Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 44 (1.6.1893)
- Date
- 1893-06-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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835 eignisse, die mächtiger sind, als wir und unser Wille, drücken mir die Feder in die Hand und veranlassen mich, an Deinem treuen Herzen Schutz und Trost zu suchen. Eine böse Zeit liegt hinter mir; ob sie schon zu Ende, wer vermöchte es zu sagen! Mein lieber Vater ist seit einigen Wochen nicht wiederzuerkennen und sein Befinden flößt mir Sorge ein. Nicht daß ein körperliches Leiden ihn quäle — er ist wohl und munter — sein Leiden ist mehr seelischer Art und deßhalb bin ich besorgter als sonst. Vor vier Wochen wurde bet uns eingebrochen und seltsamer Weise ließ uns der Dieb das Geld und die Staatspapiere und begnügte sich mit den Schuldpapieren meines Vaters. Sämmtliche Schuldscheine und Wechsel, die sich in Händen meines Vaters befanden und die eine große Summe repräsentirtcn, nahm der Dieb und beraubte dadurch meinen Vater der Möglichkeit, die Richtigkeit seiner Forderungen zu beweisen. Die gerichtliche Untersuchung verlief resultatlos und bis zum heutigen Tage ist keine Spur von dem Einbrecher gefunden worden. Dagegen macht sich seit jenem Tage eine starke antisemitische Strömung in unserem Dorfe und in unserer ganzen Gegend bemerkbar und die Bauern, die sonst gerne Geschäfte mit uns machten, weichen den Meinen aus und wollen mit Juden nichts mehr zu thun haben. Sie leugnen alle, meinem Vater etwas schuldig zu sein, da sie wissen, daß er ihre Schuldscheine nicht mehr hat und wenn er zu seinem Gelbe kommen will, muß er eine ganze Reihe Prozesse beginnen, deren Ausgang stets fraglich ist. Darüber ist mein Vater aufgeregt, weint und jammert den ganzen Tag, daß er ein armer, ruinirter Mann sei und dergleichen Dinge mehr, so daß ich ernstlich besorgt bin. Eine fieberhafte Unruhe hat sich seiner bemächtigt und raubt ihm sogar den Schlaf in der Nacht. Er ist der festen Ueberzeugung, daß er das Opfer eines antisemitischen Gaunerstreichs geworden und ich kann ihm nur beistimmen. Die Antisemiten scheinen es darauf abgesehen zu haben, uns materiell zu Grunde zu richten und sie gehen systematisch dabei zu Werke. Schritt für Schritt entziehen sie uns den Boden unserer Geschäftstätigkeit und wenn auch Einzelne dem Treiben dieser Hetzer fernblciben und wie früher mit den Meinen verkehren, so ist deren Anzahl so verschwindend klein, daß von einem Geschäft nicht mehr die Rede fein kann. Wohin werden diese Zustände führen? Worin unterscheiden sich die deutschen Judenfresser von den Barbaren der russischen Regierung? Während die letztere unsere Brüder mit brutaler Gewalt verfolgt und beraubt, wenden erstere ein raffinirtes System an, um zu diesem edlen Ziele zu gelangen. Wenn mein Väterchen erst wieder ganz wohl wäre, ich wüßte, was ich thäte! Stehst Du, so hat Jeder seine Last zu tragen; der Eine eine größere, der Andere eine kleinere und doch denke ich immer, der liebe Gott bürdet keinem eine größere Last auf, als er tragen kann! Nun lebe wohl, mein Max; arbeite und ringe, strebe und schaffe, Dein Ziel zu erreichen. Mehr als je sind heutzutage Fähigkeiten eine Macht, der jedes Hinderniß weichen muß. Du besitzest genügend Fähigkeiten; darum verliere nicht das Vertrauen zu Dir selbst. Ich vertraue Dir und in ewiger Treue verbleibe ich Deine Rahel." Curtel las diesen Brief zweimal; er las ihn wieder und wieder. In seinem Herzen stieg die Sehnsucht auf, die Geliebte zu sehen und zu sprechen, aber er bezwang sich. Fähigkeiten sind eine Macht, schrieb ihm seine Rahel. Nun wohl, diese Macht will und muß er verwerthen. Er entschloß sich, den ersten Brief sofort zu beantworten und sich in den nächsten Tagen dem Fabrikbesitzer vorzustellen. Wer eine Leiter erklimmen will, muß eine Sprosse nach der anderen ersteigen. Er wurde nicht auf die unterste Stufe gestellt und mußte deßhalb seinem Gotte dankbar sein. Hier galt es kein langes Besinnen; vorwärts hieß cs für ihn — vorwärts. X. In dem Dorfe, in welchem Benjamin wohnte, hatte der Antisemitismus große Fortschritte gemacht. Zwei Drittel der Bauern waren Mitglieder des reutschen Bauernvereins geworden und der Müller spielte als Vorsitzender dieses Vereins eine große Rolle. Er hatte soviel mit den Angelegenheiten des Vereins zu thun, daß er die eigenen darüber fast vernachlässigte und als ihm seine Frau Vorwürfe darüber machte, beschloß er, sich einen tüchtigen Mann zu engagiren, der ihn in der Mühle und in seinem Oekonomiewesen vertreten könne. Vergeblich rieth Louise davon ab und verlangte, daß er doch lieber aus dem Vorstand des Vereins austreten und seinem Geschäft selbst vorstehen, als es einem Fremden überlassen solle — der Müller blieb der antisemitischen Sache getreu, und als ihm nun Dr. Z. eine geeignete Persönlichkeit empfahl, zögerte er nicht, dieselbe zu engagiren. Nun hatte er freie Zeit in Menge; nun konnte er für die teutsche Sache wirken, und er that es. Aus dem stillen, fleißigen Manne war ein fanatischer, wüster Agitator geworden, der von Ort zu Ort reiste, um für die Sache des Antisemitismus Propaganda zu machen. Sein eifrigstes Bestreben war, den Juden seiner Gegend jedes Geschäft unmöglich zu machen, was ihm auch teilweise gelang. Dr.. Z. hätte keinen eifrigeren, ergebeneren Jünger finden können,