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Der Israelit · 1893-05-29 · Heft 43 (29.5.1893) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 43 (29.5.1893)
Date
1893-05-29
Page
– (sequence 10)
Language
German
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616 spccifische Verbrechen nachzuweisen, die nicht einem einzigen Arier zur Last gelegt werden könnten, dann könnte von der Berechtigung eines „antisemitischen Instinktes" die Rede sein. „Erklären wir uns deutlicher. Käme z B. Alkoholismus, Raub und Diebstahl einzig und allein nur beim arischen Volksstamme vor, gäbe es nicht hie und da^ auch jüdische Trunkenbolde, hie und da vielleicht auch jüdische Räuber und Einbrecher, so könnte man die Bekämpfung der Trunksucht, des Straßenraubes, des Einbruchs, unter der Firma Antiarianismus führen. Die Existenz eines nichtarischen Trinkers, eines nichtarischen Räubers rc. würde die Bekämpfung dieser Untugenden unter antiarianischer Flagge strenge genommen als incorrect bezeichnen lassen müssen. Es müssen eben spezifisch mische und spezifisch jüdische Verbrechen sein, die ihre Bekämpfung unter der die Nationalität oder Confession stigmatisirenden Bezeichnung Antiarianismus resp. Antisemitismus'erstreben ließen. Ebenso müßten Betrug, Meineid, Wucher, Verbrechen gegen die Sittlichkeit ic. specifisch jüdische sein, nur unter Juden Vorkommen,' es dürfte strenge genommen nicht ein Arier ihrethalben im Gefängnitz sitzen, wollte man sie unter dem Namen Antisemitismus bekämpfen. Sehen wir aber einmal ab von den sog. schwereren Verbrechen und suchen etwa unter den leichteren moralischen Fehlern die Berechtigung „antisemitischer Instinkte", so müßten es auch hier spezifisch-jüdische, keinem Arier anhaftenden Untugenden sein, die ihre Bekämpfung unter der Flagge des Antisemitismus rechtfertigen würden. Es dürfte also keine arischen Streber geben, keine arischen Parvenüs, keine arischen Geldprotzen, keine arischen Ahnenstölze, keine arischen Neider, Haffer, Jntriguanten rc. und wie sie alle heißen mögen die menschlichen Schwächen, die eben unzertrennlichsind von „dieser Leiblichkeit", sollte ihre Bekämpfung sich mit dem Begriffe des Antisemitismus decken." Der Verf. geht nun alle Punkte durch, welche eine Handhabe für die Berechtigung eines „antisemitischen Instinktes" abgeben könnten: Religion, Morallehre, Neigungen, Charakterbildung, sittliches Handeln u. s. w. u. s. w. und findet an der Hand von Thatsachen und statistischen Materials nicht einen Schatten einer solchen Berechtigung. Man muß das alles Nachlesen, wie klar und überzeugend der Verf. dieses nachweist, und wie er keinem der vielfach vorgebrachten Vorwürfe aus dem Wege geht und zeigt, daß die Juden in vielen Punkten, selbst in denen, welche man allgemein als spezifisch jüdische Untugenden ansieht, nicht schlechter als ihre arischen Mitbürger sind, in manchen Tugenden hingegen diesen als Beispiel dienen könnten. Aus dem gründlich Erörterten ergibt sich dem Verfasser das folgende Resultat: „Ziehen wir nun die Bilanz aus den bisherigen Erörterungen, so ergiebt sich als Antwort auf die Frage, „leben denn alle Juden nach den Lehren ihrer Religion und ihres Moralcodex", das Facit, daß, verglichen mit dem Verhalten der christlichen Bevölkerung zum Moralcodex der ihrigen, die Juden berechtigt sind, ein schweres, schweres Theil auf ihr Haben-Konto zu setzen. Wahrhaft lächerlich sind detzhalb die Ermahnungen und Aufforderungen an die „ehrenhaften Juden", an die „besseren Juden", auf die Besserung ihrer