud erhoben werden, der Reihe nach widerlege. Zwar bin ich mir bewußt, daß es vielfach eine Sisyphusarbeit sein wird, die einmal eingewurzelten Mißverständnisse und Vorurtheile gegen das Judenthum und besonders auch gegen den Talmud zu bekämpfen. Hundertmal sonnenklar widerlegt, kommen sie zum hundertersten Male wieder und zwar in unverminderter Kraßheit zum Vorschein. Dennoch scheint es unsere Pflicht, nicht davon abzulassen und alles das zu thun, was in unseren Kräften liegt. Die 1. Beschuldigung lautet: Das Judenthum sei die intoleranteste von allen Religionen und der Talmud gestatte den Juden die Uebervortheilung und Unterdrückung der Nichtjuden. Dieser Vorwurf der Unduldsamkeit, der den Stempel größter Rohheit und niedrigster Trivialität an sich trägt, trifft den Talmud ganz unverdient. Im Gegenthetl glaube ich behaupten zu können, daß der Talmud nicht allein nicht intolerant ist, sondern die größte Humanität befiehlt. Für diese Wahrheit können unzählige, im Tone innerster Ueberzeugung vorgetragene Sätze als kräftige Belege dienen. Rabbi Akiba lehrt: Die Thorastelle: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" ist ein Hauptgrundsatz der Thora. Er will damit nur bestätigen, daß sich unsere Liebe, Güte und Milde, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit auf alle Menschen, von welcher Religion, Nation und Menschenklasse sie auch sein mögen, erstrecken muß. Jeder Mensch, selbst der größte Verbrecher, ist also unser Nächster, unser Nebenmensch, unser Bruder, auf den sich alle Vorschriften der Thora über Nächstenliebe beziehen. Wir dürfen daher auch diejenigen unserer Mitmenschen, die uns beschädigt und gekränkt haben, die also unsere Feinde sind, nicht wieder kränken, beschämen und beleidigen, müssen vielmehr Böses mit Gutem vergelten. „Lieber sich in einen brennenden Ofen stürzen, als seinen Nächsten öffentlich beleidigen." Ganz besondere Toleranz und Humanität spricht jedoch aus dem Satze, der die richtige Lehre aufstellt, daß die Frommen und Tugendhaften aller Religionen zur ewigen Glückseligkeit gelangen. Während andere Religionen für sich das Prädikat der alleinseligmachenden in Anspruch nehmen, erklärt unsere Religion, daß alle Menschen, sobald sie nur die 7 noachidischen Vorschriften (Verbot des Götzendienstes, der Unzucht, des Mordes u. s. w.) befolgen, ohne Unterschied der Konfession Antheil haben an der zukünftigen Welt. In Bezug auf Barmherzigkeit und Liebe äußert sich der Talmud, wie folgt: 1) Wir sind verpflichtet ohne Rücksicht auf Volk und Glauben, Arme zu unterstützen, Kranke zu pflegen und Tode zu bestatten. 2) Wenn zur Erntezeit ein Nichtjude einen Antheil an den betreffenden obligaten Gaben beanspruchte, durfte er nicht zurückgewiesen werden. 3) Durch einen vorgespiegelten Liebes- und Freundschaftsdienst, oder sonst durch eine scheinbar arglose Täuschung sich einen Vortheil verschaffen,

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