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Der Israelit · 1893-06-12 · Heft 47 (12.6.1893) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 47 (12.6.1893)
Date
1893-06-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
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890 viele Seelengröße dazu, dem sinnlichen, groben Verstände zuwider zu handeln, der uns räth, Unrecht mit Unrecht hetmzuzahlen, den groben Klotz mit grobem Keil zu behandeln und einem Schelmen anderthalbe entgegenzustellen. Allen Bitternissen und Kränkungen gegenüber die Liebe zu dem grollenden Bruder nicht zu verlieren und der Mahnung Gottes treu zu bleiben: „Hasse deinen Bruder nicht in deinem Herzen" und „räche dich nicht und trage keinen Groll nach den Söhnen deines Volkes." Noch schwerer wird die Pflicht, welche gar im Namen nicht der Humanität und der Nächstenliebe, sondern im Namen der erprobtesten Lebensweisheit mahnt. Böses geradezu mit Gutem zu vergelten und die daher verlangt: „Wenn deinen Feind hungert, gib ihm Brod zu essen, und wenn er durstet, gib ihm Wasser zu trinken, denn Kohlen schürst du damit auf seinem Hauvte und Gott wird es dir vergelten." (Spr. Sal., C. 25, V. 21, 22.) Nur erprobte Wenige zählen zu denjenigen, „welche sich kränken lassen und nicht wieder kränken, die Kränkungen nicht nur nicht mit Kränkungen, sondern gar nicht erwiedern, die alles aus Liebe thun und sich gar freuen mit den Schmerzen, jene wahren Freunde Gottes, die, wie die aufgehende Sonne, fortwährend an Macht zunehmen." Aber wenn es auch schwer fallen mag, die Geister der Rachsucht und ihnen verwandten Dämonen dem keck höhnenden Feinde gegenüber niederzuhalten, wenn es auch menschlich und erklärlich ist, sich selber Recht und Vergeltung muthwilligen Angriffen gegenüber zu verschaffen, dem gefallenen Feinde gegenüber ist und bleibt die Freude an seinem Fall unmenschlich und daher nicht zu rechtfertigen oder auch nur zu entschuldigen. So lange der Feind in seiner ungebrochenen Macht dasteht, mag rächende Vergeltung sich als Akt der Verteidigung und Nothwehr plausibel machen lassen, aber dem gefallenen Feinde gegenüber fällt jedes mildernde Motiv fort. Sein Verhängniß hat ihn erreicht, er ist durch seinen Fall unschädlich geworden; sich an dem Fall eines Menschen zu freuen, auch wenn er dein Feind ist, verräth eine schlechte, niedere Gesinnung. Und doch ist diese Gesinnung häufiger vertreten, als wir uns gern zugestehen möchten, besonders, wenn unser Feind auf dem Pfade der Sittlichkeit gestrauchelt ist und der Angefeiudete nun auf den sittlichen Fall seines Feindes als auf einen Beweis für dessen Verworfenheit triumphirend Hinweisen kann. Unser Weisheitsspruch gibt uns nun zu erwägen, wie gerade dieser Ausbruch der Freude über den socialen Zusammenbruch oder den sittlichen Fall unseres Feindes in hohem Grade' geeignet ist, die Veranlassung dieser unlauteren Freude zu beseitigen. Unsere Feinde und ihr Fall stehen im Dienste der uns erziehenden göttlichen Waltung. So gewiß die uns hilfreich zur Seite stehenden Genossen uns von Gott in unseren Lebensweg gestellt sind, so gewiß sind es auch die Feinde, die uns hemmend entgegenstehen. 'njbo n«-is mxi mjn ‘n. — Der widrige Kampf mit ihnen ist uns vielleicht nur beschieden, um daran unsere Tugend zu läutern und unseren Charakter zu erproben. Welche unschätzbare Summe von Bravheit, Rechtschaffenheit und Sittlichkeit verdanken wir nicht der fortwährenden Rücksicht auf die jeden unserer Schritte erspähenden Feinde! Wie vieles Herrliche, Edle bliebe ohne diese Rücksicht ungeschehen. Glauben wir uns nun so fest und sicher von unserer Pflicht durchdrungen, daß wir sie auch ohne Rücksicht auf Feinde üben würden, so läßt unser himmlischer Erzieher unsere Feinde straucheln und fallen, weil wir ihrer entrathen können. Weckt aber dieser Fall die dämonische Schadenfreude in unserer Brust und bricht gar in lauten Jubel aus, dann bezeugt solche Aufwallung, wie weit entfernt wir von dem Ideale noch sind, zu dessen Erreichung unsere Feinde so wesentlich Mitwirken. Dann haben wir es selber bekundet, wir müssen noch Feinde haben, um durch unser Verhalten gegen sie uns in treuer Pflichterfüllung zu üben und zu bewähren, „dann sieht es Gott und wendet seinen Zorn vom gefallenen Feinde wieder ab." So naheliegend dieses ist, so finden die Erklärer aber den Umstand an und für sich auffallend, daß hier unter den Sprüchen der Väter ein Spruch aufgeführt wird, der gar kein solcher ist, da er sich, wie erwähnt, bereits unter den Sprüchen Salomons findet. Wir möchten zur Hebung dieser Schwierigkeit, was den Ordner der Mischna wohl veranlaßt, diesen Spruch Salomons unter die Sprüche der Väter lediglich deßhalb aufzunehmen, weil ihn Samuel der Jüngere im Munde führte, auf eine Bemerkung Hinweisen, die wir wiederholt durch specielle Nachweise belegt haben, daß nämlich zwischen der Lehre und dem Leben unserer großen Weisen kein Zwiespalt exiftirte. Das, was sie lehrten, besiegelten und verwirklichten sie durch die That ihres Lebens. Sind somit ihre Aussprüche die treuen Vorbilder ihres eigenen Lebens, so ist dies gewiß in noch höherem Grade da der Fall, wo sie einen Spruch im Munde führten, der nicht ihrer eigenen Weisheit entstammte, sondern den sie einer anderen Quelle seines zutreffenden Inhalts wegen entlehnt hatten. Wenn nun jopn diese Mahnung der salomonischen^" Spruchweisheit fortwährend im

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