Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 45 (5.6.1893)
- Date
- 1893-06-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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854 .. J_f.» Eine der Klausen desselben schrieb vor, daß die jüdischen Familien in jeder bayrischen Gemeinde zu zählen und die ermittelten Zahlen actenmäßig zu registriren seien. Vor Erlaß des Edictes sollte kein Jude in einer Gemeinde sich niederlassen dürfen, in der Juden vorher nicht gelebt hätten, außer mit Specialconsens des Königs. In Gemeinden, in denen Juden lebten, sollte einem derselben ein Heirathsconsens von den Behörden nur dann ertheilr werden, wenn damit die 1811 ermittelte Zahl jüdischer Familien nicht überschritten würde. In kurzer Zeit begannen die bayrischen Juden das Drückende dieser Maßregel zu fühlen. Juden, die heirathen und einen Hausstand begründen wollten, mußten warten, bis durch den Tod eines älteren Familienhauptes eine „Matrikel" frei wurde. In vielen Fällen harrte das junge Paar jahrelang geduldig aus. Der Verfasser kennt persönlich ein Paar, das elf Jahre verlobt war, bevor ein Todesfall ihm das Heirathen gestattete. Das waren die Zustände, unter denen die bayrischen Juden von 1811 — 1860 lebten. Junge Männer und Mädchen, gehindert und gehemmt in jeder Art und Weise, zogen nach Amerika, dem Land der Freiheit. Es gibt heute vielleicht keine einzige jüdische Familie in Bayern, die nicht nahe Verwandte in Amerika hätte. Endlich wurde 1860 unter der Regierung des Königs Maximilian II., Vaters Ludwig II., das Edict von 1811 aufgehoben. Das Ministerium Pfordten war nach einem langen Zwiespalt mit der Kamnier entlassen worden. Liberalere Ideen herrschten sowohl im Landtag als in Regierungskreisen. Unter den Juden regte sich eine Bewegung, welche dahin ging, um Abschaffung des Edicts von 1811 zu petitioniren, „damit die bayrischen Juden Haus und Herd in ihrem Vaterlande haben dürften". Der Abgeordnete Dr. Paur von Augsburg übernahm es, die Petition im Abgeordnetenhaus zu befürworten, und die Bitte der Juden fand willige Ohren bei den Vertretern des bayrischen Volkes. Der König ließ durch das Ministerium erklären, daß die Regierung der Petition Folge geben würde, falls beide Häuser des Parlaments damit einverstanden seien. In der Kammer der Abgeordneten wurde eine Resolution zu Gunsten der Petition mit 136 gegen 4 Stimmen angenommen. In der Kammer der Retchsräthe, dem Oberhause, dem Bollwerk reactionärer Stömmungen, ging die Sache nicht so glatt. Die Petition wurde einem Comite zur Prüfung übergeben, das den jungen Prinzen Hohenlohe, jetzigen Statthalter von Elsaß-Lothringen, zum Berichterstatter ernannte. Der Bericht des Prinzen empfahl die Annahme der Petition. Trotzdem war der Widerstand heftig. Alle Prinzen — im Gegensatz zum König — waren eifrige Gegner, ebenso der Feudaladel unter Führung der Grafen Seinsheim und Riefersberg. Der Kampf wurde heißer und heißer, bis Bischof Dinkel von Augsburg für die Petition eintrat, die nichts fordere als Gerechtigkeit. Seil mehr als fünfundzwanzig Jahren, sagte der Bischof, habe er in seiner Diöcese eine Menge Juden kennen gelernt, die er liebe und achte als gute, fleißige und ehrbare Bürger. Als Christ und als katholischer Priester spreche er für die Petenten, welche schon zu lange Unrecht und Bedrückung erduldet hätten. Er würde seine Pflichten als Prälat und Bürger vernachlässigen, falls er nicht mit allem Nachdruck die Petition der Juden der Berücksichtigung empflhle. Diese Rede entschied das Schicksal der Petition, das Edict von 1811 wurde abgeschafft. Als Maximilian 11.1864 starb, betrauerten ihn die Juden Bayerns als ihren Wohlthäter und Befreier. Die Bemühungen des auch nach Bayern verpflanzten Antisemitismus, wieder Zustände ins Leben zu rufen, wie sie das Edict von 1811 geschaffen hatte, sind erfreulicherweise aussichtslos. Feuilleton. > Die drei Kronen. -4- Von H. Berger. (Alle Rechte Vorbehalten.) (Fortsetzung.) In dem Augenblick ging Luise gerade an der Thüre vorbei. Als sie den alten Manu so erschöpft dasitzen sah, eilte sie auf ihn zu und bemerkte jetzt erst die Stellung ihres Mannes. „Was soll das, Karl?" rief sie aus. „Was fehlt dem Benjamin? Warum hilfst Du ihm nicht?" Der Müller lachte laut und rief: „Helfen? ich dem Juden helfen? Meinethalben darf er hier verenden — ich rühre keine Hand für ihn." „Schweig', Du Unmensch," ries Louise in edler Entrüstung, während sie sich mit dem alten Manne beschäftigte. „Gehe und hole ein Glas Wasser." Der Müller rührte sich nicht vom Fleck. Louise mußte selbst in die Küche laufen, um das Wasser zu holen. Gierig trank Benjamin den erfrischenden Trunk und sein Blick dankte der Müllerin mehr als Worte zu sagen vermocht hätten. Nach einer Viertelstunde hatte er sich so weit erholt, daß er sprechen konnte und nun fragte der Müller abermals: „Was wollt Ihr von mir?" Benjamin sah ihn forschend an; aus den harten Mienen konnte er keine Hoffnung schöpfen, sein Geld zu erhalten, ohne daß er die quittirten Wechsel vorlege.