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Der Israelit · 1893-06-12 · Heft 47 (12.6.1893) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 47 (12.6.1893)
Date
1893-06-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
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895 Ein furchtbarer Lärm folgte diesen Worten. Die große Anzahl junger, unreifer Burschen, die immer dabei ist, wenn es einen Skandal gilt, jubelte dem Redner zu; auch manche ältere Bauern gaben ihrer Uebereinstimmung mit dem Vortrag Ausdruck, gar mancher jedoch verließ kopfschüttelnd den Platz und das Dorf und war froh, als er erst wieder auf dem Heimwege war. In R. artete die Versammlung in ein Zechgelage aus, bei welchem das Messer eine solche Rolle spielte, daß die herbeigerusenen Gensdarmen mehrere Verhaftungen vornehmen mußten. Dr. Z. hatte sich mit seinem Generalstab in ein Separatzimmer der „goldnen Krone" zurückgezogen und genoß hier mit seinen Getreuen die Früchte seines Triumphes. Der Rheinwein perlte in den Gläsern und löste bald die Zungen und die Geister. Der Müller, der sich anfangs dem Dr. Z. gegenübersehr reservirtverhalten, wurde nach dessen Mittheilungen ganz besonders lustig nnd erneuerte den Bruderbund, den er früher mit Dr. Z. geschlossen. Man trank stch gegenseitig zu und das unausgesprochene Geheimniß zwischen den Antisemiten gab ihrer Zusammenkunft einen eigenen Reiz. Man blinzelte sich gegenseitig zu, einzelne unzusammenhängende Worte, aus denen der Uneingeweihte nichts entnehmen konnte, die aber von den Wissenden verstanden wurden, flogen neckend hin und her, als die Thüre geöffnet wurde und der Kronenwirth mit der Meldung eintrat, daß ein Taglöhner Klaus seiner harrete. Dr. Z. trat auf ihn zu und fragte: „Run, guter Freund, womit kann ich Euch dienen?" „Ich möchte Sie gerne einige Augenblicke allein sprechen." Der Wirth hatte sich entfernt und der Taglöhner schritt mit Dr. Z dem Ausgang des Gartens zu. Von dort aus führte ein Fußweg nach dem nahen Walde. Wortlos wanderten die beiden Männer hintereinander her. Als sie nun der Wald ausgenommen hatte, blieb Dr. Z. stehen und sprach: „Nun, mein Freund, das muß ja ein furchtbares Geheimniß sein, welches Sie mir mitzutheilen haben, daß Sie sich deßhalb in den Schutz des deutschen Waldes begeben." „Wie man es nimmt. Ein Geheimniß habe ich Ihnen nicht mitzutheilen. Leider rufen die Spatzen auf den Dächern sich das zu, wonach ich Sie fragen wollte." Dr. Z. wurde es ungemüthlich in der Nähe des stark nach Branntwein duftenden Arbeiters, dessen Augen nichts Gutes verhießen. Er sah sich nach allen Seiten um, konnte aber keine menschliche Seele erblicken. Er^nahm all seinen Muth zusammen und sprach mit einer Stimme, die fest sein sollte, die aber nichts weniger als fest war: „Nun, was wollen Sie von mir? Wer sind Sie?" „Das ist recht", sprach der Taglöhner; „dieser Ton gefällt mir; nun brauch ich mich nicht zu geniren. Also wer ich bin? Man nennt mich den wilden Klaus; mein Name ist Klaus Schönlein." Bei dem Namen Schönlein zuckte Dr. Z. zusammen und wurde kreideweiß. Er ahnte, vor wem er stehe, doch stellte er sich unwissend und sagte: „Nun, Herr Schönlein, was wollen Sie von mir?" „Was ich von Jhnnen will? Sonderbare Frage! Eigentlich nichts. Und doch; Herr Dr., ich habe eine Tochter." „Nun, was ist's mit Eurer Tochter? Soll ich ihr einen Dienst verschaffen?" „Sie sind sehr freundlich. Meine Tochter hatte einen Dienst, einen guten Dienst und eine brave Herrschaft. Sie selbst ist schuld daran, daß sie bei ihrer Herrschaft nicht bleiben konnte." „Und warum nicht?" fragte Dr. Z., der stch noch immer unwissend stellte. Er sah nicht, den tückischen Blick des Taglöhners, der ihn brennenden Augs fixirte, er sah nicht die Faust, die sich unwillkürlich ballte, sonst hätte er nicht den Zorn des wilden Klaus herausgefordert. „Warum nicht?" knirschte dieser; „warum nicht? Weil ein elender Hund, ein feiger Bube, ein Schuftenkerl sie verführt, sie ehrlos gemacht und ehrlos verlassen hat." „Ei, ei, das thut mir leid, mein guter Freund!" „So, so; leid thuts Ihnen; und mehr haben Sie mir, dem Vater, nicht zu sagen?" „Daß ich nicht wüßte. Doch nun lassen Sie mich znrück; Sie scheinen zu viel getrunken zu haben." Dr. Z. wollte sich entfernen, doch wie ein eiserner Schraubstock umspannte die Hand des Taglöhners seinen Arm und hielt ihn fest. Zufällig traf sein Blick das blutunterlaufene Auge des Wüthenden und er bebte vor der Wildheit zurück, die ihm aus diesem Auge entgegenleuchtete. Keuchend vor Wuth zog Klaus ihn trotz seines Sträubens zu sich heran und sprach: „Gewiß habe ich getrunken. Sie elender Lump; ich muß doch einen Milderungsgrund haben, wenn ich einen ehrlosen Kerl Niederschlagen will, wie einen tollen Hund! Lebendig wirft Du diesen Platz nicht mehr verlassen, Du Heuchler, Du Ehrabschneider, Mädchenjäger Du! Ja, ich bin der wilde Klaus! Meinem Namen will ich Ehre machen. Ehre! Haft Du mir sie nicht geraubt? Hast Du nicht meine Tochter verführt, Du elender Schuft? Ja, zittere nur, wir wollen abrechnen."

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