Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 43 (29.5.1893)
- Date
- 1893-05-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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815 schuld, daß dieser brave fromme Mensch, der zu großen Hoffnungen berechtigte, im Alter von 26 Jahren seine edle, reine Seele aushauchte. Unter großer Betheiligung von nah und fern fand in Osthofen seine Beerdigung statt. Möge der Allmächtige den schwer geprüften Vater und die ihm in inniger Liebe verbundenen Geschwister und Verwandten in ihrem Schmerze aufrichten! Rschd. Feuilleton. > Die drei Kronen. < Von H. Berger. (Alle Rechte Vorbehalten.) (Fortsetzung.) Der Knabe war in einen leichten Schlummer verfallen und beanspruchte nicht mehr die ganze angestrengte Aufmerksamkeit seiner Pfleger. Curiel bat deßhalb die junge Frau, in deren Antlitz Spuren der Ermüdung sichtbar wurden, sich eine Stunde Schlafs zu gönnen; doch diese weigerte sich entschieden und sprach: „Wie könnte ich schlafen und Ihnen allein die Sorge für Alfred aufbürden l Nein, ich will Ihnen einen anderen Vorschlag machen. Sie sind ein ausgewiesener Russe; erzählen Sie mir die Geschichte Ihrer Ausweisung!" „Kennen Sie nicht schon Noth und Elend genug?" fragte Curiel bitter; „wollen Sie noch mehr davon hören?" „Man sagt," entgegnete Frau Pinn, „die Kenntniß des größeren, fremden Leids mildere das eigene Weh. Wohlan, mildern Sie mein Leid, indem Sie mir das Ihrige erzählen." Curiel schwieg erst einige Augenblicke. In rascher Aufeinanderfolge zogen an seinem Geiste die gräßlichen Bilder der jüngsten Vergangenheit vorüber. Ein Beben ging durch seinen ganzen Körper, und ohne sich lange bitten zu lasten, begann er: „Meine Heimath ist Charkow am schwarzen Meere. In der Nähe dieser Stadt hatten meine Eltern ein großes Gut und eine bedeutende Lederfabrik. Mein Vater galt für den reichsten Mann seiner Provinz, und ob dieses Reichthums wurde er von vielen Seiten beneidet. Meine Mutter und meine Schwestern lebten ein glückliches, sorgenloses Leben und wußten nicht, was Sorge ist und wie sie aussieht. Ich war der einzige Knabe und mein Vater war nicht wenig stolz auf mich. Alles sollte ich lernen und kein Lehrer war ihm zu theuer, keine Ausgabe zu groß, wenn ich durch sie mein Wissen erweitern, meine Kenntnisse bereichern konnte. Und ich lernte gerne und leicht. Meine Lehrer waren stolz auf ihren Schüler. Nicht nur in den profanen Wissenschaften leistete ich Hervorragendes, auch im Studium der Thora machte ich solche Fortschritte, daß meine Lehrer große Hoffnungen auf mich setzten und meinen Vater zu bestimmen suchten, mich Rabbiner werden zu lassen. Aber das war nicht die Absicht des edlen Mannes. „Meine Töchter", sagte er, „erhalten einst eine Mitgift, daß sie sich an wohlhabende Männer verheirathen können; meine Schwiegersöhne mögen dann weiter für sie sorgen. Das Werk meines Lebens, mein Gut, meine Fabrik, gehört meinem Sohne. Hier wird er einen Wirkungskreis für seine volle Kraft finden und auch Gelegenheit haben, dem Studium unserer heiligen Lehre obliegen, ihm genügend Zeit widmen zu können." Und so trat ich, nachdem meine Studienzeit verflossen war, als Lehrling in die Fabrik des Vaters. Unter seiner strengen Aufsicht, in seiner gewissenhaften Lehre diente ich von der Pike auf. Mir wurde nichts geschenkt und als ich die Lehrjahre hinter mir hatte, war ich ein tüchtiger Arbeiter geworden. Meine Schwestern, die älter waren als ich, hatten stch früh verheirathet und lebten glücklich an der Seite ihrer Männer. So schien unser aller Glück fest begründet. Aber ein deutscher Dichter sagt: mit des Geschickes Mächten Ist kein ew'ger Bund zu flechten Und das Unheil schreitet schnell." Der Dichter hat Recht. Eines Tages, nachdem schon lange das Unheil in der Luft geschwebt hatte, war es da. Meine Eltern erhielten den Befehl, innerhalb dreißig Tagen das heilige Rußland zu verlassen. Umsonst petitionirte mein Vater um Verlängerung der Frist, da er in so kurzer Zeit seine Angelegenheiten nicht ordnen könnte — man schlug ihm seine Bitte ab. Für seinen Besitz, der eine Million Rubel Werth war, bot man ihm zweitausend. Trostlos, niedergeschlagen, traurig saßen meine Eltern da und jammerten und verzagten. Da erschien der Verführer in der Gestalt des Popen. In der einen Hand hielt er das Kreuz; Reichthum und Vaterland standen auf seiner Seite. In den anderen trug er die Armuth und die Verbannung und — meine Eltern waren stark genug — sie wählten das bessere Theil. Mit den übrigen unglücklichen Genossen mußten sie die Heimath verlassen, wenn sie ihrem Glauben treu bleiben wollten. „Daß ich das meinige that, um diesen) schrecklichen Schlag abzuwehren, können Sie sich denken. Meine Mutter war zu schwach, diese Aufregungen zu ertragen, sie starb, noch ehe die Frist abgelaufen war, die man meinen Eltern gelassen hatte. Meinem alten Vater und mir blieb nichts anderes übrig, als, nachdem wir die Verstorbene ins Grab gebettet, dem polizeilichen Befehl Folge zu leisten. Wir verkauften unseren Besitz und verließen mit Geld gut versehen, die Vaterstadt; aber faßt nackt, als Bettler,