Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 42 (25.5.1893)
- Date
- 1893-05-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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- »•■».u,,., .> ^^u...,y, i.. u ■ ..,.jw XXXIV. Jahrgang. Erste Beilage ju M 42 des „Israelis. Leitender Artikel. Die Blutlügner an der Arbeit. □ Berlin, 19. Mai. Wenn es jemals eines Beweises bedurft hätte dafür, daß die antisemitische „Lehre" eine scheußliche Ausgeburt entweder des blödsinnigsten Fanatismus oder der tiefsten sittlichen Verkommenheit ist, so wäre dieser Beweis zur Genüge erbracht durch die teuflische Beharrlichkeit, mit der die Vorkämpfer dieser dem deutschen Namen zur ewigen Schande gereichenden volksverhetzenden Bewegung sich immer und immer wieder an die scheußliche Lüge vom Ritualmord anklammeru. Wenn im fernen Ungarn, wo die Volksbildung im Allgemeinen eine sehr niedrige und der Hang zunl Abenteuerlichen, Phantastischen und Grausigen übermäßig stark entwickelt ist, in unseren Tagen mit Erfolg die Lüge verbreitet werden konnte, daß die Juden zu rituellen Zwecken ein Christenmädchen geschlachtet hätten, so ist dies gewiß recht bedauerlich gewesen — ganz unbegreiflich aber war es nicht. Mit wachsendem Staunen, mit von Tag zu Tag sich steigerndem Befremden lasen wir damals die Berichte über den Sensationsprozeß von Ttsza- Eßlar, der auf eins der dunkelsten Gebiete des menschlichen Seelenlebens grelle Streiflichter fallen ließ, die eine erschütternde Wirkung ausübten. Heuchlerischen Hochmuths voll mag damals, im Hinblick ans unsere um so Vieles bessere Volksbildung so mancher deutsche Leser zu sich selbst die Worte gesprochen haben: Gottlob, dergleichen wäre bei uns doch ganz und gar unmöglich! Und nun haben wir es dennoch mit ansehen müssen, wie in einem konkreten Falle sich die für das deutsche Nationalbewußtsein so überaus demüthigende Thatsache herausstellte, daß breite Schichten unseres Volkes ganz denselben abergläubischen Vorstellungen zugänglich sind, wie die in Unwissenheit verkommenden Bewohner des ungarischen Flachlandes, daß wir also keinen Grund haben, uns auf unsere Volksbildung irgend etwas einzubilden. Der Fall Buschoff wird in die fernste Zukunft hineinragen als ein düsteres Malzeichen, das von gar unheimlichen Dingen und Vorgängen Kunde gibt, die noch gegen Ende des 19. Jahrhunderts sich in dem wegen seiner Bildung und Ctvilisation so vielfach gepriesenen Deutschland abspielen konnten. Der Fall Buschoff, diese reifste Frucht der antisemitischen Verhetzungsthättgkett, wird dem künftigen Kulturhistoriker den Beweis dafür liefern, daß noch in unseren Tagen die Bildung nur eine ganz oberflächliche war und daß stellenweise der Barbar mit allen seinen blutgierig-rohen Instinkten wieder zum Vorschein kam, sobald man die von der Kultur nur oberflächlich bedeckten Theile des deutschen Volksthums auf ihren eigentlichen Bildungsgehalt hin prüfte. Man sollte meinen, daß die furchtbare Niederlage, die sie im Buschoffprozesse und in den später folgenden, aus diesem hervorgegangenen Preßprozessen erlitten haben, den Antisemiten ein für alle Male die Lust verleidet hätten, jemals wieder auf die Lügenmär von dem jüdischen Blutritual zurückzukommen. Dies ist aber ersichtlich nicht der Fall gewesen. Im Gegentheil: sie halten gerade die gegenwärtige Zeit, da infolge der Retchstagsauflösung und der Wahlagitation die Gemüther heftig erregt sind, für besonders günstig, auf's Neue die Blutlüge in Umlauf zu setzen. Vor einigen Wochen verschwand auf eine bisher unaufgeklärt gebliebene Weise hier in Berlin die 14jährige Hedwig Weber, die Tochter eines Fleischermeisters in der Potsdamerstraße. Den Gram und die Verzweiflung der leidgeprüften Eltern kann man sich denken. Im Verein mit der Polizei, die sich des Falles mit vielem Eifer annahm, boten sie Alles auf, was in ihren Kräften stand, um den Verbleib ihres Kindes zu ermitteln. Jede auch noch so schwache Spur wurde ausgenommen und verfolgt, eine Belohnung wurde ausgeschrieben, unzählige Beamte wurden in Bewegung gesetzt, der Telegraph und das Telephon wurden in den Dienst der behördlichen und privaten Nachforschungen gestellt — leider alles, alles vergebens! Und angesichts des herzergreifenden Schmerzes, angesichts der schier hoffnungslosen Verzweiflung des unglücklichen Elternpaares, angesichts der leicht begreiflichen Beunruhigung, die dieser Fall in weitesten Kreisen hervorgerufen hat — angesichts alles dessen gibt es im antisemitischen Lager schurkische Subjekte, die kein Bedenken tragen, ein so trauriges Vorkommniß zu hetzerischen Zwecken auszubeuten, um damit ihre Kasse zu füllen. Auf den Straßen von Berlin wurden dieser Tage Zettel vertheilt, durch die zum Besuch einer Volksversammlung aufgefordert wurde, in der neben andern antisemitischen Enthüllungen über „schlechte Streiche" der Juden, auch Mittheilungen über den Verbleib des verschwundenen Kindes gemacht werden sollten. Es handelte sich hier offenbar um den ersten tastenden Versuch, in der Metro-