Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 45 (5.6.1893)
- Date
- 1893-06-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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850 niemand im Stande zu sagen, bemerkt hierzu das erläuternde Wort der Weisen, wartet bis ich meine Rechnungen abgeschlossen, bis ich mein Haus bestellt habe, nachher will ich kommen." (Midrasch Debarim Rabbah C. IX.) Das nächste, das einzige vielleicht, was wir in der uns vor dem Gottesruf noch vergönnten Minute thun können, ist, alles abzulegen, was unser besseres Selbst entstellend verhüllt. Das sind die bösen Eigenschaften, Gewohnheiten und Laster, die unser Wesen verunzieren. Hat doch die heilige Sprache für „Eigenschaften" und „Gewänder" eine und dieselbe Bezeichnung, nna. — Die Eigenschaften sind die Gewänder der Seele, wie die Kleider die Hüllen des Körpers sind. — Ist uns dann in der Vorhalle zur Ewigkeit noch eine Frist beschieden, so mögen wir dieselbe wohl für den Gegenstand verwenden, dem unser ganzer Empfang gilt, dem worüber uns Rechenschaft abgefordert wird. Das Aufgeben des bisher geübten Unrechts, das Ablegen schlechter Gewohnheiten und Neigungen, die Verwirklichung der Anforderung: jrc ->D „lasse vom Bösen", das ist die eigentliche Rückkehr zu Gott, das ist Teschuba. Das Zuwenden zu den Zwecken und Zielen unseres Daseins und ihre rüstige Erfüllung — am rwy — das geschieht durch D'aie O'wyv, durch die guten Handlungen, die wir vollziehen. Der Vorsatz, mit dem Unrecht zu brechen und seine Besiegelung durch die gute That, sind das einzige Mittel, welches uns den Eintritt in den Palast ermöglicht. Die zeitlichen, vergänglichen Güter, an welchen Augen und Herzen derjenigen hängen, die sich in der Vorhalle drängen, haben in dem Palaste keinen Werth. Dort gelten nur höhere, geistige Güter, alle diejenigen Errungenschaften, die der Seele aus der Rückkehr zur Pflicht ihrer gewissenhaften Erfüllung erblühen. Die Ewigkeit wird durch nai^n und aw dwj/d verdient. Deßhalb ist eine einzige Stunde in Rückkehr zu Gott und in Vollbringung guter Werke in dieser Welt, werthvoller als das ganze künftige Leben. Eine solche einzige Stunde ist der Preis, durch den das künftige Leben erlangt wird. Ein einziger, treuer fester Lebensvorsatz gefaßt, mit dem unerschütterlichen Entschluß ihn durch die That des ganzen Lebens zu besiegeln, sichert uns die Ewigkeit. In diesen Sinne lehrte Rabbi: ruip L" nr.N nytpa iv>.y „Es kann einer sich die Ewigkeit in einer einzigen Stunde erwerben." (Talmud Aboda sarah fol. 17.) Man erzählt von dem berühmten Gaon Rabbi Elia Wilna b”&, daß er in seiner Sterbestunde bittere Thränen geweint habe. Als man ihn darüber befragte, antwortete er: Ich weine, weil mir der Abschied von dieser schönen, herrlichen Welt wehe thut, weil ich weiß, daß das Leben der künftigen Welt, falls es mir beschieden sein sollte, etwas nicht hat, woran diese Welt so reich ist. Das ist die Möglichkeit die Gesetze Gottes zu erfüllen und damit meine Seele zu vervollkommnen. Für wenige Kopeken kann ich Mizwas Zizith erfüllen, ein Gebot, das allen andern Geboten zusammen an Bedeutung gleich kommt, ohne große Kosten und ohne nennenswerte Mühe kann ich den zahlreichen Pflichten gerecht werden, deren Erfüllung mir Gott zur eigenen Vervollkommnung geboten hat. In jener kommenden Welt dagegen, die meiner wartet, könnte ich für alle Schätze der Erde nicht die Möglichkeit erkaufen, auch nur eine einzige Mizwah zu erfüllen, und ich sollte nicht weinen?" Von der Herrlichkeit und Seligkeit des Lebens nach dem Tode haben wir so wenig ein Verständniß oder auch nur eine Ahnung, wie der Blindgeborene von der Verschiedenheit der Farben. Wir wissen im Gegenteil, daß dasjenige, worauf das Sinnen und Trachten der großen Menge gerichtet ist, das, worin sie ihr ganzes Glück sucht und findet, daß davon in der künftigen Welt sich nichts findet. Das was sie aber voraus hat vor dieser Zeitlichkeit, das ist für uns unerfaßbar. Rab hatte den Wahlspruch : Diese Welt gleicht nicht der künftigen. In der künftigen Welt gibts nicht Speise, nicht Trank, kein Handel und Wandel und keine Hausesgründung, aber auch keine Eifersucht, kein Haß und kein Neid, sondern die Gerechten sitzen da mit ihren Kronen auf ihren Häuptern und ergötzen sich am Glanz der Gottes-Herrlichkeit." (Talmud Berachoth fol. 17.) Rabbi Chija bar Abba lehrte im Namen Rabbi Jochanans: Alle Propheizungen der Propheten beziehen sich auf die messianische Zeit, aber die kommende Welt hat kein Auge geschaut, als Du o' Gott, er wird die Erfüllung bringen, dem der seiner harrt." (Talmud Sanhedrin fol. 99.) Aber in dieser unserem Fassungsvermögen unergründlichen Höhe, liegt die Garantie für die unermeßbare Glückseligkeit, die jeder Moment des künftigen Lebens denen, welches es beschieden ist, gewähren muß. Deßhalb reicht die Seligkeit dieses Lebens mit seinem Ringen und Kämpfen, mit seinem Siegen und Unterliegen nicht an das Leben der künftigen Welt und der Befriedigung, die sie gewährt, deßhalb lehrt Rabbi Jakob: »n tzav wart D^iya nn mip bw nnx nytr .Hin D^vyn Werthvoller ist eine einzige Stunde Seelenbefriedigung in jener Welt, als das ganze Leben dieser Welt. (Fortsetzung folgt.)