Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 45 (5.6.1893)
- Date
- 1893-06-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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851 Zeit«ugS«achrichten tittb Correfpondeuzen. Deutschland. Darmstadt. Der Abgeordnete Schneider (Antisemit) hat im niederösterreichischen Landtag einen Antrag eingebracht, welcher lautet: „Das angeblich im jüdischen Ritus vorgeschriebene Schächten ist mit den grausamsten Qualen der Schlachtthiere verbunden und absolut unverträglich mit dem Geiste der Bestimmungen gegen die Tierquälerei. Das Schächten beruht aber auch noch dazu nach Angabe verschiedener Rabbiner nicht auf religiösen Bestimmungen. Die Unterzeichneten Abgeordneten beantragen daher, der hohe Landtag wolle beschließen: 1) Das Schächten von Thieren ist in Niederösterreich verboten. 2) Der Verkauf von geschächtetem Fleische ist in Niederösterreich verboten. 3) Die Einfuhr von geschächtetem Fleische nach Niederösterreich ist verboten. 4) Dawiderhandelnde verfallen im ersten Betretungsfalle in Geldstrafen in der Höhe von 50 bis 500 Gulden und im Wiederholungsfälle in Arrcststrafen von 8 Tagen bis 3 Wochen." Dazu bemerkt die hier erscheinende „Allgemeine Thierschutz-Zeitschrift": Dieser Antrag ist nicht richtig gestellt. Nicht das Schächten soll verboten werden, sondern das Schächten ohne vorherige Betäubung der Thiere. Man weiß wirklich nicht, ob dieser gehässige Antisemitismus, wie er sich in Niederösterreich breit macht, oder seine naive Beschönigung widerlicher ist, wie ihn unsere Thier-Schutz-Zeitschrift hier leistet. — Wenn ein antisemitischer Abgeordneter einen Antrag stellt, welcher den Zweck hat die Juden zu quälen und die Ochsen angeblich zu schonen, so findet man das begreiflich. Der Haß gegen die Juden und die zärtliche Wahlverwandtschaft zwischen Antisemiten und Ochsen ließe auch noch tollere Expectorationen in Ordnung erscheinen. Der unschuldigen Naivität der Allg. Th.-Sch.- Zeitschrift gegenüber haben wir nur zu erklären, daß der Antrag nur nach der Seite hin, die sie bemängelt, ganz correct gestellt ist. Das Betäuben der Thiere vor dem Schächten, ist nach unserem Religionsgesetz verboten. Es dennoch vorschreiben, ist mit einem Schächtverbot ganz identisch. — Die niederösterreichischen Antisemiten sind denn wenigstens so ehrlich, das Kind beim rechten Namen zu nennen und das scheinheilige Lippenspiel zu verschmähen, dem hier das Wort geredet wird. Wenn die genannte Zeitung es aber denn noch bedauerlich findet, „daß unsere israelitischen Mitbürger die Schächtfrage nicht längst zur Lösung gebracht haben, sondern warteten, bis dieselbe als Agitattonsmittel von den Antisemiten benützt wird, so setzt das doch dieser Sorte von Thierschutz die Krone auf. Besonders wenn sie fortfährt: „Keine andere Frage läßt sich in solchem Umfange und mit solcher Intensität für die antisemitische Agitation ausnützen, wie die das Gemüth in seinen Tiefen aufregende Schächtfrage." Wirklich? Man sollte glauben, es gäbe doch noch aufregendere Dinge, welche unsere Antisemiten schon aushecken und bereits schon ausgeheckt haben, wo die Schächtfrage nicht zieht. Füglich ist es doch noch besser, man macht den Juden das Schächten von Ochsen zum Vorwurf, als z. B. das Schächten von Christenkindern. Und wenn die Juden heute das Schächten aufgeben würden, aufgeben könnten, würde sie das gegen jenen blutdürstigen Wahn schützen? Für die antisemitische Agitation läßt sich alles ausnützen, und wenn die Juden alles aufgeben wollten, was für die antisemitische Agitation ausgenützt werden kann und ausgenützt wird, so müßten sie mit ihren Nasen anfangen. Wenn daher die Allg. Th.-Sch.-Zeitschrift durch das Gruseln, welches sie durch das Schächten zu erwecken sucht, Wasser auf die antisemitischen Mühlen trägt, wenn sie geflissentlich verschweigt, was ihr wohl bekannt ist, daß die größten Autoritäten der Physiologie und der Veterinärkunde, das Schächten als eine Todesart bezeichnet haben, welche in keiner Weise eine Humanität und Sittlichkeit verletzende Thierquälerei ist, so verdienen Ergüsse dieser Art doch etwes niedriger gehängt zu werden. — Es wäre Pflicht der jüdischen Mitglieder der Thierschutz-Vereine, deren Organ dieses Blatt ist, dagegen Protest zu erheben, daß eine dem Thierschutz gewidmete Zeitschrift die Geschäfte der Antisemiten besorgt. Gleiwitz. Am 11. Mai tagte der oberschlesische Nab bi nerverb and. Anwesend waren die Herren Rabbiner Dr. Dr. Blumenthal-Ratibor, Co Hn-Kattowitz, D eutsch-Sohrau, Goldschmidt- K ö nig sh ütte, Köpfst einBeuthen, K r aka u e r-Lob sch ü tz, Löwenthal-Tarnowitz und Wiener-Oppeln. Von den 11 Gegenständen der Tagesordnung wäre zunächst Punkt 3 zu erwähnen, Anschluß an den Verband deutscher Rabbiner. Der oberschlefische Verband behält sich indeß die Selbstständigkeit in Bezug auf religiöse wie cultuelle Dinge vor. Das ist für die conservative Richtung ein Vorbild zum Feststehen! Herr Dr. Wiener aus Oppeln hielt nunmehr den bereits zur vorigen Sitzung angekündigten Vortrag über die Aussprache der hebräischen Vokale. Der Herr Referent gab ein Bild der Verwirrung, die bezüglich der Aussprache in den Schulen und Synagogen Deutschlands herrscht