Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 47 (12.6.1893)
- Date
- 1893-06-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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894 Antisemiten werden solche Klagen wenig anfechten, wenn sie der nationallibalen Stimmen sicher sind. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien. Bekanntlich hat vor einiger Zeit der Weinhäuser Pfarrer Dr. Joseph Deckert im „Vaterland" ein an ihn gerichtetes Schreiben des derzeit auf Requisition des königlichen Landgerichtes in Leipzig in Haft befindlichen Paulus Meyer zur Veröffentlichung gebracht, in welcher der Letztere die Behauptung aufftellte, daß er im Jahre 1875 zu Ostern im russischen Gouvernement Lublin Zeuge eines vom dortigen Rabbi Josuah aus Lentochna im Vereine mit mehreren Orthodoxen verübten Ritualmordes gewesen sei. Dieses Schreiben Paulus Meyer 's ist durch die Zeitungen auch in Warschau und im Gouvernement Lublin bekannt geworden, wo die Tochter jenes Rabbi Josuah und mehrere der durch Paulus Meyer beschuldigten Personen noch am Leben sind. Den durch diese Zuschrift Verleumdeten liegt selbstverständlich Alles daran, die Anklage Paulus Meyer's zu entkräften, und ebenso erachtet sich die Tochter des verstorbenen Rabbi Josuah für verpflichtet, das Andenken ihres Vaters zu schützen. Die erwähnten Personen haben sich daher an den hiesigen Rechtsanwalt Reichraths- Abgeordneten Dr. Joseph Kopp gewendet und denselben mittelst legalisirter Vollmacht beauftragt, die Ehrenbeleidigungs-Klage gegen Paulus Meyer und Pfarrer Dr. Deckert vor dem Wiener Schwurgerichte zu erheben. Herr Dr. Joseph Kopp hat auch die Vertretung in diesem Prozesse übernommen und im Laufe des heutigen Tages bereits die Anklage bei dem k. k. Landesgerichte überreicht. Die Auslieferung des Paulus Meyer an die sächsischen Behörden dürfte angesichts der erhobenen Klage bis nach Beendigung dieses Prozesses verzögert werden. Wie«, 7. Juni. Der „Polit. Corr." wird aus Odessa gemeldet, daß die Beförderung jüdischer Emigranten nach Palästina eingestellt worden ist, da die Pforte wettere jüdische Ansiedlungen nicht gestattet. Die von dem Komite des Barons Hirsch organisirten Auswanderungszüge sollen ausschließlich nach Argentinien geleitet werden. England. London, 8. Juni. Der „Daily News" wird aus Odessa gemeldet, daß die jüdischen Einwohner dreier Vorstädte Odessa's ohne Ausnahme den Befehl erhalten haben, ihren Aufenthalt fortan im Inneren der Stadt zu nehmen. Eine ähnliche Maßregel soll allmählich gegen alle Juden erlassen werden, die in den Vororten der größeren Städte wohnen. Dadurch würde natürlich der Zustand der jetzt schon überfüllten Judenquartiere in den großen Städten noch beträchtlich verschlimmert werden. > Vermischtes- *4- Berlin, 28. Mai. Der soeben zur Ausgabe gelangte 60. Jahresbericht der unter dem Protektorat der Kaiserin Friedrich stehenden Baruch-Auerbach'schenWaisen-Erziehungs- Anstalten laßt den gedeihlichen Fortgang dieses aus winzigen Anfängen emporgewachsenen segensreichen Instituts erkennen. In dem Knaben-Waisenhause befinden sich 50, in dem Mädchen-Waisenhause 26 Zöglinge, welche den Unterricht großtentheils in höheren Schulen genießen. Besonders fähige Knaben bleiben bis zum Abiturienten-Examen, die Mädchen alle bis zur erlangten Erwerbsfähigkeit in der Anstalt. Jedem Zöglinge wird die Möglichkeit einer seiner Beanlagung entsprechenden Entwickelung und dereinstigen Lebensstellung geboten. Beihilfen zur Selbständigmachung bezw. Berheirathung früherer Zöglinge — von denjenigen des Mädchen- Waisenhauses haben sich bereits etwas mehr als die Hälfte verheirathet — sonstige Unterstützungen gewähren Stiftungskapitalien in Höhe von 286,625,42 Mk. Unantastbares Vermögen besitzen die Anstalten 753,413,47 beziehungsweise 370,850,44 Mk. Ein jetzt erst 35,741,50 Mk. betragender Baufonds, welchem Herr Kommerzienrath I. Israel 3000 Mk. zugewendet hat, ist dazu bestimmt, für den voraussichtlichen Fall einer Verlegung und Erweiterung der Anstalten als Grundstock zu den alsdann erforderlichen Neubauten zu dienen. Die Ausgaben betrugen einschließlich Gottesdienst, Büreau, Renten, Stipendien u. a. Zuschüssen 48,264,53 beziehungsweise 5866,62 Mk. d. h. für den Kopf und Tag 55'/z Pf. Feuilleton. Die drei Kronen. -4- Von H. Berger. (Alle Rechte Vorbehalten.) (Fortsetzung.) In der Mitte des Dorfes lag die „goldne Krone" Hier sollte die Versammlung stattfinden. Doch als sich der hierzu bestimmte Saal als zu klein erwies, beschloß man im Freien zu tagen. Die Menge zog heulend und johlend zum Marktplatze, woselbst von einer rasch improvisirten Tribüne die Redner ihre Tiraden den Bauern vortrugen. Alles, was Gift und Galle, Neid, Bosheit und Haß ersinnen konnten, wurde den Juden zum Vorwurf gemacht. Die Sprecher kannten ihr Publikum und wußten das Feuer der Leidenschaft anzufachen und zu schüren, so daß es zur lodernden Flamme wurde und als Dr. Z. der Hauptredner mit den Worten schloß: „Und darum muß unser geliebtes teutsches Vaterland befreit werden von der Knechtschaft, in der es unter dem Regiment der Juden fchmachtet. Das kann aber nur durch die Selbsthilfe geschehen. Darum tretet ein in die teutschen Bauernvereine, leset den „deutschen Bauer", damit den Juden der Boden unter den Füßen entzogen wird und ein wohlhabender, kräftiger teutscher Bauernstand sich entwickele, blühe und gedeihe!"