Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 47 (12.6.1893)
- Date
- 1893-06-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448315-2448360--36515-2484546- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
892 es wird soweit nicht kommen, das sieht auch Herr Ehrlich ein. Aber warum nicht? Fragt die „polnischen Rabbiner", die „gleich den orthodoxen Pfaffen aller Glaubensbekenntniffe dafür sorgen, daß ihnen die Herrschaft über die ungebildete Masse ja nicht verloren gehe." Ein unrichtigeres Urtheil ist wohl noch nie über die „polnischen Rabbiner" abgegeben worden, jene Mäuner mit dem sorgenvollen Leben, mit dem ununterbrochenen Studium, mit der selbstlosen Hingabe an das Wohl ihrer Gemeinde, jene Männer, deren Geschichte Heldenthum, deren Ehrgeiz Bescheidenheit, deren Ruhm Verkennung ist. Wer sie nur irgend kennt, wer einen einzigen von ihnen je gekannt hat, dem müßte die Schamröthe in's Gesicht steigen, ehe er die widerwärtigen Insinuationen des Herrn Professors nachsprechen möchte. Doch — die Leistungsfähigkeit des Herrn Ehrlich ist damit noch lange nicht erschöpft. Er schüttelt immer neue Gedanken aus dem Füllhorn seines — Gedächtnisses. Er ist unerschöpflich in Rathschlägen. „Ob die von mancher Seite angestrebte Reform der Einrichtung der Feste, die Verlegung der Sabbatfeier auf Sonntag, das Aufgeben des widersinnigen Schächtens und der Absonderung in den Nahrungsgewohnheiten eine ernste und dauerhafte versöhnliche Wirkung erzielen wird, muß dieFolge lehren." Also: ändern wir nur einstweilen die von Gott uns befohlenen Einrichtungen der Feste nach unserem Gutdünken, verlegen wir willkürlich den Weltruhetag und nehmen wir ihm dadurch jede Bedeutung, schaffen wir das von den ersten Fachkapazitäten als vorzügliche Schlachtmethode anerkannte, vom Herrn Professor aber als widersinnig erklärte Schächten kurzer Hand ab, nachdem wir jahrzehntelangen Kampf um es geführt, setzen wir uns hinweg über die „Nahrungsgewohnheiten", die in Jahrtausende langem Kampf sich an unseren Geschlechtern bewährt haben, indem sie uns an Seele und Leib zum Widerstand gegen innere und äußere Feinde stählten, werfen wir das alles, was uns heilig und theuer ist, von uns und — warten wir den Erfolg ab! Vielleicht, vielleicht werden die Herren Antisemiten eine Einsicht haben und in Anerkennung unseres guten Willens säuberlicher mit uns verfahren. Wahrscheinlich aber wird das alles gar nichts helfen und erst „ein nächster Krieg bietet vielleicht den Juden wieder Gelegenheit zum Beweise, daß sie gute Deutsche sind"! -Das aber ist Wahnsinn ohne Methode — weiter aber haben wir zu solchen Auseinandersetzungen nichts hinzuzusügen. Nur das eine möchten wir Herrn Professor Ehrlich, da er sich als Freund der Juden gerirt, noch zu bedenken geben, was Dr. M. Hirsch in seiner trefflichen Schrift „Kulturdefizit am Ende des 19. Jahrhunderts" bemerkt: Jede, auch noch so platonische Förderung des Antisemitismus fördert direct oder indirect seine extremsten Ziele. Eine Scheidung in ganzen, halben oder tausendstel Antisemitismus ist unlogisch und unhaltbar. Entweder: Der Antisemitismus hat Recht, dann darf ich ihm auch ganz angehören, oder: er ist im Unrecht, dann darf ich ihm auch nicht den geringsten Vorschub leisten. Berlin, 7. Juni. Ein eifriges, reges Streben hat sich in den letzten Monaten im Norden unserer Stadt entfaltet, das nunmehr zu einem Ziel gelangt ist, von dem wir neues, frisches Leben für die religiösen Interessen erwarten dürfen. Der Synagogen-Veretn B e 1 h - Z i o n hat einen neuen Raum, Brunnenstraße Nr. 10, zur Errichtung einer Synagoge erworben, woselbst auch zugleich die Religionsschule, die 130 Kinder zählt, ein Unterkommen findet Wir begrüßen diese neue Aera in dem Verein als eine höchst erfreuliche Thatsache, die die reichsten Früchte tragen kann und hoffentlich auch tragen wird. Die Einweihung soll schon anfangs Juli stattfinden, worüber ich rrw ausführlichen Bericht erstatten werde. Berlin. Donnerstag Abend hatten sich hier auf besondere Einladung etwa 100 Israeliten aller Gesellschaftsklassen: Fabrikanten, Kaufleute, Schriftsteller, Börsenmänner rc. zusammengefunden, um über die practischen Mittel zu berathen, die geeignet wären, dem im Anwachsen begriffenen Antisemitismus wirksamer, als bis jetzt geschehen, entgegenzuwirken. Es wurde betont, daß man sich auf die liberale Presse in dieser Hinsicht nicht allein verlassen könne, und daß die verschiedenen Vereine zur Abwehr des Antisemitismus mit ihrer Agitation meist nur jüdische Kreise beeinflussen, womit wenig genützt sei. Verthetlung von Flugschriften und Broschüren werde dem Antisemitismus wenig Abbruch thun. Was vor Allem Noth thue, sei die Begründung einer Centralstelle, bet welcher jeder Israelit über etwaige Unbill, über Schädigungen, die ihm von antisemitischer Seite verursacht werden, über Zurücksetzungen, die er aus confessionellen Gründen zu erleiden habe, Beschwerde führen könne in der Gewißheit, öffentliche Genugthuung und publicistischen Schutz zu finden. Diese Centralftelle muß ein Preßorgan sein, in welchem der bezügliche Kampf vorzugsweise durchgesochten wird und welches demzufolge von Freund und Feind nicht außer Acht gelassen werden könnte. Hier werden dann auch die Angriffe der antisemitischen Organe in sachgemäßer Weise beleuchtet und i nach Gebühr zurückgewiesen werden. Gerechtigkeit