Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 44 (1.6.1893)
- Date
- 1893-06-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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831 der Weise Thiere boshaft quält oder roh mißhandelt", also nicht wegen der Mißhandlung, sondern wegen des Aergerniffes. Es müßte eine Schranke gezogen werden, über die hinaus das Recht des Menschen über die Thiere nicht gehen dürfe. Herr Ad. Baumann bemerkte, es könne eine Grenze geben, wo der Thierschutz in Menschenquälerei ausarte. Er erinnere nur an zwei Fälle, die Vivisektion und das Schächten. Erstere sei für die Menschheit notwendig, es sei eben keine „boshafte" Quälerei. Ebenso verhalte es sich mit der Schächtfrage. Eine ganze Reihe wiffenichaftlicher Koryphäen behaupte, daß das Schächten eine weniger qualvolle Tödtungsart sei, als das Schlagen oder die Schlachtmaske. Er möchte Protest dagegen etnlegen, daß der Gesetzgeber ein Gesetz erläßt, das ohne unanfechtbare Grundlage aus einer gewissen religiösen Voreingenommenheit einer Glaubensgenoffenschaft, die wie keine andere, sich gegen Tierquälerei ausspricht, ihre Schlachtmethode verbietet. Die Schweizer Thierschutz-Vereine seien in dieser Richtung thätig; er bezweifle aber, daß der Thierschutz so weit getrieben werden dürfe, daß er Menschen die in allen Ländern ihnen verbürgte Freiheit ihres Kultus illusorisch mache. Der Ansicht des Vorsitzenden könne er sich daher nur in beschränktem Maße anschließen. Herr Direktor Labes verwahrte sich dagegen, an die beiden Dinge gedacht zu haben. Herr Roth meinte, der Begriff Thierquälerei sei schwer festzustellen. Sei z. B. die Dressur auch Quälerei? Er versicherte Herrn Baumann, daß der Vorstand stets in dessen Sinn bzgl. der beiden Fragen gehandelt habe. Gegen die mißbräuchliche Ausführung der Vivisektion durch unkundige Hände seien schon Regierungsverordnungen ergangen. Was aber die jüdische Schlachtmethode betreffe, so habe sich der Vorstand mit Erfolg bemüht, in unserem Schlachthaus eine Methode des Riederlegens und Fesselns einzuführen, durch welche die leicht hierbei entstehende Thierquälerei vermieden werde. Gegen die Schlachtungsart selbst habe der Vorstand sich nicht veranlaßt gesehen, aufzutreten. Herr Baumann erwiederte, wie verschwindend sei das gegen die Grausamkeiten der Jagd! Warum nimmt denn kein Verein hiergegen Stellung? Herr Hofmeister konstatirte mit Freude, daß es sich in Frankfurt mit dem Niederwerfen der Thiere vor dem Schächten bedeutend zum - Bessern gewendet habe, und ersuchte den Vorstand, seinen Einfluß auch nach außerhalb in dieser Hinsicht geltend zu machen. Berlin. Die israelitische Volks-Speise-Anstalt, Klosterstr. 99 hat ihren Wirkungskreis mit dem Beginn des Sommers nicht wie andere ähnliche Institute eingeschränkt, sondern fährt fort, im Sinne der hochherzigen Gönner der Anstalt, auch jetzt, dort, wo ernste Roth sich zeigt, helfend einzugreifen. Beinahe 200 beträgt immer noch die Zahl derjenigen Hungernden, denen — aus allen Berufsklaffen und ohne Unterschied der Confession — jeden Mittag unentgeltlich Speise verabreicht wird. . Bemerkenswerth scheint indeß folgende Einrichtung. Auf Anregung eines Assistenzarztes des Herrn Professors Dr. Hennoch werden aus der Kgl. Klinik für Kinderkrankheiten der Anstalt diejenigen Kinder, die in der Rekonvalescenz durch obwaltende Roth keine kräftige Nahrung zu Hause erhalten können, auf längere Zeit zur Verpflegung überwiesen. Es erhalten die Mütter für ihre Kinder alsdann täglich kräftige Suppen, Fleisch etc. Die Anstalt ist bereit auf ärztliche Empfehlung noch einer Anzahl Bedürftiger diese Wohlthat zu erweisen. Berlin. Der Geheime Regierungsrath Wilhelm Foerster, der Dtrector der Berliner Sternwarte, einer der größten Astronomen und berühmt durch seine „Studien zur Astrometrie" Führer der „Ethischen Gesellschaft", schreibt an Hermann Bahr: „Die antisemitischen Hetzereien und Uebertreibungen sündigen hauptsächlich durch die Unterschiedslosigkeit, mit welcher sie den Unschuldigen zugleich mit dem Schuldigen beschimpfen und bedrücken. Heilung von dieser Erkrankung des Urtheils der Menge ist aber nicht in verdammenden Worten zu suchen, sondern in einer Gesundung der immer unerträglicher gewordenen Zustände des Erwerbslebens und der Geldwirthschaft. Für diese Zustände sind die Juden keineswegs allein verantwortlich, aber in den germanischen und slavischen Ländern haben sie einen sehr erheblichen Antheil an den dadurch entstehenden Nöthen und Leiden. Der Willens- und Geisteskraft der vielen edeldenkenden Juden liegt daber in erster Stelle die Verpflichtung ob, ander vernünftigen Umgestaltung unserer wirthschaftlichen Zustände kräftigst mitzu^ arbeiten. Es ist erfreulich, zu sehen, wie viele dies begriffen haben und mit Hingebung am Werke sind. Berlin, 9. Mai 1893. W. Foerster. (Diesem Herrn wäre die Lektüre der soeben erschienenen und in voriger Nummer besprochenen Broschüre „Kulturdefizit am Ende des 19. Jahrhunderts" von Dr. Hirsch und namentlich der Passus über ganzen, halben und tausendstel Antisemitismus sehr zu empfehlen. Red.) Berlin. Auf die denkbar korrekteste Weise hat sich Herr Professor Gneist gegenüber dem internationalen Interviewer Herrmann Bahr benommen. Er hat sich in gar keine Unterredung mit ihm über den Antisemitismus eingelaffen, sondern