Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 46 (8.6.1893)
- Date
- 1893-06-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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86? Heituugsua<hrichterr uub Eorrespoudenze». Deutschland. Mainz, 6. Juni. Schmerzerfüllt greife ich heute zur Feder, um einem wahrhaft frommen Manne, einem langjährigen treuen Mitarbeiter dieser Blätter, dem ich durch die Bande der Freundschaft nahe gestanden, einen Nachruf zu widmen. Den vergangenen Freitag ist nach mehrjährigem Leiden, aber doch unerwartet Herr HtrschGrünebaum in Schlüchtern in einem noch kräftigen Mannesalter in ein besseres Jenseits abberufen worden. In ihm verliert nicht blos seine Familie den liebenswürdigen, fürsorgenden Gatten. Vater und liebevollen Verwandten, die Gemeinde Schlüchtern eines ihrer geachtetsten Mitglieder, sondern auch das orthod. Judenthum einen wackeren Kämpe, der in Wort und That, insbesondere durch seine gewandte Feder oft und nachhaltig für die Aufrechthaltung des unvei fälschten Judenthums eingetreten ist. Hirsch Grünebaum besuchte in seiner Jugend die von Rabbi Eleasar Ottensoser geleitete Talmud-Thora-Schule in Höchberg bet Würzburg und setzte später das Talmudstudium bei Rabbi Mordechat Wetzlar ^"a?, Rabbiner in Gudensberg bet Cassel fort, in beiden Orten mit großem Erfolge, so daß er zu den hervorragendsten Talmudschülern dieser großen Männer zählte. Nachdem er durch Selbststudium im profanen Wissen sich ausgebildet hatte, übernahm er 1863 an der damals unter der Leitung des Herrn Rabbiner Dr. Lehmann ton stehenden Unterrichtsanstalt der isr. Religtonsgefellfchaft dahier die Stelle eines Elementar- und Religionslehrers an und erwarb sich durch seine treue Pflichterfüllung und strenge Gewissenhaftigkeit, sowie durch seine gute Lehrmethode die volle Liebe seiner Schüler und die Anerkennung der Eltern; noch heute ist seine segensreiche Wirksamkeit bei den Mitgliedern der Religionsgesellschaft im besten Andenken. Gleichzeitig war er als Corrector des „Israelit" und fleißiger Mitarbeiter desselben für die Vertheidigung und Erstarkung des orthod. Judenthums thätig. Die älteren Leser des „Israelit" werden sich seiner echte Religiösität athmenden, von Herzen kommenden und zu Herzen dringenden Arbeiten wohl noch erinnern. Von Wissensdurst gedrängt legte er 1867 seine hiesige Stelle nieder, um nach Erlangung der erforderlichen V Erkenntnisse auf der Universität München akademischen Studien obzultegen. Diese mußte er jedoch Familienverhältnisse halber unterbrechen und in das väterliche Geschäft eintreten, das er durch strenge Rechtlichkeit und großen Fleiß zu hoher Blüthe brachte. Aber auch in diesem Wirkungskreise war er für die Aufrechthaltung unserer h. eifrig bemüht; ununterbrochen setzte er nach den Geschäftsstunden das Talmudstudium, seine Lieblingsbeschäftigung, fort und bildete so ein anregendes Beispiel für seine Gemeindemttglieder. Mit seiner Gattin 'nrw, einer Tochter des in Bayern und in den orthodoxen Kreisen aller deutschen Lande rühmlichst bekannten Rabbi Elias Raphael Rosenbaum >ai in Zell bei Würzburg, die ihn in seinem langen Leiden in hingebenster Weise gepflegt, lebte er über zwei Jahrzehnte in glücklichster Ehe und war im Vereine mit ihr ernstlich bestrebt, seine Kinder in echt jüdischer Weise zu erziehen. Während seines ganzen Lebens bemühte er sich, das Mahnwort zu erfüllen, das uns am kommenden nn# in der rvs’a nans verlesen werden wird: ’mxo to n« vli'vpi l-oin „daß ihr gedenket und haltet alle mein Gebote", er verbrachte ein echt jüdisches Leben, das sich in einer gewissenhaften Erfüllung der Pflichten gegen Gott und die Menschen betätigte. Wer wie ich seine vielen edlen Eigenschaften kennen zu lernen Gelegenheit hatte — und er hatte in weiten Kreisen, in der Heimath und in der Ferne, viele solcher Freunde — wird mit mir den Tod dieses pns betrauern. Hirsch Grünebaum weilt nun in jenen lichten Höhen, in denen die Frommen und Edlen das Verdienst ihrer vollbrachten guten Thaten genießen. Möge dies der tiefgebeugten Familie ein Trost in ihrem großen Schmerze sein, und möge den Kindern das mustergiltige Beispiel ihres frommen Vaters ein ernster Sporn bleiben, in seinem Sinne zu leben und ihm ähnlich zu werden. nro^ pna “»dt. Joseph Kahn. Hairau, 5. Juni. Der Bürgermeister Stroh von Marköbel ist der Kandidat der Deutschkonservativen und der Nationalliberalen. Jede Partei hat für ihn einen besonderen Wahlaufruf erlassen, der die Stimmen werben soll, und dabei ist es zu einem Widerspruch gekommen, der für die Allianz der Nationalliberalen mit den Konservativen kennzeichnend ist. In dem konservativen Wahlaufruf heißt es: „Wir treten dem vielfach sich vordrängenden und zersetzenden Einfluß des Judenthums auf unser Volksleben entgegen und verlangen eine christliche Obrigkeit für das christliche Volk und christliche Lehrer für christliche Schulen." Also genau das Tivoliprogramm der Partei, das die Beseitigung der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung der Bürger aller Bekenntnisse fordert. In dem nationalliberalen Wahlaufruf dagegen ist zu lesen: „Wir dürfen auch mit Sicherheit annehmen, daß er (Herr Stroh von Marköbel) sich von dem Sturmlauf fernhält, den eine bethörte Partei gegen die Gleichberechtig-