Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1893-05-25 · Heft 42 (25.5.1893) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 42 (25.5.1893)
Date
1893-05-25
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448315-2448355--36405-2484430
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

795 :r f- Die das glaubten und hofften, kannten den 1- Mann schlecht, die wußten nicht, wessen ein Renegat, lder noch obendrein Antisemit geworden und durch s die Schwennhagen'sche Schule gelaufen ist, an Niedertracht, Gemeinheit und Thaten giftgeschwollen ner Bosheit fähig ist. Jetzt hat Paulus Meyer isich selbst übertroffen, indem er unlängst in einem i- Briefe an Dr. Joseph Decker — neben dem berüchtigr ten Rohling einer der gemeingefährlichsten chriftkaitholischen geistlichen Hetzer — erklärte, daß er e selbst vor 18 Jahren in Rußland Zeuge t eines Ritnalmorbes gewesen sei. Ausführ- - lich beschreibt er in seinem Brief, den Dr. Deckert t im Verlauf einer Zeitungspolemik, die er mit dem - Rabbiner Dr. Bloch in Wien führte, im dortigen t „Vaterland" veröffentlichte, alle Einzelheiten des ) von ihm natürlich frech erfundenen Hergangs. Er - nennt ausdrücklich die Namen der an dem Morde z Betheiligten, gibt den Ort der Handlung an — - kurz, wenn man nicht wüßte, daß die Geschichte von Paulus Meyer erzählt wird, könnte man fast annehmen, daß thatsächlich irgend ein geisteskranker religiöser Fanatiker einmal ein solches entsetzliche Verbrechen begangen habe. Da aber außer Paulus Meyer Niemand für die Richtigkeit seiner Darstellung bürgt, ist sie natürlich erlogen, obwohl oder viel- I mehr gerade weil Meyer sich bereit erklärt, vor jedem Gerichtshof einen Eid darauf abzulegen, daß er nur die lautere Wahrheit geschrieben habe. Indem die „Staatsbürger-Zeitung" diesen Brief des Paulus Meyer vorbehaltlos übernimmt und an leitender Stelle zum Stützpunkt für Betrachtungen macht, wie sie gehässiger und nichtswürdiger nicht gedacht werden können, stellt sie sich ganz auf den Schwennhagen-Meyer'schen Standpunkt, den Ahlwardtismus hat sie überwunden (er war ihr offenbar noch viel zu anständig) . . . fortan wird sie dem Antisemitismus Schwcnnhagen'scher Prägung dienen, der aus der blanken Gemeinheit geformt ist. In wieweit ein direkter Schwcnnhagen'scher Einstuß zu dem Zustandekommen des Mtyer'schen Briefes beitrug, möge dahingestellt bleiben. Den Geist Schwennhagen's athmet das Sudelwerk in jeder Zeile, in jedem Worte. Die Schwennhagen'sche j Schule ist weit frivoler und dennoch viel geschickter, als - die Ahlwardt'sche Richtung Ahlwardt läßt sich j festnageln auf seinen Lügen — Paulus Meyer j aber nicht. | Der „Kindesmord", von dem er spricht, soll! sich vor 18 Jahren zugetragen haben. Offenbar verjährt auch in Rußland ein Mord nicht so rasch, obwohl dort das Menschenleben ziemlich niedrig im Preise steht. Angenommen nun, die russischen Gerichte würden jetzt noch die Anklage wegen Mordes erheben, so' würde Paulus Meyer als Belastungszeuge zu laden und zu vernehmen sein. Er aber hat sich ja schon bereit erklärt, die Geschichte zu beschwören. Thäte er dieses, so wäre die Anklage für einen russischen und schon deßhalb judenfeindlichen Gerichtshof genügend begründet. Der Ritualmord wäre erwiesen — sollte es darauf vielleicht abgesehen sein? Man kann nämlich nicht gut annehmen, daß ohne allen Grund der höchst ehrenwerthe und durchaus einwandfreie „Zeuge Meyer" nun mit einem Male mit einer Schauermär an die Oeffentltchkeit tritt, von der er in allen seinen bisherigen Kämpfen gegen das Judenthum nie ein Sterbenswörtchen gesprochen hat. Irgend eine Absicht muß ihn dabei doch leiten. Allem Anscheine nach handelt es sich hier um ein nichtswürdig schlau angelegtes Komplott, vermittelst dessen dem Judenthum ein schwerer Schlag zugefügt werden soll. Für die unverbesserlichen Optimisten unter den Juden, die immer noch der Ansicht sind, daß der Antisemitismus gar nicht gefährlich, daß er gar nicht ernst zu nehmen sei, sollten die hier geschilderten Vorgänge denn doch eine Anregung zu ernstem Nachdenken enthalten. Zeitungsnachrichten und Correspoudeuzeu. Deutschland. Mainz, 23. Mat. Es muß jeden aufrichtigen Freund unseres geliebten deutschen Vaterlandes mit tiefer Trauer erfüllen, wenn er sieht, wie die besten, edelsten und gelehrtesten Mitglieder des deutschen Reichstages sich in ostentativer Weise vom parlamentarischen Leben zurückziehen und eine Wiederwahl zu Abgeordneten ablehneu, Sogar eine Reihe hochangesehener konservativer Volksvertreter scheinen in Anbetracht des Niveau's, auf das die Ahlwardt und Genossen den deutschen Parlamentarismus hinabgezerrt haben, einen Ekel vor weiterer Zugehörigkeit zu unserer gesetzgebenden Körperschaft zu empfinden und verzichten auf die ihnen angkbotene Ehre der Wiederwahl. Wahrlich die Herren Judenfresser, denen niemals ein Kampfesmittel zu verwerflich ist, um es nicht gegen die Juden anzuwenden, können stolz auf ihre Erfolge sein. Sie haben den deutschen Reichstag, der in beiden Hemisphären sich unter den Volksvertretungen aller Länder des höchsten Ansehens erfreute, zum Tummelplatz niedriger und aufgeblasener Bterstubenredner herabgewürdigt. Ob die Regierung auch jetzt noch nicht einsieht, daß man den Herren den Brodkorb ein wenig höher hängen muß?

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.