Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 45 (5.6.1893)
- Date
- 1893-06-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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855 „Was seht Ihr mich fortwährend an?" schrie der Müller ungeduldig; „habt Ihr die Sprache verloren?" „Was ich will, fragen Sie," begann Benjamin leise; „ich denke, Sie wissen es; mein Geld für die heute fälligen Wechsel will ich holen und dabet meinen Dank für Ihre Menschenfreundlichkeit aussprechen." „Das Geld könnt Ihr haben und für das Uebrtge habe ich keine Zeit. Habt Ihr die Wechsel und sind sie schon quittirt?" Er ging an den Geldschrank, entnahm einem Portefeuille verschiedene Cassenscheine und legte dieselben auf den Tisch. „Gebt die Wechsel, daß wir miteinander fertig werden!" „Die Wechsel — die Wechsel —" stotterte Benjamin. „Nun ja, wenn ich sie einlösen soll, müßt Ihr mir dieselben doch geben." „Ja, ja. Ich habe sie gehabt — gestern noch — aber heute: ich habe sie nicht mehr. In der verflossenen Nacht wurden sie mir gestohlen." „Ha, ha, ha. Du unverschämter Lügner und elender Schwindler! Glaubst Du wirklich, ich sei so dumm, in Deine plump angelegte Falle zu gehen? Wer weiß, auf welche Weise Du Kenntniß von den Wechseln bekommen hast und nun versuchst Du durch Lug und Trug das Geld von mir zu erschwindeln. Der Staatsanwaltschaft werde ich die Sache übergeben —" „Sie wollen die Wechsel nicht honoriren, mir mein Geld vorenthalten?" „Zeige mir die Wechsel und ich löse sie ein; im andern Falle hat hier der Zimmermann das Loch gelassen." „Aber ich schwöre Ihnen —" „Laß' Deinen Schwur, Jude — ich weiß, was ich von Euren Schwüren zu halten habe. Für zwanzig Pfennige schwört Ihr Juden alles Mögliche." „Aber Karl," mischte sich hier Louise in das Gespräch. „Du weißt ja, daß Du das Geld heute zahlen mußt. Ob Du die Wechsel zurückbekommst oder eine einfache Q nttung Dir ausstellen läßt, ist meiner Ansicht nach einerlei." „Schweig'," herrschte sie der Müller an; „geh in Deine Küche und kümmere Dich nicht um Geschäftsangelegenheiten." Die Müllerin blickte erstaunt auf ihren Mann, den sie in solcher Weise noch nicht kennen gelernt hatte. Darauf wandte sie sich an den Juden und sprach: „Beruhigt Euch, Benjamin; wenn mein Mann Euch etwas schuldet, so erhaltet Ihr den Betrag, auch wenn Ihr die Wechsel und Schuldscheine verloren habt. Niemand soll sagen können, der Besitzer der Mühle habe aus dem Unglück Anderer Vortheil gezogen und sich der Erfüllung eingegangener Verpflichtungen entzogen. Ich verspreche Euch dieses und Ihr wißt, ich habe noch nie mein gegebenes Wort gebrochen." „Gott segne Dich für dieses Wort der Gerechtigkeit", sprach Benjamin, während sich Louise stolz wie eine Königin entfernte. Nun erhob sich Benjamin. Jede Mattigkeit schien von ihm geschwunden. „Ich gehe, Müller," sagte er, „das Wort Eurer Frau genügt mir; es bietet mir mehr Sicherheit, als ein Wechsel oder ein Schuldschein mit Eurer Unterschrift!" Nach diesen Worten entfernte sich der Jude und es war auch die höchste Zeit. Denn kaum hatte Benjamin die Thür hinter sich zugemacht, da flog auch das schwere Hauptbuch gegen dieselbe und zerschmetterte die Füllung, während der Müller hinter ihm her fluchte und tobte. Gesenkten Hauptes schritt Benjamin dem Dorfe zu. Der Auftritt mit dem Müller hatte ihn sehr erregt. Obschon er durch das Versprechen der Müllerin vor dem Verlust seines Geldes geschützt war, konnte er sich dem Gedanken doch nicht verschließen, daß durch das Wühlen der Antisemiten seine Existenz gefährdet wurde. Wie cs soeben der Müller gemacht habe, so werden es alle die machen, für deren Schuld ihm der Beweis gestohlen worden. Hatte er deßhalb sein ganzes langes Leben geschafft und gespart, gedarbt und gegeizt, gerungen und sich abgemüht, um am Abend seines Lebens nicht weiter gekommen zu sein, als er zu der Zeit war, da er dieses Leben begonnen! Lange, lange Zeit ist es her, daß er, den schweren Zwergsack auf der Schulter, vom frühen Morgen bis in die späte Nacht hinein bergauf, bergab wanderte, um den Bauern seine Maaren anzubieten. Es war ein hartes Brot damals, das er im Schweiße seines Antlitzes sich erwerben mußte und doch war es süß wie Honigseim im Vergleich zu dem Brote, das er sich jetzt verdienen mußte. Damals war er überall willkommen, geachtet und geehrt von Jedem. Das Vertrauen, das man ihm überall cntgegengebracht hatte, hatte ihm die schwersten und schwierigsten Geschäfte erleichtert und oft hatte er große Summen von den Bauern in Händen gehabt, um für dieselben gute Staatspapiere zu kaufen und niemals hatte er eine Unterschrift dafür zu geben nöthig gehabt; niemals war die kleinste Differenz zwischen ihm und seinen Bauern ausgebrochen. Dieses Vertrauen hatte ihn stolz gemacht. Und heute? An die Stelle des Vertrauens war Mißtrauen getreten;