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Der Israelit · 1893-06-01 · Heft 44 (1.6.1893) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 44 (1.6.1893)
Date
1893-06-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXIV. Jahrgang. Erste Beilage jtt M 44 des „Israelit". Leitender Artikel. Allerstand und Allerlei. Betrachtungen eines „Alten." Wiederum ist die Zeit der Sommerfrischen da, die Zeit, da im Geschäftsleben alles still ist, die Zeit, da die Natur arbeitet, daß der Landmann ernten kann, was er im Schweiße seines Angesichtes gesäet hat. Bald wirst auch Du, lieber Leser, wenn Du es möglich machen kannst, oder nicht schon gethan hast, eine kleine oder große Vergnügungs¬ oder Erholungsreise machen, denn das Reisen ist Mode geworden und wir sind ja die Sklaven jener launischen Dame. Zu Fuß und zu Roß, per Bahn oder per Post, in dem bequemen Landauer oder auf dem flüchtigen Stahlroß ziehen sie aus, jene Hunderttausende, die sich dem Sklavenjoche, ach wie gerne, gebeugt haben. Wenn es ihnen noch so schwer fällt, die Mittel zu einer Reise zu erschwingen, so wird doch das scheinbar Unmögliche möglich gegemacht und der trauten Heimath für ein paar Wochen Valet gesagt. Man will sich einmal Herausreißen aus dem Alltäglichen und hineinreisen in die Ungemüthlichkeit der Fremde. Oder gibt es Menschen, welche die Fremde gemüthlich finden? — Ach, sie haben dann die Heimath nicht gekannt, oder waren in der Heimath fremd. Die Fremde kann wohl unfern Geist bilden, unsere Sinne entzücken, für unser Herz jedoch wird die Fremde nichts bieten. Darum hängen wir mit allen Fasern unseres Herzens an dem trauten Heim, darum können wir uns in der Fremde wohl amüsiren, sehnen uns aber nach kürzerer oder längerer Abwesenheit stets nach derHeimath. „Bleibe im Lande und nähre Dich redlich," sagt das Sprichwort und es hat Recht. Wenn irgend Etwas vermag, uns zur Uebertretung der Gesetze unserer Religion zu verleiten, so sind es diese „Erholungsreisen." Betrachte Dir einmal den größten Theil dieser „reisenden" Glaubensgenossen! Für sie gibt es keinen Sabbat und keine Speisegesetze. Sie alle haben irgend eine Entschuldigung, um sich das Verbotene zu erlauben; sie erkaufen ein kurzes Vergnügen mit dem Heile ihrer Seele. Der erste Schritt auf diesem Wege ist der schwerste; er zieht aber mit eiserner Consequenz den zweiten und dritten nach sich. Hat man einmal A gesagt, so muß man auch B sagen, man wird sich durch das ganze Alphabet buchstabiren und mit dem beladen bei dem Z ankommen. In der Fremde lebt es sich leicht und der Leichtsinn und die Leichtlebigkeit charakteristren unsere Zeit. Oder ist es kein Leichtsinn, der den jungen Mann verleitet, die Gebote seiner Religion zu übertreten, ist es keine Leichtlebigkeit, welche auch die Töchter unseres Volks von jenem Wege abbringt, der da führte in die Hütte des Friedens, in den Palast des Bettlerfürslen? Tretet ein in die Concertgärten und Restaurants der Badeorte und Sommerfrischen; Ihr werdet sie sehen groß und breit dasitzen, Dinge verzehrend, die ihren Eltern ein Greuel waren, Manieren annehmend, die mit Züchtigkeit und guter Sitte nicht immer vereinbar sind. Wer kann auch jene alten Gesetze in der Fremde befolgen! sagen sie; es ist genug, wenn wir zu Hause koscher leben; dort sind wir aber auch so gesetzestreu, wie nur einer; auf der Reise würden wir uns nur das Vergnügen und die Kur verderben! Verblendete Menschen! Besteht denn nicht gerade in dem Ueberwinden des bösen Triebes das Wesen der Tugend? Wer unter den Menschen kann noch auf Euere Treue bauen, wenn Ihr dieselbe aus reiner Vergnügungssucht Eurem Gotte brechet? Ihr machet Anspruch auf die Achtung Eurer Mitmenschen; würdet Ihr Jemanden achten können, von dem Ihr wisset, daß er die Treue gebrochen? Ist die Unbequemlichkeit, welcher der Jude auf Reisen stets ausgesetzt ist, wirklich so groß in jetziger Zeit, daß Ihr darum solche Sünde begehen müsset? Ist Euch das Vergnügen mehr werth, als das Heil Eurer Seele? Euer Magen mehr als das heilige Erbe Eurer Väter? Wisset Ihr denn nicht, daß Ihr durch solches Thun nur Euch selbst Schaden zufügt? Leider gibt es jetzt Juden, die wohl wissen, wann unsere Feiertage sind, die aber keine Ahnung haben, wcßhalb dieser oder jener Tag gefeiert wird, die in der Geschichte Roms bis in die kleinsten Details bewandert und in der Geschichte der Väter jedoch die größten Ignoranten sind. Wir bedauern diese Armen, deren Eltern der heiligsten Pflicht sich so entäußert haben, daß sie ihre Kinder unvorbereitet den Versuchungen der Welt ausgesetzt haben; ihnen wird Gott ein gnädiger Richter und ein barmherziger Vater sein. Aber Ihr, die Ihr die Gebote Gottes kennt und aus Leichtsinn und Bequemlichkeit Euch über dieselben hinwegsetzt, was wollt Ihr Ihm, der Eure geheimsten Gedanken weiß, einst auf die entscheidende Frage antworten? — Banget Ihr nicht vor dieser Frage? Kann sie nicht jeden Augenblick an Euch gestellt werden? — Darum seid in der Fremde, wie in der Heimath treu dem Glauben Eurer Väter. Erinnert Euch stets, daß es im Bereiche des Sittlichen und der Religion keine Kleinigkeiten gibt, daß der erste

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