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Der Israelit · 1893-05-25 · Heft 42 (25.5.1893) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 42 (25.5.1893)
Date
1893-05-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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786 Daseins freuten. Die Alten erzählten der jüngeren Generation von jenen Zeiten, in welchen der glühende Feuerball am Firmament noch kaum sichtbar war, wie kalt und naß es damals in der Welt gewesen sei, als von den Wipfeln ihrer Riesenbäume noch kalte Thaubäche niederstürzten, wie die Welt aber immer schöner und wärmer geworden sei und sich in unaufhaltsamem Fortschritt immer herrlicher entwickle. So schaukelte die muntere Schaar sorglos auf den vollen Aehrenspitzen, die zustimmend zu dem Lobgesang über die schöne Zeit mit den schweren Häuptern nickten und sich gern zum Tummelplatz für das heitere Völkchen der Eintagsfliegen Hingaben. — Da, als die Sonne im Zenith stand, kamen die Schnitter — die Engel des Todes mit ihren Sensen in den Augen der Eintagsfliegen — und hatten in kurzer Zeit den herrlichen Weizenwald ausgerodet. Ueber den am Boden liegenden Ruinen ihres einstigen Glücks summten die aufgescheuchten Eintagsfliegen ihr Lied von der Rücksichtslosigkeit und Beschränktheit der Schnitter, die sich die Krone der Schöpfung dünken und eine solche Fülle von Herrlichkeit muthwillig zerstörten und noch vieles andere der Art, wie sich der Kopf einer Eintagsfliege die Welt zurechtlegt. Wie sollte eine Eintagsfliege auch anders philosophiren! Sie weiß nicht einmal etwas von den Kernen, welche die Wetzenhalme tragen, sie glaubt, das Weizenfeld sei wegen der Halme bestellt, die ihr Schutz und Schatten gegen die Glühhitze des Tages gewähren. Wenn morgen die Aehren, in Garben gebunden, auf den Erntewagen geladen und fortgefahren werden, ist sie längst todt. Sie weiß nichts von der Scheune, nichts von der Existenz einer Mühle und eines Müllers und gar eines Bäckers, der die gemahlenen Weizenkerne zu Brod backt, aus dem die Schnitter, welche dem Weizenfeld den Tod brachten, neues Leben schöpfen und dann, wenn sie lange genug Leben aus der Erde geschöpft, ihr wieder verfallen, um ihr neue Kraft für neue Weizenfelder zu geben.-In dieser Kette von Ursachen und Wirkungen ist jeder einzelne Ring ein mit sieben Siegeln verschlossenes Geheimniß, das hoch über dem Horizont auch der erleuchtetsten Eintagsfliege liegt. Wir brauchen die Nutzanwendung dieses Gleichnisses nicht weiter auszuführen. Wenn in Gottes Augen für seine Welt- und Menschenentwickelung tausend Jahre einen Tag bedeuten, dann sind die siebenzig und höchstens achtzig Jahre, welche dem menschlichen Leben im günstigsten Falle heschieden sind, noch nicht ein Zehntel der Zeitspanne, welche der Eintagsfliege zugemeffen ist. Wer aber in der Flucht der Zeiten sich zur Thora geflüchtet und von ihrem Geist erleuchtet, das Leben zu erfassen und zu würdigen gelernt, wird in dem Säuseln sonnenbeschienener Weizenhalme nicht das höchste Glück, und ihrem Schnitt nicht das höchste Unglück erblicken. Er wird getreu dem Worte Salomos: "inrn 7:6 ^22 'n riv2 auf den großen Meister mit ganzem Herzen vertrauen, der hinter den Schnittern des vermeintlichen menschlichen Glückes steht, denn er ahnt, wenn er ihn auch nicht sieht, der ihm Bürge dafür ist, daß in der Welt, die sein Wille geschaffen hat, nicht Willkür und Gewalt, sondern Ordnung und Recht waltet, wie -sehr auch der Schein für das Gezentheil spricht. Glück und Unglück, Bravheit und Verworfenheit erscheinen demjenigen, unter einem ganz anderen Gesichtswinkel, der sich nicht auf seine Einsicht verläßt, und der davon durchdrungen ist, daß er nicht einmal die ersten Voraussetzungen in Händen hat, um auch nur die Faktoren zu begreifen und richtig zu würdigen, aus denen sich jenes Lebensproblem zusammensetzt. Vielleicht wollen die Worte Rabbi Jannais D'p'wmiD'D DW*in rnhwa U’T3 px sagen : Wir, die wir auf dem Boden der Thora stehen und mit ganzem Herzen Gott vertrauen, haben thatsächlich kein Verständniß dafür, wie man von einem Glück der Schlechten und von einem Leiden der Gerechten auch nur sprechen kann! Unser Mückenschwarm kann seinen ihm zugemessenen Tag in sorgloser Ungebundenheit dahinschwirren, denn er hat keine Ahnung, daß jählings der Schnitter kommt und dieser Freude ein Ende macht. Aber der in Leichtsinn und Uebermuth durch das Leben Tändelnde, je glücklicher er nicht nur scheint, sondern es in Wirklichkeit ist, um so quälender, störender und beängstigender muß ihm das sichere Bewußtsein werden -. es gibt einen Gott, cs gibt eine Verantwortung, es kommen die Zeiten, von denen du sprechen wirst, ich habe keinen Gefallen daran. „Dann reißt zuvor die silberne Schnur, und bricht die goldene Schale, und zertrümmert wird der Krug am Quell und zerschlagen das Rad am Born, und zurückkehrt der Staub zur Erde, so wie er gewesen, und der Geist kehrt zu Gott, der ihn gegeben." Wohl, der Arme beneidet das glänzende Glück des Reichen, lein Gold, seine Genüsse und seine Ehren. Aber beneidet der Reiche nicht auch den Armen, um seine strotzende Gesundheit, um seine Körperkraft, um seine Widerstandsfähigkeit zur Ertragung aller Lasten und Mühen des Lebens? Wer ist der Glückliche von Beiden und wer ist der Unglückliche? Derjenige, der blasirt, entnervt und von seinemMohlstand verhätschelt in einem Haufen Metallstückchen, die er sein Vermögen nennt, wühlen^kann, oder der Besitzer zweier gesunder Arme,

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