Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 47 (12.6.1893)
- Date
- 1893-06-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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891 Munde führte, so dürfen wir ganz sicher voraussetzen, daß er sie selber zuallererst befolgte und sich gewiß keine Freude beim Fall von Feinden zu Schulden kommen ließ. Nun finden wir aber gerade betreff Samuel des Jüngeren eine Notiz, aus der sich bei oberflächlicher Betrachtung das Gegentheil schließen läßt. Im Talmud Traktat Berachot sol. 28 b. findet sich nämlich folgende Stelle: pi ysfc mmu rr "non ’^psn pyottf pan un □to D'EDnV pi nm rua»a non by ppn noy D’pnsn nzna jpr6 yivw din . njpm „Unsere Lehrer lehren: Simeon, der Baumwollenhändler, trug das Schemone-Esre-Gebet vor Rabbi Gamltel in Jabneh vor. Da sprach R. Gamltel zu den Weisen: Ist Niemand da, der ein Gebet zu verfassen verstände gegen die Sadducäer? (Es waren dies dem überlieferten Judenthum abtrünnige Menschen, die durch Spionage und Denunciationen bet den römischen Machthabern der Judenheit empfindlichen Schaden bereiteten.) Da trat Samuel der Jüngere auf und verfaßte es." Es ist die seitdem der Schemoue Esre einverleibte Beracha dw^i, welche sich gegen die Verleumder wendet und Gott um deren Beseitigung bittet. Daraus könnte man schließen, daß die Erfüllung dieser Bitte, also der Fall der Feinde, Samuel dem Jüngeren wohl eine Befriedigung bereitete. — Andererseits werden uns von ihm Züge überliefert von ungewöhnlicher Frömmigkeit, Bescheidenheit und Selbstverleugung, die ihn sogar die Stufe der Prophetie zu erreichen befähigten, wodurch also eine niedere Denkungsart, wie die, aus welcher Schadenfreude fließt, von selbst ausgeschlossen ist. Man geht daher wohl nicht fehl in der Annahme, daß es gerade der Seelenadel Samuel des Jüngeren war, der ihn wie keinen anderen qualificirte, ein Gebet gegen die Verleumder seiner Zeit zu beten. Bet jedem anderen hätte sich vielleicht persönliche Gereiztheit oder welcher menschliche Affekt sonst in eine derartige Bitte gedrängt. Nicht Jeder besitzt die Meisterschaft, alles Persönliche zurückzudrängen und nur mit Rücksicht auf die gefährdete Gesammtheit Gott um den Fall der Feinde seines Volkes zu bitten. Darauf dürfte sich die Frage Rabbon Gamliels beziehen, din D'pns nnu;pr6 jninp. — Und wenn wir das Gebet noch heute Samuel dem Jüngeren nachbeten, so lehrt uns sein Wahlspruch die Gesinnung, mit welcher diese Bitte verbunden war und verbunden sein muß, und dürfte dies vielleicht eines der Motive für seine Aufnahme unter die Sprüche der Väter sein. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Correfpoudeuze«. Deutschland. Berlin, 2. Juni. (Professor Ehrlich über die I u d e n f r a g e.) In der Berliner „Gegenwart" erschien kürzlich ein Brief von Herrn Prof. Heinr. Ehrlich, der die Kritik geradezu herausfordert, da er von Unrichtigkeiten und schon tausendmal widerlegten Behauptungen wimmelt. — Ein ernster Mann sollte sich doch besinnen, ehe er gegen eine große Anzahl von Staatsbürgern solch' völlig haltlose Anklagen schleudert, wie dies Herr Prof. Ehrlich in diesem öffentlichen Briefe thut. Der Herr Professor — übrigens ein geborener Jude — geberdet sich dabei nicht einmal als ein ehrlicher Feind seiner ehemaligen Glaubensgenossen, sondern er nimmt die Maske des Freundes vor. um hinter ihr um so ungenierter antisemitische Propaganda zu machen. „Nicht der, der dem Geächteten den Dolch in die Brust stößt, hat ihn getödtet, sondern der, der über den Unschuldigen die Acht ausgesprochen." Dieses Wort von Samson R. Hirsch b"& *) mögen sich jene Freundschastsantisemiten vom Schlage des Herrn Ehrlich merken, die noch den verbindlichsten Dank ihrer geehrten jüdischen Mitbürger dafür in Anspruch nehmen, daß sie dieselben öffentlich mit Koth bewerfen und sie hernach einladen, denselben durch einige Tropfen Taufwasser wieder abzuwaschen. Indem wir nun auf den Inhalt des Briefes selber eingehen, so gestehen wir, daß es uns geradezu widerstrebt, die Haltlosigkeit der hier wieder einmal erhobenen Anschuldigungen von Neuem darzuthun. Der Herr Professor sagt nämlich thatsächlich nicht ein neues Wort — nichts als alte Lügen, längst abgedroschene Verleumdungen. Nur aus dem Schluß der famosen Expektoration wollen wir einige Sätze herausgreifen, weil in ihnen der Unsinn wahrhaft üppige Blüthen treibt. Da gibt zunächst Herr Ehrlich zu, der „Antisemitismus habe den Kulturfortschritt der deutschen Nation auf Jahrzehnte aufgehalten." Ganz richtig. Aber warum läßt dann der Herr Professor einen Brief veröffentlichen, der ein antisemitisches Flugblatt erster Qualität abgeben könnte, also jedenfalls zur Förderung des Antisemitismus beitragen muß? — Heinrich, mir graut vor Dir und Deiner Logik; aber es kommt noch besser: „Die beste Lösung der Judenfrage wäre freilich, wenn die Juden alle zum Chriftenthume übergingen und die getauften Männer Ehen mit Christinnen schlössen." Auch noch das Chriftenthum verseuchen?! Schrecklich! Doch *) Jeschurun, I. Jahrgang, Seite 417. — Vergl. auch „Kulturdeficit am Ende des 19. Jahrhunderts" von Dr. M. Hirsch. Seite 15.