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Der Israelit · 1893-06-01 · Heft 44 (1.6.1893) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 44 (1.6.1893)
Date
1893-06-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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836 als den Müller, der die antisemitische Sache zu seiner eigenen gemacht hatte. Als er an jenem Tage die Nachricht von dem Einbruch bei dem Juden erfahren hatte, war seine Freude so groß, daß ihm nicht einmal auffiel, wie verstört seine Frau einherging und wie schwer es ihr wurde, ihm auf seine Fragen Antwort zu geben. Den ganzen Morgen hatte er auf das Erscheinen Benjamins, der doch seine Wechsel präsentiren mußte, gewartet; vergeblich. Niemand war erschienen, das Geld zu holen. Schien es ja, als ob der Jude in Folge der Aufregung an seine Wechsel vergessen habe! Nun wohl, er hat nicht nöthig, ihm das Geld ln's Haus zu tragen; mag er es sich holen lassen. Es ist.vier des Mittags. Der Müller sitzt in seinem Bureau über ein Buch gebeugt, in welchem er eifrig liest. Aber es ist kein Geschäftsbuch; für diese Lektüre hat er keine Zeit mehr, vor ihm liegt der von Lüge und Verleumdung strotzende Lügenkatechismus seines Leipziger Gesinnungsgenossen Fritsch. Wenn je Neid, Haß und Bosheit ihre Griffel ins Gift der Lüge und Verleumdung, der Fälschung und Entstellung getaucht haben, so ist es in diesem elenden Machwerk geschehen und wie sich das Raubthter am warmen Lebenssaft seines Opfers derart berauscht, daß es selbst die eigene, ihm drohende Gefahr nicht sieht, so trank der Müller einen süßen Rausch aus dem elenden Gifte, welches Druckerschwärze in jenes Buch gebannt, aus jenen Lügen, Verleumdungen, bewußten Fälschungen und Entstellungen, welche dessen Setten füllen. Gewissenlosigkeit, Neid, Bosheit und Dummheit können vieles leisten — der Antisemitenkatechtsmus übertrifft alles bisher Erschienene. Die Augen des Müllers leuchten, höhnisch zuckt sein Mund, seine Finger trommeln nervös aus dem Schreibpulte, vor welchem er sitzt — das Buch ist ihm aus der Seele geschrieben, sein Verfasser ein echter Deutscher. Da werden langsam schleppende Schritte hörbar und bald darauf klopft es an die Thüre. „Herein", tönt es von den Lippen des Müllers. Die Thür öffnete sich und Benjamin tritt ein. Aber wie sah der alte Mann aus! Ein Bild des Jammers wankt er herein und nimmt unaufgefordert auf einem leerstehenden Stuhle Platz. Seine Beine tragen ihn nicht länger; seine Kntee zittern; tief liegen seine Augen in ihren Höhlen und während er mit seinen zitternden Händen sich den Schweiß von der Stirne wischt, dringt durch die halb geöffneten Lippen ein pfeifender Ton aus der keuchenden Brust. „Nun, Jude," ruft der Müller zornig dem Erschöpften zu, „seit wann ist es Mode, daß man einem so in's Zimmer fällt? Weißt Du nicht, daß man „Guten Tag" sagt und sich erst setzt, wenn man dazu aufgefordert wird! Geht Deine Frechheit schon so weit, daß Du Anstand und gute Sitte außer Acht lässest? Was willst Du?" Benjamin konnte nicht sprechen; seine Kehle war trocken; seine Zunge klebte fest am Gaumen und alles, was er nach einiger Zeit mit größter Anstrengung hervorbringen konnte, war: „Wasser, ein Tropfen Wasser." „Hier ist kein Wirthshaus, Jude," rief der Müller; „wenn Du sonst nichts willst, so mache, daß Du wieder fortkommst." Bei diesen Worten öffnete er die Thüre und deutete mit der ausgestreckten Hand auf den Ausgang. (Fortsetzung folgt.) Der ,JSraelit" erscheint wöchentlich zweimal, Montag-und Donnerstag-, jedesmal in mindestens zwei Bogen, «ret» des Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für'S Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Suchhandel 1« bestehe» det L. F. 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Betrachtungen eines „Alten". — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Hannover. — Vermischtes. Inhalt der Belletr. Beilage: Antisemiten in's Stammbuch. — Leben und Treiben der Preßburger Jeschibah von Hermann Löwinger (Schluß). Inhalt der Extra-Beilage: Spenden-Verzeichnisse. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der J oh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu drei Beilage« sowie die erste Lieferung der Erzählung „Zur rechten Zeit" von Dr. M. Lehmann

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