minderguten Glaubensgenossen hinzuarbeiten, „sich öffentlich loszusagen von den schlechten Elementen" unter ihnen, und wie sie alle lauten mögen die scheinbar gutgemeinten Rathschläge an die Juden, — „dann erst könne man sich veranlaßt fühlen, dem Antisemitismus jede Berechtigung abzusprechen." Ei, du Lieber! Würdest du dem nicht gerade ins Gesicht lachen, der zu den Christen sagen würde, „sagt Euch öffentlich los von den schlechten Elementen unter Euch", „erst sucht die Verbrechen Eurer Glaubensgenossen zu mindern — dann wollen wir aufhören Euch zu bekämpfen und den Antiarianismus, der Brandhetze gegen Euch jede Berechtigung absprechen"! Und doch gibt es nicht blos numerisch viel mehr schlechte Christen als schlechte Juden! Will^man^deßhalb aus 1 der' Thatsache, daß es unter den Bekennern einer Konfession auch schlechte Elemente gibt, die Berechtigung herleiten, gegen die Konfessionsgenossenschaft als solche den Kampf zu organisiren, so wäre ja unendlich größere Berechtigung vorhanden, die christlichen Konfessionen unter der Flagge des Antiarianismus oder Antichristianismus zu bekämpfen, als die jüdische unter der des Antisemitismus. So aber rufen wir Euch mit vollem Rechte zu: Nimm doch gefälligst erst den Balken aus Deinem Auge, geniert Dich der Splitte im Auge des Nächsten! Räume doch erst die Schutthaufen weg vor Deiner Thür, ehe Du vollkommene Besenreinheit verlangst vor der Behausung Deines Nachbars." Nachdem der Verf. untersucht, woran es liege, daß so viele Edeldenkende sich von dem Bruchthetl des Antisemitismus, der ihnen innewohnt, nicht vollständig lossagen können, und die Folgen betrachtet, welche die Drachensaat zeitigen müssen, wenn nicht alle Mittel gegen deren Wachsthum aufgeboten werden, sucht er auch nach dem Heilmittel. Die Aussicht auf Heilung liege aber „vor allem in den Händen der breiten Schichten der gebildeten und liberal denkenden Bürger unserer Nation." Aus seinem eigenen Herzen habe man das kleinste Fäserchen des dort noch wurzelnden kleinsten Bruchtheils des Vorurtheils zu reißen, man Habe zu erkennen, daß Deutschland in Bewahrheitung des Verfassungsparagraphen, der den Juden die völlige Gleichberechtigung zusichert, gegen die übrigen civilisirten Staaten weit zurück ist. In der Erziehung habe man von früh an dafür zu sorgen, daß das Kind gewöhnt werde, im Menschen den Menschen zu achten. Lassen wir den Verf. selbst sprechen: „Vor allem im Hause muß der Geist reinster Humanität gepflegt werden, vor allem im Hause der Geist reinster Jnterkonfessionalität und Jnternationalität herrschen. Den Kindern muß es von frühester Jugend an anerzogen werden, in jedem Menschen den gleichberechtigten, ebenbürtigen Mitmenschen zu sehen, gleichgiltig welcher Religion, welchem Volke, welcher sozialen Stellung er angehört Rein und weich mutz das Herz gehalten werden jedem Armen, jedem Bettler gegenüber, daß früh schon das Gefühl der Humanität, der Nächstenliebe Wurzel schlage in dem kindlichen Innern. Man lasse das Kind selber den Pfennig oder das Stück Brod dem Armen reichen und lehre es, sich nicht zu überheben, weil ihm die Not des Lebens erspart geblieben. Man lehre es früh begreifen, wie der Reichthum die Pflicht habe, von seinem Ucberfluß dem Armen zu reichen, wie Armuth nicht schände, wie nicht feine Kleider, wie viel eher Lumpen in Würde getragen adeln. Ist so das Band hergestellt, das Mensch mit Menschen bindet, ist das Reich und Arm geschwunden in der Schätzung seines Mitmenschen, dann

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