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Der Israelit · 1893-05-25 · Heft 42 (25.5.1893) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 42 (25.5.1893)
Date
1893-05-25
Page
– (sequence 10)
Language
German
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794 MMDWDWWff ' > pole des Reiches selbst einen neuen Fall Buschoff zu konftruiren — und durch dieses nichtswürdtge Mittel den urtheilslosen Pöbel der Reichshauptstadt zu Excessen gegen die Juden aufzustacheln. Unterschrieben war die Einladung von einem Jnviduum Namens Grohmann, als dessen Wohnung das Haus Eisenacherstraße 10 angegeben war. In diesem Hause wohnt aber kein Mensch Namens Grohmann — dagegen haust dortselbst Ludwig Schwennhagen, mit dem ich in einem meiner letzten Artikel die Leser des „Israelit" bekannt gemacht habe. Daß Schwennhagen, nach seiner ganzen Vergangenheit nicht mehr die Möglichkeit hat, sich auf anständige Weise eine Position im Leben zu machen, leuchtet ohne Weiteres ein. Der Mensch ist ein Desperado der schlinimsten und gefährlichsten Sorte. Alle Mittel sind ihm recht, die ihn zum Ziele führen — zu dem Ziele nämlich, auf Kosten der großen, blöden Menge ein Faullenzerleben zu führen, das durch lasterhafte Genüsse gewürzt wird und ihm außerdem die Befriedigung seiner krankhaften Eitelkeit gewährt. Schwennhagen ist eine jener herostratischen Naturen, die um jeden Preis von sich wollen reden machen. Seine Genußsucht und seine Eitelkeit haben ihn zu dem sittlich verlotterten Individuum gemacht, als welches er schon längst den Eingeweihten bekannt war und neuerdings auch in der Oeffentlichkeit bekannt wurde. Wenn er jetzt schamlos genug ist, in der vorbeschriebenen Weise ans einem an sich so überaus betiübenden Vorfall für seine hetzerischen Zwecke Kapital schlagen zu wollen, so ist dies ein handgreiflicher Beweis dafür, daß dieser zwar durch und durch verkommene, aber dennoch mit Verstandesgabeu wohl ausgerüstete Mensch das Berliner Antisemiten-Publikum zum Mindesten als völlig reif für eine derartige Agitation ansieht. Und gerade das ist das Bedenkliche an der Sache. Bezeichnend ist es auch , daß Schwennhagen mit dieser seiner Auffassung nicht allein dasteht, sondern daß die „Staatsbürgerzeitung" sie theilt. Freilich, das Organ des Dr. Bachler, der ja auch zum Reichstag kandidirt, geht etwas vorsichtiger zu Werke. Die Zeitung hält aber doch ebenfalls den gegenwärtigen Moment für geeignet, abermals die Blutfabel aufzufrischen und auf angeblich neue Beweise sich stützend, die Behauptung aufzustellen, daß allen Ableugnungen zum Trotz, es unter den Juden dennoch eine religiöse Richtung gebe, die zur Herstellung ihrer Osterbrode des Blutes von Christenkindern nach ritueller Vorschrift sich bedienen müsse. Und — unglaublich, aber wahr! — die „Staatsbürgerzeitung" besitzt die eiserne Stirn, als Gewährsmann für die Richtigkeit dieser ihrer Behauptung den sattsam bekannten Missionsschnorrer und Geschäftschristen Paulus Meyer, einen getauften Juden zu führen, der Jahre lang von Hochstapeleien lebte, die er in den Kreisen der protestantischen Judenmission betrieben hat. Dieser Paulus Meyer, der vor einiger Zeit aus Preußen ausgewiesen wurde, macht seit längerer Zeit schon ein Geschäft daraus, seinen ehemaligen jüdischen Glaubensgenossen allerlei ungeheuerliche Dinge nachzusagen, die geeignet sind, das ohnehin noch immer unter der Asche glimmende Vorurtheil gegen Judenthum und jüdisches Wesen in bedenklichem Grade auch bei solchen Leuten zu verstärken, die nicht eigentlich Antisemiten sind, und dadurch dem Judenhaß immer neue Nahrung zuzuführen. Hier in Berlin waren Paulus Mcyer und Ludwig Schwennhagen eng mit einander verbunden. Schöne Seelen finden sich — die beiden Erzschelme mußten sich zu einander hiugezogen fühlen, sie waren dazu geboren, einander zu verstehen, denn beide hatten es sich zum Lebensberufe gemacht, auf Kosten der Dummen zu leben und weder der Eine noch der Andere besaß auch nur noch den geringsten Rest von moralischen Bedenken. Mit Paulus Meyer zusammen verfaßte Ehren- Schwennhagen das Flugblatt mit den gefälschten Talmudauszügen, wegen dessen Dr. Hirsch Hildesheimer ihn einen Fälscher und Lügner nannte, ohne daß er es gewagt hätte, die Verleumdungsklage anzustrengen, obwohl er, um klagen zu können, mehrere hundert Mark zusammenschnorrte. Gemeinschaftlich mit dem Biedermann Meyer hielt Schwennhagen und hielten andere antisemitische Führer desselben moralischen Kalibers Volksversammlungen ab, in denen über Talmud und Schulchan Aruch das kauderwälscheste und zugleich boshafteste Zeug in die Welt hinein orakelt wurde, wobei dann in der Regel der biedere Meyer „autoritativ" bestätigte, daß alles dieses Schändliche sich in den heiligen Schriften des Judenthums sich vorfände. Wiederholt hat auch Meyer schriftlich und mündlich erklärt, daß er als gründlicher Kenner der jüdischen Literatur und Tradition bestätigen müsse, es bestehe in der That eine Ueberlieferung, derzufolge zu den Paffahbroden Christenblut gebraucht werden sollen. Zu alle dem hat, wie gesagt, Paulus Meyer, der zu jener Zeit stark unter Schwennhagen'schen Einfluß stand und sich hier in Berlin von den Antisemiten, wenn auch nicht anständig, so doch auskömmlich ernähren ließ, seine schmutzige Hand geboten. Damals hatte es den Anschein, als ob er einer größeren Gemeinheit nicht mehr fähig, als ob er den schmutzigsten Bodensatz seiner unreinen Seele bereits verausgabt habe und nun kaum noch irgend welchen Schaden anrichten könne.

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