Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 43 (29.5.1893)
- Date
- 1893-05-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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814 die Reihe kommen wird, indem an diesem Tage die Protokolle der einige Tage früher abzuhaltenden Konferenz einer erlauchten Gesellschaft von „Rabbinen" zur Diskussion werden vorgelegt werden. Puh, — der Helle Schweiß rinnt mir über die Stirne, wenn ich nur dran denke! Am 28. August, also in der größten Sommerhitze eine solche Versammlung von „hochgelehrten Gottesstreitern", wie sie jene Zeitung nennt. Welche AufopferungI Wie wird ihnen inmitten der Redeschlacht die Sonne auf den Schädel brennen, — vielleicht gar ein lustiges Strohfeuer entzünden! Doch — nein — dem Himmel sei Dank. — Die Ausstellungsobjekte dieser Zierde Judas sind nicht in solcher Gefahr, denn polemische Disputationen sind vollständig ausgeschloffen. Wer an dem Kongreß Theil nimmt, den muß recht ein süßes Vorgefühl der Moschiach- Zeit beschleichen, wenn er sie so friedlich da beieinander wird sitzen sehen, lauschend der erhabenen Weise des gottseligen Mitbruders, mag nun Hohepriester Wise, Deutsch oder Steinthal, Moses, Hirsch oder Stolz oder wie sie alle heißen, gerade die Gemüther der Gläubigen erbauen. Da ist das Prophetenwort erfüllt, daß einst Wolf und Schaf nebeneinander weiden und Stroh fressen werden; und an dem Gesammtbtld des Sehers fehlt nur das eine, daß sie hier das Stroh erst dreschen und mundgerecht machen müssen und — vielleicht wird sich bet „der Menge und Leistungsfähigkeit" der Produzenten nicht die genügende Anzahl von Abnehmern finden. Zwar werden allerlei Sorten von Stroh sabrizirt werden. — Auch viel leeres wird in Verschleiß kommen — so daß jeder, vom weisheitgesättigten Seelenhirten und Geistlichen herab bis zum krassesten Laien sich die seinen Verhältnissen angemessene Qualität von Judenthum — will sagen — Stroh wird auslefen können. Aber — es ist zum Verzweifeln mit dem Skeptizismus dieser amerikanischen Laien, welche manchmal selbst die schmackhaftesten Speisen verschmähen, sogar wenn sie der große Wise präsentirt. Es ist zum Verzweifeln — aber nur für die Querköpfe von Seelenhirten, welche es nicht recht anzuzweifeln wissen, nämlich nicht so, wie der neue Prediger der „Keneseth Israel" in Philadelphia, ein junger Mann, mit Empfehlungen von einem gewissen Dr. Krauskopf, auch so einem Rabbiner, ausgestattet. Denn diese Leuchte in Israel brachte es in der Antrittsrede fertig, von dem sinaitischen Gesetz in einem Athem zu beweisen, erstens, daß es alles, zweitens, daß es nichts ist, drittens — doch wer könnte alle die hirnverbrannten Definitionen aufzählen, die dieser junge Maun zum so und sovielten Male breitgedrückt hat. Unter anderem ließ er die geniale Verwechslung mit unterlaufen, dem heiligen Tempel viele Fenster zu geben, damit das Licht von außen hi ne indringe und zwar in Gestalt von Wissenschaft, Erziehung, Freiheit und einigen unabhängigen Geistern. Der Haupttreffer aber war der, daß der junge Mann seine Zuhörer, welche ihm kurzer Hand „die Menschen" sind, frug, ob sie an die Bibel, Sabbat, Wunder u. dgl. glauben, sie in der Verneinung seiner Fragen bestärkte und sich endlich zu dem Ausruf begeisterte: „Weg darum mit Peiesterthum, weg mit aller Autorität. Klingt das nicht wie eine Konzession an den gesunden Verstand, nicht wie Aufleuchten der Vernunft in dem Gehirn des „jugendlichen Rabbiners"; ja wohl: Weg mit dem Humbug-Priesterthum, weg mit der Wahnautorität amerikanischer Lügenpfaffen. Zn dieser Einsicht müssen doch auch einmal die amerikanischen Juden kommen, daß es ein Nichts ist, womit die Hohepriester des „modernen Judenthums" den Gemeinden das Geld aus der Tasche locken, daß es Widersinn ist, womit sie ihnen die Augen blenden und daß es Schwindel und Komödie ist, was sie am 28. August und die Tage vorher in ihren Konferenzen aufführen werden. Wenn ihnen dann ihre „Seelsorger" mit dem stolzen Namen von philosphischen Lehrgebäuden prunken werden, werden sie an jene Ausstellungshotels denken, deren Einsturz täglich zu befürchten ist und sie werden sich hüten, von ihren Rabbinern sich in die schwanken Gebäude hineinschwatzen zu lassen, so weit sie wenigstens noch nicht darin sind. — Oder wollen denn die amerikanischen Brüder nicht begreifen, daß diese Ausstellung des Judenthums in Chicago ein Machwerk ihrer pfäffischen Geistlichkeit ist, die ihnen damit Sand in die Augen streuen wollen, über die Hohlheit und Phrasenhaftigkeit ihres Systems d Werden sie nicht fürchten, daß auch über diesen ungeheuren Schwindel der Krach einst Hereinbrechen wird, aus dem es keine Rettung gibt? Vermischtes. *4 Worms. Vor Kurzem ist der stud. phil. Siegmund Haas von Eich bei Worms, ein braver, frommer, edler Mensch, gestorben. Mit ungemeinem Fleiße hatte er sich bei Herrn Rabbiner Dr. Stein und Lehrer Rothschild dahier für den Rabbinerberuf vorbereitet, und trat dann in das Rabbinerseminar zu Breslau. Hier, wie auch schon in Worms, entwickelte sich sein religiöser Sinn derart, daß er es mit der Erfüllung religiöser Pflichten bis ins Kleinste ungemein genau nahm. Doch das angestrengte Studium warf ihn auf das Krankenlager, so daß er ein ganzes Jahr den ferneren Studien entsagen mußte. Scheinbar wieder hergestellt, nahm er seine Studien wieder auf, bis er selbst einsah, daß seine gefährdete Gesundheit eine Fortsetzung seiner rabbinischen Studien unmöglich mache. Nachdem er in Darmstadt als Einjähriger gedient, bezog er die Universität Heidelberg, um hier moderne Philologie zu studiren. Auch hier setzte er das Talmudstudium fort. Ein Leiden, das er sich aller Wahrscheinlichkeit nach beim Militär zugezogen hatte, war