Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 43 (29.5.1893)
- Date
- 1893-05-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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810 T^V daß ihm niemals Jemand mit dem Gruße zuvorgekommen sei, nicht einmal ein Heide auf der Straße." (Talmud Berachoth fol. 17 a.) Im Gegensatz zu der vielfach verbreiteten Anschauung, welche die Gottesfurcht als etwas Nebensächliches, Zufälliges, sich von selbst Machendes ansieht, das keiner besonderer Aufmerksamkeit und hingebender Pflege bedürfe, legt uns dieser Wahlspruch die Wahrheit nahe, welche Ueberlegung, ja geradezu, welche Klugheit es erfordert ein gottesfurchtiger Mensch zu werden. Die Ehrfurcht vor Gott verlangt die rückhaltloseste Hingebung, das Aufgebot der ganzen sittlichen Kraft und aller Geisteskraft, aber sie führt dafür auch zur höchsten Weisheit, die allein alle Räthsel des Lebens in beseligender Weise löst. nv2N mn 'n nun* p „Siehe, Gottesfurcht — das ist Weisheit" 'n nur nasn rvtwn. Das vorzüglichste, die Blüthe aller Weisheit ist Gottesfurcht, so und ähnlich lauten daher die Lobsprüche, mit welchen die Weisheit des Weisesten die Gottesfurcht feiert. — Um so weniger diese Furcht vor Gott noch eine Furcht vor Menschen kennt, so wenig duldet sie Geringschätzung oder gar Mißachtung der Menschen. Die Ehrfurcht vor Gott äußert sich in der Rücksicht, der Ehrerbietung und Achtung in Wort und That gegen alle Menschen, ohne Unterschied der Klasse, Rasse und des religiösen Bekenntnisses. Sie ehrt in jedem Menschen das Ebenbild des Schöpfers und lehrt daher ausnahmslos jedem mit dem Gruß zuvorzukommen: „Rabbi Chelbo lehrte im Namen des Rab Hunna: Wer von Jemand weiß, daß er ihn zu grüßen pflegt, muß ihm mit dem Gruß zuvorkommen; wem man aber den Gruß entbietet und er erwiedert ihn nicht, der verdient Räuber genannt zu werden." (ibid fol. 6.) In dem Traktat Kallah wird die Frage aufgeworfen : Ist man gehalten Götzendiener zu grüßen? und zur Antwort darauf hingewiesen, daß es ausdrückliche Bestimmung sei, sie zu grüßen, sogar an ihren Festtagen. Ist es somit ausdrückliche Bestimmung, wozu bedarf es erst der Frage? Die Frage bezieht sich, wie dort ausgesührt wird, nur darauf, ob man auch Götzendienern mtt dem Gruße zuvorzukommen verpflichtet ist, was ebenfalls bejaht wird.; — Auf die Frage, ob man Mörder, Ehebrecher, der Ausrottungsstrafe Verfallene grüßen soll, wird daselbst entschieden, daß die Erwiederung eines , Grußes auch von solchen Menschen selbstredend Pflicht sei, dagegen sei es unstatthaft ihnen den Gruß entgegenzubringen. i Man sieht daraus wie nach der Anschauung! unserer Weisen nicht nur der das Sittengesetz beobach- ' tende Heide, sondern selbst der Götzendiener auf! der Straße, dessen sittliche Qualification mns unbekannt und daher zweifelhaft ist, höher steht als der notorische jüdische Gesetzesübertreter. — So wenig unsere auf beschränkte menschliche Einsicht sich gründende Rangirung nach würdig und unwürdig die allen Menschen schuldige Rücksicht beeinträchtigen darf, so wenig wäre es andererseits mit dem Adel menschlicher Gesinnung vereinbar, gegen unbezweifelte Würdigkeit und Unwürdigkeit in unserem Umgang und Verkehr gleichgtltig zu sein. Hier gilt die Regel: djt 'in □6yn£6 wn »nn 5xi. „Set lieber der letzte unter den Löwen, als der erste unter den Füchsen." Auf unseren Gruß, auf unser rücksichtsvolles Entgegenkommen mögen Löwe und Fuchs gleichen Anspruch haben. Zu Zeiten mag sogar die listige Verschlagenheit des Fuchses höher im Cours stehen, als die Machtfülle des Löwen n’V tjd hmtjd «Vyn. Aber deßhalb wird sich doch Niemand darüber hinwegtäuschen, daß füglich doch der Löwe der Löwe und der Fuchs nur ein Fuchs ist, daß der Schweif des Löwen auch noch Löwe und selbst der Kopf des Fuchses nur Fuchs bleibt. So selbstverständlich dies auch ist, so wird ihm doch vielfach entgegengehandelt. Im Talmud Jeruschalmi (Sanhedrin Perek IV) wird ausdrücklich bemerkt, unsere Mischna wisse sich hier im Gegensatz zur landläufigen Annahme und betone daher ihre Auffassung besonders. wbywb Mn ^ni nriNb sj? nn mo« wtjhd .nrw^ n^>i tvm nn noN „Die Mischna sagt: Sei der Schweif bei den Löwen und nicht das Haupt bei den Füchsen, das Sprüchwort dagegen sagt: Sei das Haupt bei den Füchsen und nicht der Schweif bei den Löwen." Wir wissen von Cäsar, daß er lieber im kleinsten Dorf der erste, als in Rom der zweite sein wollte, aber wir wissen auch, daß alle äußeren glänzenden Erfolge das Schicksal Cäsars und das Geschick dieses vom Ehrgeiz verblendeten Cäsartsmus nicht aufzuhalten vermochten und vermögen. — Im Gegensatz zu diesem chauvinistischen Jmperatorenwahn lautet die jüdische Lebensweisheit: M3DD DIN bv IDlpö IDIN »Dl» D") XWn lrso pl 'Dl »J»D3 lJ’UD pttf lÖlpO nN TDD Dn« /di nj/iD Rabbi Jose lehrt: Nicht der Ort ehrt den Menschen, sondern der Mensch ehrt seinen Ort. (Talmud Taanith 2ia.) Deßhalb zieht unsere Spruchweisheit den letzten Platz in Gesellschaft von Löwen, dem ersten unter Füchsen vor. (Fortsetzung folgt.)