Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 46 (8.6.1893)
- Date
- 1893-06-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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866 Entschlafenen noch nicht in die Erde gebettet ist, mögen die Thränen um ihn stießen. So lange liegt in der Trostlosigkeit, in dem Mitschmerz der Umgebung der höchste Trost, es ist als ob die herniederrinnende Thräne wie nichts anderes den glühenden Schmerz zu löschen vermöchte. Wer trösten will, muß selber getröstet sein. Wer aber getröstet ist in dem Augenblick, wo die Trostlosigkeit natürlich und berechtigt ist, der bezeugt mit seiner Trostbereitschaft, daß ihm der Schmerz nicht nahe geht, daß er ihn jedenfalls nicht so tief berührt, als denjenigen, den er trösten möchte. Deßhalb fehlt die erste Voraussetzung eines wirksamen Trostes, das aufrichtige Mitgefühl. Ein solch unzeitiger Trost, sagt demjenigen, für den erbestimmt ist. daß er nicht aus einem wirklich theilnehmenden Herzen stieße, er läßt kalt, ja er verletzt, statt zu mildern und zu heilen. Aehnlich ist der Seelenzustand desjenigen, der sich durch ein Gelübde eine Entsagung auferlegt hat. Gottes Wort billigt einen solchen Entschluß in normalen Verhältnissen nicht. „Genügt Dir nicht das, was Dir die Thora verboten hat, daß Du Dir noch freiwillig Entsagungen auferlegst?" lautet das Verdikt der Weisen über einen solchen Entschluß. „Wer ein Gelübde thut, der gleicht demjenigen, der einen Götzenaltar errichtet, wer es erfüllt, wird betrachtet, als hätte er darauf das Opfer vollzogen." Nur in besonders ernsten Lebensmomenten, im Kampf mit dem äußeren Geschick und mit der Leidenschaft im eigenen Busen ist es verdienstlich sich durch einen solchen Entschluß für diesen Kampf zu stählen. Aber selbst für solche Fälle hat das Gesetz die Möglichkeit einer Aufhebung des Gelöbnisses vorgesehen, wenn im Laufe der Zeit Momente eingetreten sind, die im Augenblick des Gelobenes außerhalb des Gesichtskrelses des Gelobenden lagen. Es hätte sich z. B. Jemand, um den Kampf mit der Sinnlichkeit leichter zu bestehen, den Genuß von Wein durch ein Gelübde untersagt. Im Laufe der Jahre stellen sich Krankheit oder körperliche Schwäche ein, welche den Genuß von Wein für die Gesundheit nothwendig machen. An diese Eventualität hatte der Gelobende zur Zeit seines Gelübdes nicht gedacht, für diesen Fall hat er sich daher auch nicht den Weingenuß versagt, ein solches Moment ist daher geeignet, bei Beobachtung der vorgeschriebenen Formen die Lösung des Gelübdes zu ermöglichen. Würde nun Jemand den Gelobenden im Moment des Gelübdes fragen, ob sich jein Gelübde auch auf einen solchen abnormen Fall beziehe, so ist mit Sicherheit anzunehmen, daß in der ganzen Stimmung, aus welcher das Gelübde quillt, er diese Frage bejahen würde. Durch eine solche Frage würde die Erregung der Seele noch gesteigert und die Neigung, sich selbst Unmögliches aufzuerlegen, noch erhöht. — Das aber sollen wir nicht, wir sollen im Augenblick des Ge übdes keine derartige und wohl auch keine solche Frage stellen, die überhaupt auf die Veranlassung des übernommenen Gelübdes sich bezieht: Die Nothwendigkeit über solche das innere Seelenleben berührende Anliegen Rede und Antwort zu stehen, muß peinlich für den Gefragten sein, deßhalb wäre jetzt eine solche Frage unpassend. Wenn es sich aber thatsächlich um die Lösung des Gelübdes handelt, ist sie nicht nur statthaft, sondern sogar unerläßlich. Wer von widrigen äußeren Schicksalsschlägen betroffen wurde, dem soll man rettend und aufhelfend zur Seite stehen, aber ihn lediglich aufsuchen, um ihn zu sehen, das soll man nicht. Wenn es wiederum die beste Absicht wäre, die dich leitete, die Ausführung dieser guten Absicht thäte weh demjenigen, dem du wohl thun willst. Der Reiche, der sein Vermögen verloren, der Angesehene, der seine Ehre eingebüßt hat, zieht sich scheu zurück unter die Trümmer seines Glückes, und will von keinem gesehen, will am wenigsten bemitleidet sein. Er ist empfindlich und reizbar bet dem bloßen Blick, in dem er Herzlosigkeit und Schadenfreude finden oder wenigstens suchen könnte. Dränge dich ihm, der allein und unbeachtet sein möchte, nicht auf, bis er sich an seinen neuen Stand gewöhnt und mit ihm ausgesöhnt hat. Diese Empfindsamkeit ist menschlich, wer ihr zartsinnig Rechnung trägt, handelt göttlich. Als die ersten Menschen fielen, nahm der Barmherzige in dieser Weise auf ihren Seelenzustand schonende Rücksicht mxo nnx yjo in^p mwft ^nn^n ^>xi x^>x nn*!?y rforo xV NM nnix3 ^prm pyn p texr . x '*? ^p nx i 73 nnxi ruxn 'by nem „Wo finden wir in der Thora, daß man sich Niemanden im Augenblick seiner Erniedrigung zeigen soll? Bei den ersten Menschen. Adam hatte von dem Baume gegessen und war gefallen. In diesem Augenblick erschien ihnen Gott nicht. Sie nähten sich zuerst Feigenblätter, um ihre Blöße zu verhüllen und erst dann hörten sie die Stimme Gottes. (Midrasch Jalkut IV. B. M., Cap. 14.) Auch für die übrigen Regeln werden a. a. Orten Belege aus dem Verkehr Gottes mit den Menschen gebracht, ein Umstand, der darauf hinwetst, daß es sich hier nicht um bloße Anstandsformen, sondern um charakteristische Züge handelt, welche in der Gottebenbtldlichkeit des Menschen ihre tiefe Begründung haben. (Fortsetzung folgt.)