Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 47 (12.6.1893)
- Date
- 1893-06-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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r^-> v •*r-V*?5rr-v' &£•*' XXXIY. Jahrgang. Jß 47. Der Israelit. Ein Genlrak-Hrgan für das orthodore Iudenlhum. Begründet von vr. Lehma«« in Mainz. Montag, den 12, I«ni 5053 (1803). Leitender Artikel. Sprüche der Hüter. Viertes Buch. LXXIV. Mainz, 11. Juni. l^icoai noBTi ■p’ix bwja now ppn bxiö» .isk vtyo a»r?ri rrya yn 'n .1X1' p -pV hx Samuel der Jüngere pflegte zu sagen: Wenn Dein Feind fällt, freue dich nicht, und wenn er strauchelt, juble dein Herz nicht, Gott würde es sehen und es würde ihm mißfallen und er würde von ihm seinen Zorn zurücknehmen. Diese Sätze, die Samuel der Jüngere im Munde zu führen pflegte, finden sich in den Sprüchen Salomos, Capitel 24, V. 17, 18. — Sie erhalten ihre volle Würdigung durch den Anschluß an die Mahnung, welche die unmittelbar vorangehende Mtschna enthält. Wenn die gute, in bester Absicht vollzogene That zartsinnige Rücksicht auf den rechten Moment erfordert, falls sie nicht verletzen soll, wie verwerflich muß dann die Gesinnung sein, die nicht nur jeder edlen Regung bar ist, die nicht nur nicht helfend und tröstend bei der sittlichen Schwäche und dem Leid des Anderen eintreten will, die sich sogar noch freut beim Falle eines Menschen und aufjubelt, wenn Jemand sittlich strauchelt! Freilich ist es ein Feind, um den es sich hier handelt, ein Umstand, der in den Augen Vieler jede Lieblosigkeit und Härte entschuldigt, rechtfertigt oder doch beschönigt. Und doch bleibt eine solche Gehässigkeit selbst dem Feinde gegenüber nicht nur verwerflich, sondern sie gereicht demjenigen zu Schaden, der sie im Busen trägt und demjenigen zum Vortheil, gegen den sie gerichtet ist. Diese Erwägung ist es, die uns unser Weisheitsspruch zur besonderen Beherzigung nahelegt. Nicht den Freunden und Bekannten, den Feinden und Neidern gegenüber kann sich der Adel unserer Gesinnung, die Festigkeit unseres Charakters und die Lauterkeit unseres Strebens erst in ihrer ganzen Größe erproben. Feinde nicht zu haben, liegt nicht in unserer Macht. Je entschiedener wir von der Wahrheit und dem hohen, unbedingten Werth der Sittlichkeit durchdrungen sind, je selbstloser und rücksichtsloser wir für die Ueberzeugung unseres Lebens jederzeit mit Wort und That eintreten, um so weniger wird es fehlen, daß wir diejenigen zuGegnern haben, welche diese unsereLebensanschauung nicht thetlen. Dieser Gegensatz kann sich bis zur offenen, erbitterten Feindseligkeit steigern. Gegm diese Feindschaft, von welcher die Edelsten und Wackersten keiner Zeit verschont blieben, sind wir machtlos. Aber wohl liegt es in unserer Macht, daß wir nicht die Feinde unserer Feinde, daß wir nicht gereizt und nicht verbittert werden und daß unsere Menschenliebe sich stärker erweist, als der uns gegenüberstehende Menschenhaß. Mit einem solchen Verhalten haben wir jeder Feindseligkeit doch den schärfsten Stachel genommen. Zur Feindschaft, wenigstens zur gehässigen, dauernden, gehören doch mindestens zwei; einer, der sie übt und einer, der sie erwiedert. — Wer aber täglich sein Gebet mit der Bitte schließt: onn hdid ino T©*n jno -mu;x rvnn bV ibjo ne©Ji „Mein Gott, bewahre meine Zunge vor Bösem und meine Lippen, daß sie nicht List reden, meinen Verlästerern gegenüber möge meine Seele schweigen und meine Seele gegen Alle sein wie der Staub" (der Alle und Alles trägt und sich dabei von Jedem treten läßt), der hat durch die Inbrunst der Seele, die diese Bitte zum himmlischen Vater emporsendet, alle Feindschaft aus der eigenen Brust gebannt und alle gegenüberstehende Feindseligkeit damit entwaffnet. Freilich gehört große Selbstüberwindung und