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Der Israelit · 1893-06-08 · Heft 46 (8.6.1893) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 46 (8.6.1893)
Date
1893-06-08
Page
– (sequence 7)
Language
German
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', '!-^ta.^gVjJL.'WW-. ■ ■'.,. .1- ■ n* . l-tf U- .MJI». . V- ->,-». 871 jedoch hatten sie Platz genommen und Benjamin erblickt, als sie anfingen, den alten Mann zu necken und zu verhöhnen. Benjamin hörte nicht auf ihre Reden und die Wirthin drohte, sie hinauszuwetsen, wenn sie sich nicht anständig betragen würden; aber es half nichts. Die Burschen gingen so weit, daß sie den alten Mann beleidigten, und als dieser nun aufstand und das Zimmer verlassen wollte, erhob einer der rohen Kerle sein Glas und warf es dem Juden nach. In diesem Augenblicke drehte sich Benjamin um. Das Glas flog ihm ins Gesicht und mit einem lauten Schrei stürzte er zu Boden. Während die Wirthin zu seiner Hilfe herbeieilte, zerstoben die Burschen, als sie Blut sahen, welches den Boden roth färbte, in alle Winde; als die Wirthin aufsah, war keiner mehr da, der ihr hätte helfen können. Rasch legte sie Benjamin, der aus einer klaffenden Wunde in der Nähe der Schläfe blutete, einen Nothverband an und schickte eine Magd in sein Haus, um Rahel Bescheid zu sagen. Rahel saß mit einer Handarbeit beschäftigt im Garten, als sie die Botschaft von der Verwundung ihres Vaters erhielt. Erschrocken sprang sie auf und eilte mit der Magd ins Wirthshaus, wo sie ihren alten Vater bleich und schwach, auf einem Bette liegend, vorfand. Da kein Arzt zur Hand war, hatte man zum Barbier geschickt, der den alten Mann nothdürftig verbunden und sogleich einen Boten nach dem Arzte entsendet hatte. Auf Rahels Bitten trugen die Männer ihren Vater nach Hause. Die Wirthin wollte die Sache der Polizei anzeigen, doch wehrte Benjamin ab, indem er sagte: „Was würde es mir helfen, wenn der Thäter bestraft würde? Der, welcher an der ganzen Sache Schuld trägt, wird durch die Strafe nicht betroffen; laffet den verführten Buben laufen!" Und so geschah es. Während Benjamin im Wundfieber lag, rühmte sich der straffrei ausgegangene Flegel seiner Rohheit unter seinen Genoffen und versprach, beim nächsten Male noch besser treffen zu wollen. Benjamin war ein ungeduldiger Patient. Die Wunde, die gar nicht ungefährlich war und deren Heilung einen sehr langsamen Verlauf nahm, zwang ihn zuerst im Bette zu bleiben und dann noch lange Zeit das Zimmer zu hüten. Es bedurfte all' der Geduld und Liebenswürdigkeit Rahels, um den alten Mann, der in seinem Leben noch nicht krank gewesen war, zu pflegen, seine Launen und Schrullen zu ertragen und dabei stets freundlich und unverdrossen zu sein! Aber was bringt eine liebende Tochter, die in dem Vater Vater und Mutter zugleich liebt und verehrt, nicht fertig? Auch diese Zeit ging vorüber und mit glücklich leuchtendem Antlitz begleitete sie den Vater bei seinem ersten Gange in's Dorf. Seit jener Zeit hatte sich das Wesen Benjamin's merklich verändert. Nicht nur Rahel merkte dieses, sondern auch die Leute, die im Hause ein- und ausgingen und bald hieß es im Dorfe, der Benjamin sei nicht gesund. Die Einen meinten, es fehle ihm dieses, die Anderen wähnten, seine Krankheit sei jenes Leiden. Die wahre Ursache seiner Krankheit ahnte Keiner, denn Niemand hatte eine Ahnung, welch' weiches Herz unter der rauhen Hülle des Juden schlug und wie sehr ihn das lieblose Treiben seiner Feinde, der Antisemiten, körperlich und moralisch herabstimmte. Er überließ die wenigen Geschäfte in der Umgegend fast vollständig seinen Söhnen und nur bei seinen treuesten Freunden im Dorfe ließ er sich hie und da sehen, um etwaige Geschäfte selbst zu besorgen. Seitdem der Vater zu Hause blieb, hatte Rahel mehr Zeit für sich und hie und da fühlte sie das Bedürfniß, sich einem Menschen gegenüber auszusprechen. Ihr Vater konnte sie nicht in Allem verstehen, denn die Jugend und das Alter können wohl gute Freunde und treue Gefährten, nie aber gute Kameraden werden. Was ein guter Kamerad ist, das, lieber Leser, bedarf wohl keiner Erklärung. Du hast wohl einen oder mehrere dieser guten Kameraden gehabt, denen Du alles anvertrauen konntest, Deine Wünsche und Hoffnungen, Deine Angst, Deine Befürchtungen, Kameraden, welche die heißen Wünsche und den ungestümen Drang Deines jugendlichen Herzens nicht mit dem überlegenen Lächeln der Erfahrung des Alters beurtheilten, sondern ebenso fühlten wie Du selbst, ebenso stürmten und drängten. Rahel hatte einen solchen Kameraden gehabt, eine Freundin, an die sie sich innig anschiießen konnte, sich innig angeschlossen hatte. Diese Freundin, die Frau des Müllers, hatte sie verloren, seitdem der Antisemitismus seine Hauptstütze in dem Manne der Freundin gefunden hatte. So hängen die intimsten Verhältnisse mehr oder weniger von denen des öffentlichen Lebens ab. Wohl hatte sie die Freundin in letzter Zeit gesehen, auch hie und da einen flüchtigen Gruß mit derselben gewechselt, aber zu einem freundschaftlichen Verkehr, zu gegenseitiger Aussprache war es lange nicht gekommen. Louise schämte sich vor der Freundin wegen der politischen Thättgkeit ihres Mannes und Rahel, die von ihrem Vater genügend über die Art und Weise des Müllers unterrichtet war, gelüstete es nicht, sich Grobheiten von diesem sagen zu lassen. Rahel mußte also ihre Sorgen für sich allein tragen und nur einmal machte sie ihrem gepreßten Herzen Lust in jenem Brief an ihren Verlobten.

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