Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1893-05-29 · Heft 43 (29.5.1893) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 43 (29.5.1893)
Date
1893-05-29
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448315-2448356--36430-2484456
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

819 lasse eS dein Kind auch früh merken, wie auch der Unterschied der Religion niHts ausmache in deiner Beurtheilung des Mitmenschen. Früh muß es dein Kind von dir lernen, daß es in allererster Linie auf Bravheit und Sittlichkeit ankomme. Ja, am besten ist es, wenn dein Kind in den ersten Kinderjahren so wenig wie möglich von der Verschiedenheit der Religionen erfahre; wenn es aus deinem Thun und Lasten, aus deinen Reden heraushore, wie jeder Mensch, gleichgiltig ob Jude oder Christ, deinem Herzen als Mensch gleich nahestehe, an dessen Freuden du Antheil nimmst, deffen Leiden zu hindern du berufen dich fühlst, so weit deine Kräfte reichen. Damit soll durchaus nicht gesagt werden, daß du deinem Kinde die Vorschriften und Gebräuche deiner Religion nicht mit vollstem Ernste einschärfen sollst. Im Gegentheil. Die Achtung, die es gewohnt wird, seinen Religionsgebräuchen entgegenzubringen, wird es dann auch in gleichem Maaße den seiner Gespielen zollen. So wie es aber die Verschiedenheit der Religionen inne werden muß, sowie ihm in seinem jungen Leben das Bewußtsein aufdämmert, daß sein Nachbarkind einem anderen religiösen Bekenntnisse angehört, ist es von vitalster Bedeutung für die Toleranz seiner späteren Anschauungen, daß du schon früh ihm einprägst, in erster Linie keinen Vorzug, keinen Grund zur Ueberhebung darin zu erblicken, einem anderen Bekenntnisse anzugehören, daß es in erster Linie VerpPichtungen sind, die es seiner Religion gegenüber zu erfüllen hat. Früh schon muß es lernen, daß die Zugehörigkeit zu seiner Konfession es um kein Haarbreit besser mache als seinen Nachbargespielen, daß nicht in erster Linie Religion und Konfession es sind, die den Werth des Menschen bestimmen. Früh schon muß es lernen, daß auch dem Juden der moralisch gute Christ höher stehe, als der moralisch schlechte Jude, und der Christ den moralisch guten Juden höher achte als den moralisch schlechten christlichen Glaubensgenossen. So wäre der Weg gewiesen für eine bessere Zeit, in welcher die „Schmach des Jahrhunderts" nur noch in der Erinnerung leben wird. Hiermit, schließen wir den Bericht über ein Buch, das sich sowohl durch Klarheit als Gedankenschärfe, durch Vollständigkeit, als durch lichtvolle und fesselnde Darstellung auszeichnet, und das in weiten, weiten Kreisen gelesen werden sollte. Daß aus der Lektüre die Beherzigung folgt, dafür sorgt schon die Art und Weise der Darbietung. Zeitungsnachrichten und Correfpondeuzeu. Deutschland. Mainz, 26. Mai. Herr Professor Dr. Schlenger, der Kandidat der Centrumspartei in Mainz, dessen Unterschrift unter dem Aufruf des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus seinerzeit von den Antisemiten als gefälscht erklärt wurde, äußerte sich uns gegenüber, daß er den Antisemitismus, der die staatsbürgerlichen Rechte der Juden angreifen wolle, für staatsfeindlich und verbrecherisch halten müßte, wenn er ihn nicht für närrisch hielte. Er gehöre zu dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus, denn für die Katholiken schicke es sich besonders solchen Auswüchsen mit aller Kraft entgegenzutreten, da sie sich ja selbst erst vor Kurzem in bedrohter Lage befunden hätten. Außerdem gehöre es aber auch zu den Pflichten jedes Staatsbürgers, Umstürzlern und Volksverführern sich entgegenzustellen. Wir können dem htnzufügen, daß das Centrum nicht leicht einen Candidaten aufstellen konnte, deffen Persönlichkeit weiten Kreisen sympatischer wäre, als Professor Schlenger. Die große Zahl seiner Schüler und Bekannten verehren in ihm einen Mann voll Gerechtigkeit und Liebe, mit weitem Blick, gereiftem Urtheil und unumstößlichen Grundsätzen. Auch Herr Jöst, der seitherige Reichs- und Landtagsabgeordnete unseres Wahlkreises und nunmehrige Candidat der sozialdemokratischen Partei, äußerte sich dem Herausgeber dieser Zeitschrift gegenüber in gleich absprechender Weise über den Antisemitismus. Frankfurt a. M. Mit Bezug auf die Stellung, die jüngst der Herausgeber eines Berliner jüdischen Blattes zur Militärvorlage als Jude genommen, bemerkt die hier erscheinende „Sonne" sehr treffend: „Bethätigt der Jude seine Liebe zum Vaterlande, wird er von den Wortführern der Linken und ihrer Presse Feigling geheißen und ihm die Berechtigung abgcsprochen, seine Meinung zu äußern, tritt er gegen die Regierung auf, wird er von den Herren der Rechten Vaterlandsverräther und Fremdling titulirt. Wie er's macht, macht er's nicht recht." Und die Moral von der Geschichte: Wir haben nicht als Juden, sondern, wieder „Israelit" wiederholt betont hat, ein Jeder seiner politischen Ueberzeugung gemäß zu wählen. Vergleiche unseren Leitartikel in Rr. 37 unseres Blattes. Frankfurt a. d.Oder, 23. Mai. Bekanntlich war in Folge Mehrheitsbeschlusses der Repräsentantenversammlung bereits vor Jahr und Tag eine Orgel in die hiesige Synagoge eingeführt worden. Inzwischen wurden auch noch mancherlei andere Reformen vorgenommen, z. B. dem Gottesdienst das Geiger'sche Gebetbuch untergelegt, die Thora-Vorlesung gekürzt, u. a. m. Die Reaction gegen diese Maßnahmen, von Herrn L e ß er Struck höchst energisch geleitet, hatte schon seit 1 Jahren die Errichtung einer orthodoxen Zweigsynagoge und die Berufung eines Predigers an den Festtagen erreicht. Nachdem nun in Folge unerhörter Machinationen bei den Wahlen im Dezember vorigen Jahres die orthodoxe Partei völlig unterlegen war, nahmen es die Leiter derselben in die Hand, dieselbe möglichst selbstständig zu machen. Nach unsäglichen Mühen und mit Ueberwindung der größten Hindernisse gelang es endlich, eine geeignete Lokalität zu finden, die für einen Gebetsaal paffend war. Mit den bedeutendsten Opfern an Zeit und Geld

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.