Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 46 (8.6.1893)
- Date
- 1893-06-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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870 Rabbi Schlome Leb aus Lentschna, allein derselbe ist bereits 1873, zwei Jahre vor dem Zeitpunkte, in welchem Paulus Meyer seinen „Ritualmord" abspielen läßt, in Warschau gestorben. Die letzte Nummer des Warschauer Wochenblattes „Jzraelita" constatirt, daß der Grabstein jenes Rabbi auf dem Warschauer Friedhofe folgende Inschrift enthält: Hier ruht Rabbi Jehoschua, Sohn des Salomon Jehuda (Schlome Leb) aus Ostrow, gestorben am 28. Nisan 5633 (26. April 1873.) England. London, 4. Juni. In der heutigen Generalversammlung der Mitglieder der deutschen Synagoge (Spital Square Synagogue) wurde Professor Eduard De re ws kt (ehemaliger Cantor zu Lemberg) einstimmig als Cantor der Gemeinde erwählt. Frankreich. Paris, 2. Juni. Wie die „Archives Jsraelites" mittheilen, haben sich zur Unterstützung der aus dem Kaukasus und anderen russischen Gouvernements ausgewiesenen russ. Juden in verschiedenen Städten Comites gebildet, welche den Aermsten helfen wollen. Herr Lazarus von Brodsky in Kiew habe für den guten Zweck allein 100,000 Rubel gegeben. Schweiz. Zürich. Geehrter Herr Redacteur! Erlauben Sie, daß ich Sie von einem Akt in Kenntniß setze, der sich vor einigen Wochen an der hiesigen Akademie vollzogen hat- Die Gründung eines Vereins der jüdischen Studirenden. Ein solcher war hier ein wirkliches Bedürfniß, da die Zahl der jüdischen Studirenden an Polytechnikum und Universität eine überaus große ist. Diesen fehlte es bisher an einem Mittelpunkt, welcher ihnen nun durch den neuen Verein gewährleistet ist. Ich glaube, daß dieser Vorgang weitere Kreise interessiren dürste als ein neuer Beweis dafür, daß das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit in den jüdischen Reihen nicht geschwunden ist und daß die akademische Jugend unseres Stammes zu einem großen Theil weit entfernt ist von der Blasirtheit jener feilen Gecken, die sich ihrer Abstammung schämen, vielmehr in all ihren Studien und Vergnügungen, auch ferne vom Vaterhaus, ihr jüdisches Herz nicht verloren hat, nicht verloren das Gedächtniß ihrer Volksvergangenheit und den Stolz des jüdischen Namens. Deßhalb darf Jeder diesem Vereine ein glückliches Gedeihen wünschen. — vivat creseat floreat. I. E. -£• Vermischtes. *4 Berlin, 23. Mai. Nach einer Mittheilung des Kgl. Konsistoriums sind während des Jahres 1892 117 Juden zur evangelischen Landeskirche übergetreten (im Borjahre 137), zum Judenthum übergetreten 7 Evangelische (im Vorjahre 4). Godesberg, 28. Mai. Herr Dr. Simonson hat der hiesigen Stadtgemeinde 60,000 Mk. zu wohlthätigen Zwecken gespendet. Feuilleton. > Die drei Kronen. < Von H. Berger. (Alle Rechte Vorbehalten.) (Fortsetzung.) Als Benjamin das Dorf erreichte, war der Hirt schon längst zu Hause und brummte über den alten Juden, der trotz seines Alters noch so unschuldig war und an die Menschen glaubte. Da Benjamin an dem Wirthshause vorbei mußte, trat er, um sich auszuruhen, ein. Der Wtrth war nicht zu Hause, aber hinter dem Schanktische war die freundliche Wtrthin, die, als sie Benjamin erblickte, ihm zurief: „Guten Tag, Herr Caro! Sie sind wirklich ein seltener Gast und Sie muß etwas besonderes herführen." „Nicht einmal, Frau Wirthin. Geben Sie mir ein Glas Bier; ich will mich ein wenig ausruhen, denn ich spüre bald, daß ich alt werde." Die Wirthin brachte das schäumende Bier und setzte sich dem alten Manne gegenüber. „Ihr dürft doch noch nicht vom Alter reden," sagte sie; „Ihr seid noch so rüstig wie ein Dreißiger." „Nein, nein," versetzte er, „ich bin alt geworden. Ich sehe täglich mehr ein, daß ich nicht mehr zur jetzigen Generation passe." „Inwiefern meint Ihr so?" „Nun," versetzte er, „sonst war ich überall gerne gesehen; jetzt ist man nichts weniger als freundlich, wenn ich irgendwo erscheine." „Ihr seid ein Narr, Benjamin," entgegnete die rasche Frau; „wie kann ein vernünftiger Mensch sich durch das Treiben einzelner Schreier und Habenichtse, die sich durch den Antisemitismus einen Namen machen wollen, beirren lassen. Laßt ihnen doch das billige Vergnügen; wenn sie genug geschrien haben, hören sie von selbst auf." „Ihr unterschätzt das Treiben Jener. Ihr beurtheilt nach Euch selbst die Welt und bedenkt nicht —" Benjamin hatte noch nicht ausgesprochen, als die Thüre geöffnet wurde und fünf oder sechs halbwüchsige Burschen mit großem Lärm eintraten. Sie setzten sich an den nächsten Tisch und verlangten Bier, was ihnen auch verabreicht wurde. Kaum